
Ein kleines Gedankenexperiment: Sie sind in der Nähe von Straßburg und möchten eine Bestellung versenden. Sie beauftragen hierfür ein Logistikunternehmen Ihrer Wahl, die Ware zum nächstgelegenen Hafen, von dort mit dem Frachtkahn zum Straßburger Hafen und dann mit dem Lkw zu Ihrem Kunden zu bringen. Oder Sie nehmen für die gesamte Strecke einen Lkw – ohne Zwischenstopp. Für welche Variante entscheiden Sie sich? In der Praxis bekommt oft die zweite Lösung den Zuschlag, ungeachtet der bereitstehenden Kapazitäten etwa auf dem Wasser- oder Schienenweg.
Patrick Hell, Referatsleiter für Grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Verkehr bei der IHK Alsace Eurométropole Mulhouse ist sich dessen sehr wohl bewusst: „Mit dem Lkw kann man von Tür zu Tür fahren, ohne Lieferunterbrechung. Die Kosten für den Straßentransport sind immer weiter gesunken. In den 1960er und 1970er Jahren galten obligatorische Tarife, die die Kosten für den Straßentransport künstlich hoch gehalten haben. In den 1980er Jahren wurde das abgeschafft.“
In einem 2021 aktualisierten Dokument listen die Handelskammern beidseits des Oberrheins 20 förderungswürdige Schlüsselprojekte auf (mehr siehe Infokasten), die sowohl den Lkw-Verkehr als auch alternative Transportkombinationen adressieren. Für Patrick Hell „setzt Europa nicht so sehr darauf, neue Verkehrsinfrastrukturen zu entwickeln, sondern vorhandene auszubauen und effizienter zu gestalten. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, den Schwerpunkt auf Multimodalität und die Verkürzung von Lastunterbrechungen zu legen.“ Das Dokument enthält Vorschläge zu einer Öffnung weit über den Rhein hinaus, wie eine bessere Anbindung ans Mittelmeer beim Schienenverkehr, um Zugang zu den Häfen von Sète, Marseille und Barcelona zu erhalten. Vom ewigen Klischee, dass der Handel in Frankreich auf Südeuropa und der in Deutschland auf die nordischen Länder ausgerichtet ist, hält Patrick Hell nicht viel: „Die deutsche und die schweizerische Seite haben zwar mehr Kontakte mit Nordeuropa, aber sie würden auch von einer Alternative nach Süden profitieren, vor allem wegen der Überlastung der Nordrange-Häfen.“
Das Elsass und seine „Maut“
Aber der Übergang zur sogenannten „sanften Mobilität“ gestaltet sich schwieriger und kostspieliger als geplant. „Als der Bahnhofsvorplatz in Mulhouse renoviert wurde“, erinnert sich Patrick Hell, „wurde der Schutt mit Schleppkähnen abtransportiert. Es war ein politischer Wille, das Stadtzentrum nicht mit Lastwagen zu belasten. Aber das kostet natürlich.“
Aktuell erwägt die Europäische Gebietskörperschaft Elsass die Einführung einer Lkw-Maut. Eine doppelte Strafe für die ortsansässigen Unternehmen, die bereits lokale Steuern zahlen, findet Olivier Schmitt, Referatsleiter für Regionalentwicklung bei der IHK Alsace Eurométropole Mulhouse. Mit welchem Trick könnte man aber lokale Transporte von europäischen Konvois unterscheiden? Bayern hat es versucht und ist am EU-Recht gescheitert.
Gleichwohl beschäftigt sich Olivier Schmitt mit der Frage, welchen Handlungsspielraum Unternehmen haben, solange für emissionsfreie Fahrzeuge noch die Wettbewerbsfähigkeit oder die Infrastruktur fehlen. „Es geht darum, die Transportmittel nicht gegeneinander auszuspielen, sondern jedes einzelne so zu optimieren, dass Unternehmen lokal auf ein vielfältiges und leistungsfähiges Angebot zurückgreifen können, das auf ihre speziellen Bedürfnisse ausgerichtet ist.“ Mit anderen Worten: Der Lastwagenverkehr hat noch lange nicht ausgedient.
Text: Pierre Pauma, Ulrike Heitze/Übersetzung: Caroline Rosique
Bild: Adobe, katarinanh
Die 20 Schlüsselprojekte im Detail in der WiS-Ausgabe 1/2022 oder im Netz unter: www.wirtschaft-im-suedwesten.de/themen-trends/ihks-machen-sich-fuer-20-schuesselprojekte-stark
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