
Seit einigen Jahren verzichten die ehrenamtlichen Mitglieder des IHK-Berufsbildungsausschusses auf ihre Sitzungsgelder und Fahrtkostenzuschüsse, um sie stattdessen an soziale Institutionen zu spenden, die sich für Kinder und Jugendliche einsetzen. Die Summe aus dem Sitzungsjahr 2018, exakt 2.332,20 Euro, ging an die Timeout Jugendhilfe, eine gemeinnützige GmbH in Breitnau im Hochschwarzwald.
Schulverweigerung, Probleme im Elternhaus und in der Gesellschaft sind meist die Gründe, die Kinder und junge Erwachsene auf das Hofgut Rössle von Timeout führen. Derzeit befinden sich 16 Mädchen und Jungen im Alter von zehn bis 18 Jahren dort. „Immer häufiger erfahren Jugendliche durch nicht konformes Verhalten eine Stigmatisierung und verlieren in der Folge an Selbstwert“, berichtet Daniel J. Götte, Leiter der Einrichtung. Ziel von Timeout ist es daher, zunächst den Lebensmut der Jugendlichen zu steigern, Talente zu entdecken sowie ihre Neugier auf die Schule wieder zu wecken. Wie das funktioniert? Zunächst „dürfen“ die Jugendlichen drei Monate lang nicht zur Schule gehen. „Diese Phase dient der Akklimatisierung und der Etablierung eines neuen Lebensrhythmus’, der die Jugendlichen aus der Krisensituation abholen soll“, erklärt Hubert Schwizler, der für die schulische Leitung bei Timeout in Breitnau verantwortlich ist. Konkret bedeutet das für die Jugendlichen, die aus dem Landkreis und dem gesamten Bundesgebiet stammen, dass sie auf dem Hofgut Rössle zunächst meist eine große Umstellung erfahren: Bis zur nächsten Bushaltestelle sowie zum nächsten Tante-Emma-Laden sind es jeweils fünf Kilometer, Nachbarn gibt es kaum, und auch der Handyempfang ist mitten im Hochschwarzwald eher dürftig. In der Einrichtung lernen die Jugendlichen, sich durch sinnvolle Tätigkeiten in die Gemeinschaft einzubringen. Nach einem strengen Tagesrhythmus, der um sechs Uhr morgens beginnt, wird von ihnen erwartet, in der Einrichtung mitzuarbeiten. Dazu gibt es verschiedene Angebote in der Forst-, Land- oder Hauswirtschaft. So müssen beispielsweise die Kühe zweimal täglich gemolken, das Mittagessen für alle Hausbewohner muss gekocht werden, und auch in der angrenzenden Holz- und Metallwirtschaft gibt es immer etwas zu tun.
Über die Erfolge bei der Arbeit sammeln die Jugendlichen neue Kraft, entdecken neue Interessen und entwickeln ein Gemeinschaftsgefühl. „Und meist kommt dann die Frage, wann sie wieder zur Schule gehen dürfen, bei den Jugendlichen ganz von selbst“, weiß Götte. In Absprache mit Lehrern und Erziehern dürfen sie im nächsten Schritt selbst bestimmen, in welchem Umfang und Tempo sie wieder an Schulangeboten teilnehmen. Durchschnittlich verbringen die Jugendlichen zwei Jahre bei Timeout und werden von Pädagogen, Sozialpädagogen und Erziehern betreut. Götte: „Wir bieten den Jugendlichen einen sicheren Ort und eine Heimat auf Zeit.“
Neben der Wiedereingliederung in eine Gemeinschaft und das Schulsystem erhalten die Jugendlichen in der Einrichtung Hilfe bei der Berufsorientierung und der Suche nach Praktika, damit sie sich nach ihrem Aufenthalt weiterentwickeln können. „Unser System stempelt zu schnell ab und ist nicht dazu geeignet, diese speziellen Talente zu fördern. Dabei sind unter den zehn Prozent Schulverweigerern in Deutschland viele Querdenker und Kreative, die mutig ihre Ziele verfolgen und sich nicht scheuen, neue Wege auszuprobieren. Damit bringen sie also genau das mit, was in der Industrie, auch in Zeiten des Fachkräftemangels, gesucht wird“, sagt Götte. Der Erfolg gibt ihm recht: Viele der Jugendlichen, die die Einrichtung verlassen, schließen eine Ausbildung ab und meistern den Einstieg ins Berufsleben. „Einer davon hat sogar später einen Abschluss in Cambridge geschafft“, berichtet Götte.
heo