Jörg Hieber

Rebell mit Manieren

Vor 60 Jahren eröffnete Jörg Hieber einen 50 Quadratmeter kleinen Laden in Höllstein. Heute steht sein Name auf 17 Märkten der Edeka Südwest – und er hat mitentschieden, wie der gesamte Verbund tickt.

von Patrick Merck

Es gibt Biografien, die selbst im Film nicht funktionieren würden, weil das Drehbuch zu unrealistisch scheint. Die von Jörg Hieber ist so eine. Geprägt von der Kriegs- und Nachkriegszeit, von Tatendrang und Wagemut und wie viele Biografien aus den goldenen Jahren der Bundesrepublik: heute kaum mehr vorstellbar. 

Vom Konditor für Kreuzfahrer über den Chiemsee nach Höllstein

Hieber wird 1938 im schwäbischen Leonberg geboren und landet mit 14 als Lehrling in einer Konditorei. Unfreiwillig. Lieber wäre ihm Schreiner oder Metzger gewesen, sagt er rückblickend. Aber 1952 – da hast du genommen, was du bekommen hast.“ Nach Abschluss der Lehre folgen Monate der Wanderschaft. Er zieht von einer Stelle zur nächsten. Bleibt, wo es ihm gefällt. Und geht, wo nicht. Mit 18 packt er seine Siebensachen, fährt nach Bremerhaven, arbeitet anderthalb Jahre als Konditor auf Atlantik-Überfahrten und auf Kreuzfahrtschiffen im Mittelmeer. 1961 landet er in einem Hotel am Chiemsee, lernt die Hotelsekretärin Anneliese Müller kennen. Die beiden werden ein Paar, heiraten 1963 und haben ein gemeinsames Ziel: eine Konditorei. Doch es sollte ganz anders kommen… 

Denn 1966 übernimmt Jörg Hieber einen winzigen Lebensmittelladen in Höllstein. Es ist nicht die Leidenschaft für den Lebensmittelhandel, sondern die dazugehörige Wohnung und der Verzicht auf eine Ablöse. So will er Geld sparen, um seinen eigentlichen Traum umzusetzen. Dass dieser 50 Quadratmeter kleine Laden in einem Ortsteil von Steinen der Ursprung einer der größten selbständigen Edeka-Handelsketten im Südwesten wird – daran ist damals nicht zu denken.

Von Lebensmittelhandel oder Marketing weiß Jörg Hieber damals wenig. Was er hat, ist ein Gespür für Menschen und Situationen. Und so füllt er den Zigarettenautomaten vor dem Laden auf, sobald jemand vorbeigeht. Ganz egal, ob das notwendig ist. Ausschlaggebend ist allein die Kontaktaufnahme. Ein Gruß hier, eine freundliche Bemerkung da – irgendwann lockt er die ersten Interessenten in den Laden. „Ob die kamen, weil ich so nett war oder weil sie Mitleid mit dem jungen Mann hatten, das weiß ich nicht“, sagt er. Den eigentlichen Durchbruch bringen wenig später italienische Gastarbeiter, die nach Höllstein ziehen. Sie fragen nach Fenchel, Auberginen, Zucchini, Mortadella, Parmesan – nach Waren, die es im deutschen Handel damals kaum gibt. Die Hiebers besorgen sie. „Und da ging das Lädele durch die Decke.“

Der kleine Laden gehört zunächst zur Rewe-Genossenschaft Rheinfelden, die 1971 mit Edeka  Freiburg fusioniert, ein Jahr später mit der Edeka Offenburg. Hieber nutzt die Gelegenheit: Aus seinem Rewe-Markt macht er einen Hieber- Markt. Er nutzt die übriggebliebenen Buchstaben der roten Werbebeleuchtung und ergänzt sie. Seine Begründung: „Ich bin verantwortlich für den Laden, ich zahl’ die ganze Veranstaltung, dann steht auch mein Name dran.“ Die „Herren Vorstände“, sagt er in der Rückschau, hätten damals zwar gerufen: „Geht nicht! Geht nicht“. Er aber lächelt zufrieden. „Es ging doch!“  

Blick in die Vergangenheit: Auf 50 Quadratmetern im kleinen Höllstein hat Jörg Hieber angefangen – als Quereinsteiger. 20 Jahre war er einer der erfolgreichsten und einflussreichsten Kaufleute Deutschlands, der mit seinen Ideen die ganze Edeka-Gruppe bis heute prägt

„Ob die ersten Kunden kamen, weil ich so nett war – oder nur aus Mitleid: Ich weiß es nicht.“
Jörg Hieber über seine Anfangsjahre als Kaufmann

Vom heimischen Markgräflerland zu den Herren Vorständen an der Waterkant

Durch den Konflikt werden die „Herren Vorstände“ auf den Quereinsteiger aus dem Markgräflerland aufmerksam. Noch in den 1970erJahren rückt Jörg Hieber in die Gremien der Edeka Offenburg auf, später auch in der Edeka Südwest. Ende der 1990er-Jahre übernimmt er den Aufsichtsratsvorsitz der Edeka Zentrale in Hamburg. Sein Prinzip überträgt er auf die ganze Organisation: Der einzelne Kaufmann soll so eigenständig wie möglich bleiben und agieren, weil er seine Region und seine Kundschaft am besten kenne. 

Im Gegenzug soll der Verbund den Einkauf bei den Schwerpunktlieferanten bündeln. Gemeinsam stark, vor Ort autark und ganz auf die Bedürfnisse der Kunden ausgerichtet. Das ist Hiebers Erfolgsrezept und es wird zur Erfolgsformel vieler Kaufmanns-Familien im Edeka-Kosmos. Von Achern aus baut Adolf Scheck ab 1946 eine Gruppe von 19 Märkten auf. In und um Lahr ist es ab 1950 die Familie Kohler mit 16 Märkten, darunter das europaweit Maßstäbe setzende E-Center Offenburg.

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Und Hieber? Der sorgt dafür, dass die Wasserköpfe nicht zu groß werden, dass in der Verwaltung gespart wird und der Zentraleinkauf funktioniert. In seiner Zeit reduziert sich die Zahl der Edeka-Großhandlungen in Deutschland von 14 auf 7: „Auf einmal hatten wir eine andere Verhandlungsposition gegenüber Coca-Cola, Henkel, Nestlé und wie sie alle heißen.“ Die strategische Neuausrichtung war unumgänglich, denn die Discounter setzten dem klassischen LEH damals erstmals richtig zu. „Da kannst du nur respektvoll den Hut ziehen. Das sind gigantische Handelsleistungen, da führt kein Weg dran vorbei“, sagt er. Doch das ist nur eine Seite der Medaille: „Als wir Kaufleute angefangen haben, Obst und Gemüse in Selbstbedienung anzubieten, haben wir den Discountern eine Vorlage gegeben.“ Die hätten einfach gewartet, bis Kunden das voll akzeptieren, um es dann auch einzuführen. Gleiches gelte für Fleisch oder Wurst und den Selfcheckout, also die SB-Kassen. Um sich abzugrenzen, „müssen wir uns einfach immer wieder was Neues einfallen lassen“ und sich auf das konzentrieren, was sich nicht kopieren lässt: „Freundlichkeit, Sauberkeit, Übersichtlichkeit, Servicebereitschaft und Sortimentsvielfalt.“

2005 scheidet Jörg Hieber aus Altersgründen aus dem Hamburger Aufsichtsrat aus. Fünf Jahre später übergibt er das operative Geschäft an seinen Sohn Dieter. Zu diesem Zeitpunkt zählt die Handelskette zehn Filialen. Büro und Schreibtisch aber hat Jörg Hieber behalten. Der Seniorchef ist weiterhin Ansprechpartner für Mitarbeiter, das Gesicht bei Kundenveranstaltungen, gefeierter Corporate Influencer auf Social Media (manche Videos haben mehr als 35 000 Likes) und als Coach auf Youtube zu finden. Dort erfährt man vom Altmeister, wie man gegenüber Kunden oder Kollegen den richtigen Ton trifft, dass sich Hieber auch mit 88 noch als Feierbiest sieht und als einer, der immer selbst mit anpackt und sich für nichts zu schade ist. Und genau aus diesem Holz sind Hidden Champions geschnitzt. 

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