Beyond the Headlines - Amerika verstehen

Zwischen Cowboys und Investoren

So irritierend die Zoll- und Wirtschaftspolitik der Trump-Regierung auch ist: Die USA zu ignorieren ist für international tätige Unternehmen keine Option – umso spannender daher, dass die USA viel förderaler sind, als man gemeinhin denkt

von Elena Bauer

Donald Trump und der Blick auf Washington fesseln unsere Aufmerksamkeit. Dass aber die Vereinigten Staaten in vielerlei Hinsicht deutlich föderaler sind als beispielsweise Deutschland und viele wirtschaftlich relevante Entscheidungen auf Ebene der einzelnen Bundesstaaten fallen, wird beim Blick aus der Ferne oft unterschätzt. Dabei bietet gerade die Unterschiedlichkeit der Bundesstaaten einige Vorteile.

Kalifornien oder Texas? Ein himmelweiter Unterschied

Wer in den USA wirtschaftlich tätig wird, sollte mindestens ebenso auf Gouverneure, Infrastruktur, Arbeitskräfte, Gesetze und Steuern (oder deren Abwesenheit) im jeweiligen Bundesstaat schauen, wie auf den Präsidenten im Weißen Haus. Oft sind das die verlässlicheren Rahmenbedingungen und aufgrund des starken Föderalismus macht es unter Umständen einen gewaltigen Unterschied, ob man beispielsweise in Kalifornien aktiv wird oder in Texas.

Wer die Nachrichten aus den USA durch die deutschen Medien verfolgt, blickt indes vorrangig in die Bundeshauptstadt Washington. Für Unternehmen, die in die USA expandieren wollen, reicht diese Blickrichtung jedoch nicht aus. Viele der Rahmenbedingungen, die im unternehmerischen Alltag und für langfristige Commitments entscheidend sind, werden nicht in Washington, sondern auf Ebene der Bundesstaaten bestimmt. Genehmigungserfordernisse, Arbeitsrecht, Umweltvorschriften, Verbraucherschutz, Datenschutzregelungen, Gesellschaftsrecht, Steuern, Ausbildungsprogramme oder Investitionsanreize unterscheiden sich teilweise erheblich von Bundesstaat zu Bundesstaat, um nur einige Bereiche zu nennen. Wer die USA als einen einheitlichen Markt betrachtet, unterschätzt diese Unterschiede oft. Die entscheidende Frage lautet daher häufig nicht „Was passiert im Weißen Haus?“, sondern „In welchem Bundesstaat wollen wir tätig werden?“ Und: Welche Regelungen gelten dort?

Dabei kann auch überraschen, dass gerade die Bundesstaaten, die heute besonders aktiv um deutsche Investitionen werben, nicht selten dieselben Staaten sind, die in Deutschland als besonders konservative Red States und damit als Trump Country wahrgenommen werden. Mercedes-Benz in Alabama, Volkswagen in Tennessee, BMW und künftig auch VWs neue amerikanische Marke Scout Motors in South Carolina: Die Erfolgsgeschichte deutscher Autobauer im Süden der USA zeigt, dass die mediale Wahrnehmung der deutsch-amerikanischen Beziehungen und die politische und wirtschaftliche Realität on the ground oft auseinanderfallen.

50 verschiedene Wirtschaftsstandorte im Wettbewerb

Die amerikanischen Bundesstaaten stehen untereinander im Wettbewerb um die Ansiedlung von Unternehmen. Während einige auf umfassenden Verbraucher-, Arbeit-nehmer- und Datenschutz setzen, werben andere mit wenig Regulierung, schnellen Verfahren oder günstigen Standortkosten. 

Washington bleibt wichtig. Handelspolitik, Zölle und Ein-wanderungsrecht haben erhebliche Auswirkungen auf international tätige Unternehmen. Wer die wirtschaftlichen Chancen im US-Markt jedoch nur durch die Brille der Bundespolitik betrachtet, agiert kurzsichtig. Für viele deutsche Unternehmen wird der Erfolg ihrer Amerika-Strategie nicht in Washington D.C. entschieden, sondern vor Ort im Bundesstaat ihrer Wahl. 

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