Wer früher für eine Entscheidung eine Analyse brauchte, musste lange warten und tief in die Taschen greifen. Teure Stäbe von ehrgeizigen Jungakademikern gingen in Archive und Bibliotheken, destillierten aus Software Zahlen, aus Zahlen Diagramme und Folien, kondensierten Folien zu Vorlagen und Szenarien, die dann - irgendwann - zu Entscheidungen wurden.
Die analytische Klasse der Unternehmensberater ist in den letzten Jahrzehnten angewachsen wie kaum ein anderer Berufsstand. Denn seit Francis Bacon (1561-1626) gilt: Wissen ist Macht!
Schon die alte Google-Suche hat die Verfügbarkeit von Informationen aus dem Gutenberg'schen Bibliothekszeitalter in die Internet-Moderne geholt. Fakten in Sekunden, umsonst und für alle.
Die inzwischen auf jedem Schüler-Handy vorhandenen Large Language Models (LLMs) von Anthropic, OpenAI, Google und Konsorten sind nun endgültig in die neue Galaxie der Wissensaufbereitung vorgedrungen. Sie suchen nicht mehr blind nach Fakten, sondern aggregieren Wissen und konstruieren Perspektiven. Sie sind menschlichen Sparringspartnern täuschend ähnlich geworden. Oder besser? Sie kommunizieren formal unangreifbar in goldenen Worten, kennen jeden Text und malen herrliche Diagramme. Analysen in Minuten, für ein paar Euro im Monat.
Zum ersten Mal in der Weltgeschichte kann jeder alles analysieren (lassen). Analysen sind über Nacht zur Commodity geworden. War es im Kopf des Entscheiders früher manchmal leer, so ist es heute immer eng. Knowledge is spam.
Nicht die bienenfleißige ausführliche Analyse ist nun Mangelware, sondern die kluge Entscheidung. Die Fülle wird zur Last: fünf Szenarien für dieselbe Frage, jedes eloquent vorgetragen, jedes plausibel, jedes mit anderen Annahmen und anderen blinden Flecken - und kein Mensch will sagen, was besser ist. Schon gar nicht KI.
Nach der Gutenberg-Revolution gab es mehr Bücher, als ein Mensch lesen konnte – und so entstanden Bibliothekare, Verleger, Kritiker: Menschen, deren Beruf es war, eine Auswahl zu treffen und für Qualität zu sorgen. Mit den LLMs gibt es nun mehr Analysen, als jemand verdauen kann – und es fehlt an Menschen, die den Kopf wieder klären, statt ihn nur zu füllen. Dabei zeigt sich: Menschen, die präzise formulieren können, holen aus der im Grunde kreuzbraven KI wirklich etwas heraus. Der Germanist überholt den Ingenieur, der Philosoph den Controller, die Leseratte den Social-Media-Junkie.
Das wäre sogar gut. Denn nichts ist schlimmer, als hochproduktiv und formal sauber etwas Unnützes zu tun. Wenn KI jedem alles liefert, ist die knappste Ressource eine ehrliche und unabhängige Meinung. Eine echte Meinung, kein Fähnchen, das im Zeitgeist flattert.
Ein echter Ratgeber sitzt nächstes Mal wieder am Tisch. Oder eben nicht. Er kann sich öffentlich irren. Er haftet mit seinem Namen. Ein KI-Modell hat keine Reputation zu verlieren und nichts zu bereuen.
Diese Kolumne ist ein Beitrag gegen die wachsende Unübersichtlichkeit und ein Plädoyer für klare Entscheidungen: Mit kurzen Sätzen, die länger nachhallen. Und manchmal auch mit einem Augenzwinkern, das KI nicht kann. Guter Rat ist vielleicht nicht immer teuer. Aber noch immer rar.