Die stillen Champions aus Konstanz

Still ruht der See?

Tourismus, Stadthistorie und Shoppingmall in der Schweizer Grenzregion – es wäre arg kurz gesprungen, Konstanz darauf zu reduzieren. Stattdessen gibt es in der Stadt am See einige Unternehmer, die sich erfolgreich in der Weltspitze 
etabliert haben – das aber nur sehr zurückhaltend kundtun. 

von Benedikt Brüne

Egal ob Boeing, Airbus, Bombardier oder Embraer: Flugzeugrümpfe und Turbinen werden weltweit mit 3D-Messtechnik aus Konstanz gecheckt. American Airlines, Delta Airlines und Easyjet setzen auf 8tree von Gründer Erik Klaas, der zu Corona-Zeiten notgedrungen noch einen zweiten Markt erschlossen hat. Seither werden mit den kompakten Scannern aus Konstanz auch die Flügel von Windkraftanlagen gecheckt – denn auch hier können kleine Fehler schnell sehr teuer werden, wenn man sie übersieht. Foto: 8tree

500 Weltmarktführer aus der DACH-Region listet Professor Christoph Müller von der Universität St. Gallen jedes Jahr auf. Wer dabei sein will, muss beim Umsatz in einem relevanten Marktsegment die Nummer eins oder zwei sein. Weltweit. Platz drei – reicht nicht. Firmen, die beim Umsatz an der 50-Millionen-Euro-Grenze scheitern – bleiben in der Kategorie der echten Weltmarktführer auch draußen. Stets mit dabei, aber ansonsten kaum bekannt, ist die Konstanzer Motan Group, 1947 gegründet, ein familiengeführter Anbieter von Peripherie-Geräten und Systemen für die Kunststoff-Industrie. Wo auch immer auf der Welt Kunststoffgranulate gemischt oder befördert werden: Motan ist dabei.
Rund 600 Beschäftigte sind weltweit über 19 Standorte verteilt und in mehr als 80 Ländern tätig. Der Jahresumsatz von rund 170 Millionen Euro (laut St. Galler Ranking) wird zur Hälfte im Ausland und auf vier Kontinenten erzielt. Die Motan Group ist damit ein klassischer Hidden Champion, als Holding verankert im Konstanzer Gewerbegebiet Unterlohn. Ausflugsgäste, die hier über den Seerhein schippern, können ihr fast zuwinken und wissen wohl in den seltensten Fällen, für welchen Riesen hier die Strippen gezogen werden.

Ein neues Kapitel für die Ingun Group

Konstanz mit seinen rund 87 000 Einwohnern – auch aufgrund zweier Hochschulen ist dieser Ort ein gutes Pflaster für international ausgerichtete Cracks. Sie führen vor Ort nicht unbedingt ein Schattendasein, ziehen aber vor allem im globalen Geschäft richtig was vom Teller.
Eindeutig trifft dies auf die 1971 gegründete Ingun Prüfmittelbau GmbH zu. In zwei Generationen hat sich das Familienunternehmen zum führenden Spezialisten für industrielle Prüf- und Kontaktierlösungen emporgearbeitet. Mehr als 450 Mitarbeiter, Produktionsstätten in Europa und Asien, Vertrieb in 60 Ländern, der Jahresumsatz im hohen zweistelligen Millionenbereich. Dass der „eingeschlagene Weg nachhaltig fortgesetzt“ wird, davon ist Inhaber Armin Karl überzeugt, auch wenn er die Ingun Group vor einigen Wochen an das Schweizer Technologieunternehmen Huber + Suhner veräußert hat.

Was heißt das für Konstanz? Das wird die Zukunft zeigen. Zuletzt hat der Rückzug größerer Industrieunternehmen wie Takeda (die ihre Deutschlandzentrale nach Berlin verlegen aber in Singen weiter produzieren), Siemens und Dr. Kade den Wirtschaftsstandort strukturell verändert. Größere Arbeitgeber finden sich seither überwiegend im öffentlichen Dienst. Gleichzeitig entstand ein Schmelztiegel für Firmen der Medizin- und Biotech- sowie der Software- und IT-Branche. „Konstanz und die Bodenseeregion bieten für Gesundheits- und Biotechunternehmen hervorragende Voraussetzungen“, wirbt Martin Elmlinger, Vorstand des Netzwerks Biolago. „Wissenschaftliche Exzellenz, Innovationskraft und internationale Vernetzung treffen hier auf engem Raum zusammen.“

„In Konstanz treffen wissenschaftliche Exzellenz, Innovationskraft und internationale Vernetzung auf engem Raum zusammen.“
Martin Elmlinger, Vorstand des Netzwerks Biolago

Der Output der Lernfabriken

Auch Sunita Patel von der IHK Hochrhein-Bodensee sieht „eine sehr große Innovationskraft der regionalen Wirtschaft, die mit einer hohen Passgenauigkeit an Studiengängen, Lehrinhalten und Forschungsschwerpunkten verbunden werden kann“, so die Referentin der IHK Hochrhein-Bodensee. „Wir verfügen in der Region über eine hohe Anzahl an Clusterinitiativen, Netzwerken sowie Modell- und Lernfabriken.“ Die Kammer selbst ist dabei Ansprechpartnerin für Konstanz und die Region.
Diese Wettbewerbsvorteile sind wichtig für technologiegetriebene Hidden Champions, zu denen im Medizinsektor die MTS Medical AG zählt. Kerngeschäft ist die medizinische Stoßwellentherapie, wie man sie in der Dermatologie, Orthopädie und Urologie einsetzt. Im IT-Bereich digitalisieren Dienstleister wie die Agentur Seitenbau unter anderem die öffentliche Verwaltung. Auftraggeber sind prominente Bundesbehörden, darunter der Bundestag und das Kanzleramt in Berlin. 
Das Solarforschungsinstitut ISC Konstanz tüftelt derweil an Effizienzsteigerungen für die globale Photovoltaik-Industrie. Jeder für sich ein Champion, wenn auch nicht nach den Kriterien von Forschern wie Hidden-Champions-Entdecker Hermann Simon oder Christoph Müller. Doch zirkelt man, ausgehend von Konstanz’ Hauptverkehrsachse, der B33, einen 500-Meter-Radius, erwischen wir die genannten Champions alle: die Motan Group, MTS Medical, Ingun, Schmolkes Carbon-Rennräder und das High-Tech-Unternehmen 8tree.
Vor-Ort-Termin im Neuwerk, einem genossenschaftlich organisierten Arbeitsterrain unterschiedlichster Firmen. Auf nur 300 Quadratmetern entwickelt hier ein Team um Firmengründer Erik Klaas 3D-Scanner für die Oberflächen-Inspektion von Flugzeugen und für die Rotorblätter von Windkraftanlagen. Das Gerät, das Klaas auf den Tisch stellt, hat optisch etwas von Akkuschrauber oder Tischbohrmaschine – ist aber ein Scanner, der mit seinem blau flackernden Licht Dellen und Risse im Mikro­meter-Bereich identifiziert.
Alltagsbeispiel: Ein Kofferwagen prallt am Airport gegen ein Flugzeug. So eine Delle muss gecheckt werden. „Ein relevanter Schaden am Flugzeugrumpf kann für eine Airline schnell mehr als 100 000 Euro kosten“, erklärt Klaas. „Die Außenhaut des Flugzeugs, die Passagiere von der Außenwelt trennt, ist stellenweise nur 1,5 Millimeter dünn“, ergänzt Geschäftsführer Leonard Buck.

Typisch Konstanz: Der Blick über den See, die Kunststoff-Spezialisten von Motan (mit CEO Sandra Füllsack) und die Prüfmittelbauer von Ingun, die zuletzt ein Werk in Vietnam eröffnet haben. Fotos: Adobestock.com/Markus Keller, Motan Holding GmbH, Ingun Prüfmittelbau

Von Konstanz nach Kuala Lumpur und LA

2012 hat Klaas sein Start-up 8tree gemeinsam mit dem US-Amerikaner Arun Chhabra gegründet. Heute ist man in Konstanz, in Los Angeles, Dallas und Kuala Lumpur angesiedelt. Im Vergleich zu den Messuhren, mit denen Piloten und Crew-Mitglieder bislang die Außenhaut von Flugzeugen untersuchten, arbeiten die 8tree-Scanner weit weniger arbeitsintensiv, aber mit einer um den Faktor zehn besseren Messgenauigkeit. 250 Exemplare sind bei den Airlines im Einsatz.
Das Erfolgsgeheimnis von 8tree? „Der Luftverkehr ist ziemlich strikt reguliert“, erzählt Klaas. Die Etablierung und Zertifizierung eines neuen Systems erfordere viel Nähe zum Kunden und, speziell zu Beginn, sehr viel Überzeugungsarbeit. „Wir brauchten einen langen Atem, um zu dem Hidden Champion zu werden, der wir heute sind“, weiß Klaas. Das erste Scanner-System hat 8tree erst drei Jahre nach seiner Gründung verkauft.
Umgekehrt kann das richtige Timing Gold wert sein. „Wir haben 2019 erstmals unseren Umsatz verdoppelt“, erinnert sich Klaas. „Dann kam Covid und es ging fast auf Null runter. Kein Mensch wollte mehr etwas kaufen rund um die Wartung von Flugzeugen.“

Heimat neuer Ideen: Gut 10 000 Studierende sind an der Uni Konstanz derzeit immatrikuliert. Sprach- und Kulturwissenschaftler machen 30 Prozent, aus, Lehramtsstudiengänge 26, Geistes- und Sozialwissenschaften 14. Naturwissenschaften und Mathematik summieren sich auf 17 Prozent. Foto: Adobestock.com/Peter Allgaier

Gemeinsam mit einem Partner ist er daher auf die Windindustrie zugegangen. Auch dort gibt es Flügel, Aerodynamik, Oberflächenfehler. Winzige Falten in einem Rotorblatt können weitreichende Schäden verursachen – ein neues Geschäftsfeld. Vestas und GE Vernova sind seither große Kunden. Wieder ein internationales Umfeld. Bei 8tree sprechen 35 Mitarbeiter daher 15 Sprachen. „Deshalb ist vor allem eine teamorientierte Unternehmenskultur wichtig“, erklärt Leonard Buck. Und organisches Wachstum. Die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit. Aktuell suchen Klaas und Buck größere Büroflächen, im Neuwerk stößt 8tree an seine Grenzen. In Konstanz will man auf jeden Fall bleiben. Schon allein wegen des universitären Umfelds, aus dem 8tree regelmäßig Praktikanten und Absolventen rekrutiert. Denen wiederum ist 8tree bestens bekannt – auch als Hidden Champion.

Kontakt zur Kammer

Sie wollen mehr über Technologietransfer in der IHK Region Hochrhein-Bodensee wissen – dann ist Sunita Patel ihre Ansprechpartnerin:
0 75 31/28 60-1 26, sunita.patel@konstanz.ihk.de

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