Next Generation Champions

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Reinhold Würth, Martin Herrenknecht, Wolfgang Grupp – alle schon über 80. Höchste Zeit also, mal die Hidden Champions von morgen kennenzulernen. Wir stellen vier spannende Unternehmerpersönlichkeiten vor, die das Zeug haben, unsere Welt von morgen zu prägen…

von Daniela Santo, Susanne Ehmann, Ulf Tietge

Der Robo-Flüsterer: Fruitcore-CEO Jens Riegger mit einem seiner humanoiden Roboter, mit denen man die industrielle Automation aufs nächste Level bringen will. Foto: Fruitcore Robotics

Auch industrielle Automatisierung muss und kann einfacher werden. Davon ist Jens Riegger überzeugt. Und diese Überzeugung treibt den 39-Jährigen an. „In der Robotik wird noch sehr viel Zeit und Geld dafür aufgewendet, für jede Anwendung eine individuelle Lösung von Grund auf neu zu entwickeln. Das führt zu langen Projektlaufzeiten, hohen Kosten und einer dauerhaften Abhängigkeit von Spezialisten“, sagt der Co-Founder und CEO von Fruitcore Robotics. Sein Konstanzer Unternehmen hat daher eine Physical AI Platform entwickelt, mit der sich Automatisierung konfigurieren und skalieren lässt. So war man der erste mit einem direkt in die Robotersoftware integrierten AI-Copiloten und gehöre heute zu den ersten Unternehmen, die einen humanoiden Roboter für reale Produktionsumgebungen in der Industrie entwickeln. „Ich bin überzeugt, dass wir die Branche nachhaltig verändern, weil wir nicht nur einzelne Produkte optimieren, sondern das grundlegende Modell industrieller Automatisierung neu denken.“ 
Fruitcore Robotics hat seine Wurzeln in der Hochschule Konstanz. 2017 haben fünf Freunde aus der Robotik-Forschung das Deep-Tech-Unternehmen gegründet, das heute den Hauptsitz in Konstanz hat und ein Werk in Villingen-Schwenningen. Zu Umsatz oder Ertrag äußert sich das Unternehmen nicht, aber mehr als 1300 Fruitcore-Robotersysteme seien schon in Industrieunternehmen installiert.

„Wer zu lange wartet, verliert nicht nur technologisch den Anschluss.“
Jens Riegger, CEO beim Robotik-Spezialisten Fruitcore

Riegger glaubt: Entscheidend sei der Mut, die zentralen Technologien der Physical AI Platform selbst zu entwickeln, anstatt nur Komponenten zu einem System zusammenzufügen. Gleichzeitig habe man sich über viele Jahre Know-how in Mechanik, Elektronik, Steuerung, Software und künstlicher Intelligenz aufgebaut.  Beides unterscheide den Robotik-Hersteller von Wettbewerbern. So könne man von der Machbarkeitsprüfung über die Bedienung und Inbetriebnahme bis zum laufenden Betrieb die gesamte Kette abbilden.
Und die größte Herausforderung aktuell? Technologische Innovation und industrielle Skalierbarkeit gleichzeitig voranzutreiben. „Mit Physical AI und humanoiden Robotern entsteht eine neue Generation der Automatisierung.“ Die Erwartungen seien hoch, gleichzeitig müssten sich diese Systeme in der Industrie bewähren, gerade in Sachen Wirtschaftlichkeit. Und die Konkurrenz schläft nicht: Neura Robotics aus Metzingen ist bei seiner jüngsten Finanzierungsrunde mit sieben Milliarden Euro bewertet worden und hat mit dem frischen Geld unter anderem eine Robotik-Division von Bosch gekauft. Und in China dreht man ein noch größeres Rad: Da ist Unitree mit zuletzt 220 Millionen Euro Umsatz und bisher 5500 verkauften Robotern mit einem Kurssprung von 600 Prozent an der Börse gestartet. Neue Bewertung: um die 60 Milliarden Euro. Das größte Risiko aus Rieggers Sicht daher: stehen zu bleiben. Oder auch nur, zu langsam zu sein. „Robotik und künstliche Intelligenz entwickeln sich derzeit mit enormer Geschwindigkeit. Wer zu lange abwartet, verliert nicht nur technologisch den Anschluss, sondern auch die Chance, neue Märkte aktiv mitzugestalten. Für uns war es deshalb richtig, früh und entschlossen zu handeln. Diese Innovationsgeschwindigkeit müssen wir beibehalten.“ 

Made in Freiburg: Visual Intelligence für Roboter


Nicht stehenbleiben, immer die Nase vorn haben: Darum geht es auch beim Freiburger KI-Start-up Black Forest Labs um CEO Robin Rombach. Im vergangenen Juni durfte er beim G7-Gipfel am Genfersee sprechen – ein weiterer Beweis dafür, dass er mit Anfang 30 schon zu den einflussreichsten Köpfen der europäischen KI-Szene gehört. 
BFL ist eines der wertvollsten KI-Start-ups Deutschlands. Das 2024 gegründete Unternehmen mit aktuell 90 Mitarbeitern in Kalifornien und dem Breisgau wurde zuletzt mit 3,25 Milliarden Dollar bewertet und zählt zu den am schnellsten wachsenden KI-Unternehmen Europas. Die Freiburger starteten mit KI-Modellen für die Bildgenerierung. Die mit dem Bildgenerator Flux erstellten KI-Bilder sind so gut, so fotorealistisch, dass BFL inzwischen zu den größten Konkurrenten von Google zählt. Auf der Kundenliste: die ganz großen Namen wie etwa Meta von Mark Zuckerberg.
Nun folgt der nächste Schritt: in die Robotik. Und BFL hängt die Messlatte erneut hoch. Audi will KI-gesteuerte Roboterhände in seiner Produktion testen, um auch komplexere menschliche Arbeitsschritte zu automatisieren. Das berichtete das Handelsblatt. 

Das nächste große Ding: Erst Bilder aus dem Nichts erschaffen, dann blinden Robotern das Sehen beibringen: Black-Forest-Labs-Gründer Robin Rombach mit KI-Expertin Larissa Holzki vom Handelsblatt beim Käpsele Festival in Freiburg. Foto: Moritz Bross Medien


Der Autohersteller sucht Möglichkeiten, die Produktionskosten zu senken, den Fachkräftemangel auszugleichen und so wettbewerbsfähiger zu werden. Dabei helfen soll Flux-Mimic. Das Robotikunternehmen Mimic ist eine Ausgründung der Eidgenössisch Technischen Hochschule Zürich. BFL und Mimic entwickelten gemeinsam ein KI-Modell, das auf Flux 3 basiert. Dieses neueste KI-Modell kann Bilder, Videos und Audios innerhalb derselben Architektur erzeugen und verstehen. Das Unternehmen spricht von „visueller Intelligenz“. Flux-Mimic lernt aus Bildern, Videos und Audio, wie sich die Welt verhält, um so mit ihr zu interagieren. Das Modell soll Robotern ermöglichen, komplexe Manipulationsaufgaben in realen Industrieumgebungen auszuführen. „Wir entwickeln uns von reiner Bildgenerierung zu einem multimodalen KI-Labor“, sagt Robin Rombach dazu und man spürt: auch das ist noch nicht das Ende der Geschichte…

„Unsere Aufgabe ist es jetzt, von unserer Technologie zu überzeugen.“
Eversion-Gründerin Julia Zimmermann

Besser ins Laufen kommen: Eversion aus Konstanz


Ein bisschen kleiner ist die Welt noch bei Eversion – aber auch hier geht es um einen Milliarden-Markt, der immer in Bewegung ist. Um den zu erschließen hat Julia Zimmermann in der jüngsten Finanzierungsrunde für ihr Start-up Eversion 2,3 Millionen Euro eingesammelt. Seit Oktober 2025 sind die Sensor-Sohlen aus Konstanz auf dem Markt, ausgezeichnet mit dem Gründerpreis Baden-Württemberg 2025. Mit aktuell zwölf Mitarbeitern will die 27-Jährige in diesem Jahr eine Million Euro Umsatz machen. Das junge Unternehmen um Geschäftsführerin Julia Zimmermann, Co-Founder Timon Sutter und Orthopädieschuhtechnik-Meister Wolfgang Triebstein hat eine Technologie entwickelt, die Bewegungsabläufe dort analysiert, wo sie stattfinden: im Alltag und im Schuh. Herzstück der Lösung sind intelligente Sensorsohlen, die Fehlbelastungen per App beim Gehen erfassen. Aus den Daten entstehen individuelle Null-Grad-Sohlen (neutral oben, korrigierend unten), die den Fuß in eine natürliche Position bringen sollen. Anders als klassische orthopädische Einlagen setzen sie nicht auf dauerhafte Stützung, sondern auf eine möglichst natürliche Bewegung. Das Ziel: die Ursache von Beschwerden erkennen und korrigieren, statt lediglich Symptome wie Rücken-, Knie- oder Hüftschmerzen zu behandeln.
Dass die Sensor-Sohlen Potenzial haben, zeigt das Engagement von Investoren wie der Kammerer Medical Group aus Stockach, der Sparkasse Esslingen und Jopp Electronics aus Villingen-Schwenningen. Die eigentliche Bewährungsprobe auf dem Weg zum Hidden Champion beginnt für Eversion jedoch erst. Nicht die Technologie ist die größte Herausforderung, sondern die Überzeugungsarbeit im Markt. „Unsere Aufgabe ist es, Ärzte, Therapeuten und Sanitätshäuser von unserer Technologie zu überzeugen und ein Netzwerk in ganz Deutschland und Österreich aufzubauen“, sagt Julia Zimmermann. 

Steiniger Weg: Subsequent und die Demokratisierung von Technologie


Auch das Konstanzer Tech-Start-up Subsequent sorgt seit seiner Gründung 2021 für Aufsehen: 2022 gewann CEO Manuel Stein den Innovationspreis des Landes, 2023 folgten ein KfW Award und die Auszeichnung als KI-Champion Baden-Württemberg. Der Ursprung von Subsequent liegt in Steins Forschung und der automatisierten Analyse von Fußballspielen. Seine Idee: eine Technologie entwickeln, die komplexe Bewegungsanalysen für jedermann verfügbar macht.
Genau das macht Subsequent heute. Steins KI analysiert Bewegungen anhand gewöhnlicher Smartphone-Videos und erstellt daraus präzise 3D-Bewegungsdaten, ohne dass Sensoren oder Spezialhardware nötig wären. Die Technologie kommt inzwischen in Sport, Fitness, Reha, Automotive und der Medizin zum Einsatz.
Ob das aber reicht, um eines Tages ein Hidden Champion zu werden? Schwer zu sagen. Auch drei Jahre nach den vielen Auszeichnungen beschäftigt Subsequent nur acht Mitarbeiter, arbeitet aber an mehreren nationalen Forschungsprojekten. Die Umsatzzahlen liegen im siebenstelligen Bereich. Stein verweist auf ein kontinuierliches Wachstum und setzt darauf, dass sein Unternehmen bislang ohne Venture Capital oder externe Investoren auskommt. Das Besondere an seiner Innovation sei die „Demokratisierung einer bisher spezialisierten Technologie“. Weil Subsequent handelsübliche Smartphones in leistungsstarke Werkzeuge zur präzisen Bewegungsanalyse verwandele, soll künftig jeder eine Technologie nutzen können, die bislang Profisportlern, Forschern oder Kliniken vorbehalten ist. Noch in diesem Jahr soll dafür eine eigene Fitness-App erscheinen. Nutzer können dann ihre Workouts per Video aufnehmen, individuelles Feedback erhalten und ihre Fortschritte automatisch auswerten lassen. Stein ist daher sicher: „Man wird noch einiges von uns hören!“

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