Interview mit Katrin Klodt-Bußmann, Hauptgeschäftsführerin der IHK Hochrhein-Bodensee

Mut und Demut

Ein Gespräch über Führungsstil, Unternehmenskultur, die wirtschaftspsychologischen Aspekte von Hidden Champions und die Frage: Aus welchem Holz sind die Champions von morgen wohl geschnitzt?

von Ulf Tietge

Foto: Rainer M. Hohnhaus

Was macht Hidden Champions eigentlich so erfolgreich? Denn selbst wenn man die heimlichen Weltmarktführer aus dem Südwesten mit den großen Konzernen vergleicht: Ob bei Krisensicherheit, Innovationskraft, Arbeitsplatzsicherheit oder Entscheidungsfreude – fast immer schneiden die großen Familienunternehmen aus dem Ländle besser ab. Warum das so ist, welche Rolle dabei Neugier, Mut und Wertschätzung spielen und welchen Einfluss die Kammern nehmen, haben wir im Gespräch mit Hauptgeschäftsführerin Katrin Klodt-Bußmann von der IHK Hochrhein-Bodensee erörtert. 

Frau Klodt-Bußmann, wenn man sich die Entwicklung von vielen Hidden Champions so anschaut – was denken Sie: Kann man Optimismus trainieren?
Zuversicht lässt sich auf jeden Fall trainieren. Sehe ich eher das Hindernis oder die Chance? Wer sich auf die Chance konzentriert und alles andere als abzuarbeitendes Beiwerk behandelt, beeinflusst das eigene Mindset und tendiert zu mehr Optimismus. Das sieht man tendenziell verstärkt bei Hidden Champions.

Und so bleibt man risikofreudig und Neuem gegenüber aufgeschlossen? 
Wichtig finde ich, Neugier nie einzuschränken – nicht regional, nicht thematisch, auch nicht auf Personen. Ganz unabhängig davon, wie die Lage gerade ist. In der Neugier liegt auch die Freude am Risiko begründet: Bin ich neugierig, ob ich etwas schaffen kann? Risikofreude muss nicht bedeuten, sehr weit oder gar aufs Ganze zu gehen, sondern das Wagnis ins Ungewisse zu mögen. Dazu gehört unabdingbar: Wie ist es um die Fehlerkultur bestellt? Lässt sich jemand von Rückschlägen stoppen? Das entscheidet mit darüber, wer sich die Freude am Risiko bewahrt. Vielleicht braucht es einen anderen Kontext, eine andere Zeit, einen anderen Dreh, damit ein Vorhaben gelingt. Aber wer ein Ziel wirklich erreichen möchte und sich von negativen Erlebnissen nicht demotivieren lässt, der wagt sich auch eher wieder nach vorn. 

Als IHK-Hauptgeschäftsführerin begleiten Sie Hidden Champions und treffen immer wieder auf außergewöhnliche Unternehmerpersönlichkeiten. Aus Ihrer Beobachtung: Was verbindet diese Menschen? 
Als Hidden Champions haben wir oft Zulieferer vor Augen, familiengeführte Unternehmen, tüchtige Tüftler und Kaufleute, bodenständig und verbesserungsfreudig, qualitätsgetrieben und darauf bedacht, es mit eigener Kraft zu schaffen. Die größte Gemeinsamkeit ist aus meiner Sicht, dass sich diese Unternehmerinnen und Unternehmer stark mit ihrer Firma und ihrem Produktportfolio identifizieren – auch wenn das nicht ausschließlich für Hidden Champions gilt. 


Und was begegnet Ihnen häufiger: geborene Unternehmer oder designte Karrieren? 
Weder noch. Zumeist erhält jemand das Signet als „geborener“ Unternehmer erst, wenn die Karriere längst im Gang ist. Ob er oder sie sich zu Beginn dazu geboren gefühlt hat? Das werden sicher nicht alle bejahen. Wenn es wörtlich gemeint ist, in eine Unternehmerfamilie geboren zu sein:  Dann ist es nicht unüblich, seine beruflichen Stationen bewusst anzugehen und sich auf die künftige Rolle vorzubereiten. Wir empfinden jemanden als zum Unternehmertum geboren, wenn wir Begeisterung und Ernsthaftigkeit gegenüber dieser Verantwortung sehen. Das hängt nicht damit zusammen, wie intensiv die Karriereplanung im Vorfeld war. 

Gibt es etwas, das Sie bei diesen Hidden Champions quasi nie sehen, andernorts aber doch? 
Sie treffen bei Hidden Champions kurzfristiges, schnelllebiges Denken quasi nicht an. Auch nicht, sich im Wissen um ein aktuell erfolgreiches Produkt erst mal Zeit zu lassen oder das Unternehmen vor allem mit dem Ziel eines späteren Verkaufs zu entwickeln.

Geht auf Unternehmer zu: Katrin Klodt-Bußmann wirbt für mehr Wertschätzung für Unternehmertum. Foto: Rainer M. Hohnhaus

Die eine Eigenschaft, die alle Hidden Champions verbindet: Ist das nicht der Mut?
Absolut, aber das gilt für Unternehmertum insgesamt. Ich begegne oft einer Mischung von Mut und Demut. Es ist wie bei der Risikofreude: Ohne Augenmaß und Ziel bringt sie einen nicht unbedingt voran.

Wenn dem so ist, dann müsste eine gute Wirtschaftspolitik doch vor allem darauf abzielen, mehr Menschen Mut zu machen.  
Es wäre ein vielversprechender Ansatz, bei jeder Maßnahme zu fragen: Befördert sie Mut oder entmutigt sie? Hat eine Maßnahme zur Folge, dass ein noch höherer Mut-Pegel erforderlich wird, um sich auf Unternehmertum und Selbstständigkeit, auf Gründung oder Nachfolge einzulassen? Unternehmertum muss sich lohnen – und sollte von Politik und Gesellschaft Wertschätzung erfahren. Kurz gesagt: Mehr Vertrauen, weniger Regularien. Ich sehe positive Signale, aber es bleibt Luft nach oben, um mehr Beinfreiheit zuzulassen. Natürlich dürfen wir die globale Lage nicht ignorieren, wenn wir über Mut sprechen. Aber umso wichtiger ist es, dort stabile und verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen, wo Handlungsmöglichkeiten bestehen.

 
Welche Möglichkeiten haben die Kammern? 
Stetig auf diese Ziele hinzuwirken, auf allen politischen Ebenen, gespeist aus zahlreichen Branchen- und Unternehmenskontakten in den Regionen. Wenn wir Interessen vertreten, ist genau das gemeint. Die Kammern arbeiten daran, Mut zu stärken. Denken Sie zum Beispiel an die Beratung in der Existenzgründung. An die Befähigung Einzelner durch Aus- und Weiterbildung. An neue Perspektiven und Optionen durch Vernetzung. An die Unterstützung beim Schritt auf neue Märkte von Seiten der Auslandshandelskammern.

Bezieht man die Kammern denn ein – etwa, welche neuen Wirtschaftsstudiengänge angeboten werden oder wie man die Kreditvergabepolitik von Banken reguliert?
Wir sind an vielen Punkten vertreten. Aber ja, unser gebündeltes Wissen kann auf jeden Fall noch stärker abgerufen werden. Wir arbeiten täglich daran, auf allen relevanten Ebenen, in Netzwerken und Fachkreisen noch stärker vertreten zu sein, inhaltlich entsprechend eingebunden zu werden. Gerade in den aktuell herausfordernden Zeiten wird unsere Expertise nach unserer Wahrnehmung sehr geschätzt und zielführend eingebunden. Teilweise ist die praktische Umsetzung aber herausfordernd. Das klingt jetzt nach einem Detail, ist aber sehr wichtig: Wenn im politischen Konsultationsverfahren Stellungnahmen angefragt werden, braucht es realistische Fristen, damit wir Expertise und Unternehmensmeinungen zusammenstellen und einbringen können. 

„Die Konkurrenz um Aufmerksamkeit wächst – auch die Hidden Champions müssen sich künftig mehr zeigen.“
Die Konkurrenz um Aufmerksamkeit wächst – auch die Hidden Champions müssen sich künftig mehr zeigen.

Die Hidden Champions von heute – das sind Maschinenbauer, Medizintechniker, Chemie und Pharma. Oft großartige Erfinder und findige Vertriebler in einem. Aber in Zukunft? Aus welchen Branchen erwarten Sie die Überflieger von morgen? 
Die nächsten Hidden Champions könnten die sein, denen es gelingt, Automatisierung und künstliche Intelligenz sinnvoll und wertschöpfend zu integrieren. Das kann im Maschinenbau oder der Medizintechnik sein, im Gesundheitsbereich oder bei Umwelt und Energie. Wichtiger Faktor bleibt ein Umfeld, in dem intensiv in Wissen investiert wird. Es braucht die Wissensbasis, und es braucht den Zugang zu Kapital.

Und aus welchem Holz sind die Hidden Champions von morgen geschnitzt?
Ähnlich wie heute. Modern im Kontext ihrer Zeit. Sie werden ihre Kompetenzen beweisen, sich agil und resilient auf dem Markt zu bewegen. Da die Konkurrenz um Aufmerksamkeit kaum abnehmen wird, könnte es für Hidden Champions aber an Bedeutung zunehmen, sich mit ihren Visionen und Geschichten zu zeigen.

Und auf welchen Tugenden, welchen Werten werden diese Unternehmen aufbauen? 
Das enttäuscht Sie vielleicht, aber bei Tugenden und Werten sehe ich ebenfalls keine drastischen Änderungen. Sie werden innovationsstark und gleichzeitig verlässlich sein, zielstrebig und loyal, aufmerksam orientiert an Kunden und Beschäftigten, ehrgeizig für ständige Verbesserung. 

Was ist das Besondere an der Unternehmenskultur von Hidden Champions – und was kann man sich abgucken?
Nicht nur Hidden Champions können hier Vorbild sein, aber sie repräsentieren eins ganz besonders gut: die Wertschätzung von Tradition und Geschichte bei gleichzeitiger Bereitschaft zur Transformation. Diese Identifikation mit dem Unternehmen, vielleicht sogar mit einer Gründungsgeneration, bedeutet etwas für die Loyalität der Belegschaft. Darin liegt auch eine Inspiration, wie langfristig das Management Entscheidungen ausrichtet, ohne in Widerspruch zu Innovationswille und Agilität zu stehen.


Ob Würth oder Herrenknecht, Marquardt, Mack oder Motan: Viele Hidden Champions sind Familienunternehmen. Oft patriarchalisch geführt. Extrem schnell bei Entscheidungen. Teamorientiert auf der Arbeitsebene und mit einer fast schon calvinistischen Arbeitseinstellung. Das alles aber sind Werte aus dem vergangenen Jahrhundert…
Das auch ein Vierteljahrhundert her ist… Deswegen würde ich das eine oder andere Adjektiv in seiner Aktualität hinterfragen. Aber im Kern adressieren Sie Punkte, die im unternehmerischen Umfeld durchaus Berechtigung haben – adaptiert für die Gegenwart. Zwischen dem Gefühl, als Beschäftigter wertgeschätzt zu werden und einen sicheren Arbeitsplatz zu haben, und einem engagierten und loyalen Einsatz besteht sicher ein Zusammenhang. Dies ist in den aktuellen Zeiten, die eher von Unsicherheit geprägt sind, für Arbeitgeber und Arbeitnehmer von steigendem Wert. 

Katrin Klodt-Bußmann

Seit Januar 2024 führt die promovierte Juristin Katrin Klodt-Bußmann als Hauptgeschäftsführerin die Industrie- und Handelskammer Hochrhein-
Bodensee mit ihren rund 40 000 Mitgliedsunternehmen. Zuvor hat sie als Rechtsanwältin mit dem Schwerpunkt M&A/Gesellschaftsrecht in internationalen Wirtschaftskanzleien gearbeitet – oft an der Seite außergewöhnlicher Unternehmerpersönlichkeiten aus dem In- und Ausland. Zudem ist Klodt-Bußmann Professorin für internationales Wirtschaftsrecht und hat 2019 als Gastprofessorin an der University of Technology in Sydney Welthandelsrecht gelehrt.

Die Kammern: Stimme der Wirtschaft

Im Dialog mit Unternehmern aus der Region fördert Florian Kech von der IHK Südlicher Oberrhein immer wieder spannende Boss Storys zu Tage – und genau so heißt auch der Podcast, in dem Macher wie Fritz Keller, Hans Jürgen Kalmbach oder Roland Mack ihre Geschichten erzählen. Hörenswert! 

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