Vom Stall ins All
Vor mehr als 70 Jahren produzierte Martin Freyer in seinem kleinen Betrieb Nasenringe für Ochsen. Heute fliegen die in Tuningen gefertigten Teile durchs Weltall...
von Patrick Merck
… desto größer oft der Erfolg. Fischer aus Achern, Held aus Trossingen und Böwe aus Sasbach zeigen, wie Spezialisierung, Innovationskraft und unternehmerischer Mut Unternehmen aus dem Südwesten an die Weltspitze führen.
von Daniela Santo
Mit mehr als 933 000 Beschäftigten erwirtschaftete Deutschlands Maschinenbaubranche laut Statista zuletzt einen Jahresumsatz von 257 Milliarden Euro. Damit ist Deutschland der drittgrößte Maschinenproduzent der Welt – doch viele der Unternehmen, die diesen Erfolg tragen, sind außerhalb ihrer Märkte kaum bekannt. Und einer dieser Hidden Champions sitzt in Achern: Die Fischer Group hat sich mit der Herstellung von längsnahtgeschweißten Edelstahlrohren eine starke internationale Marktposition erarbeitet. Zwischen 800 Millionen und einer Milliarde Euro Umsatz pro Jahr, 2700 Mitarbeitern weltweit (davon 1000 am Stammsitz in Achern) und mit der Eröffnung des neuen Produktionsstandorts in Indien Anfang 2027 künftig in neun Ländern vertreten.
Der Ursprung des Erfolgs liegt in einer strategischen Entscheidung, die das Unternehmen bis heute prägt: Fischer entwickelte nicht nur seine Produkte selbst, sondern auch Maschinen, Werkzeuge und Fertigungsprozesse. Als in den 1980er-Jahren die Katalysatortechnik den Automobilmarkt veränderte, profitierte das Familienunternehmen von der steigenden Nachfrage nach Edelstahlrohren für Abgassysteme. Gleichzeitig begann Fischer früh, auch außerhalb von Deutschland tätig zu sein. „Während viele Unternehmen noch stark national geprägt waren, haben wir bereits begonnen, unsere Kunden weltweit zu begleiten und Produktionsstandorte im Ausland aufzubauen“, sagt Geschäftsführer Hans-Peter Fischer, der Sohn des 2025 verstorbenen Firmengründers Hans Fischer.
Dass die Fischer Group bis heute vorne mitspielt, liegt vor allem an einem Faktor: Das Unternehmen beherrscht einen Großteil seiner Wertschöpfung selbst. Die Fischer Group entwickelt wesentliche Technologien im eigenen Haus und kann dadurch schneller auf neue Anforderungen reagieren. „Dadurch gewinnen wir wertvolle Zeit, erhöhen unsere Flexibilität und können Innovationen schneller umsetzen als viele Wettbewerber“, so Fischer. Die Rohre aus Achern kommen heute in einer Vielzahl anspruchsvoller Anwendungen zum Einsatz, darunter die Automobilindustrie, Luft- und Raumfahrt, Chemie- und Prozessindustrie sowie Energie- und Umwelttechnik. Konkreter will Fischer nicht werden, „da viele dieser Projekte direkt mit den Entwicklungsstrategien unserer Kunden verbunden sind“. Fischer versteht sich nicht als reiner Komponentenhersteller, sondern als Entwicklungspartner seiner Kunden. Viele Lösungen entstehen in enger Zusammenarbeit für hochspezialisierte Anwendungen. „Dort, wo höchste Anforderungen an Materialeigenschaften, Fertigungspräzision und Prozesssicherheit gestellt werden, ist unsere technologische Kompetenz besonders gefragt.“ Zwar ist die Fischer Group auch außerhalb der Branche bekannt, wird aber trotzdem häufig zu den Hidden Champions gezählt. Fischers Produkte stecken in vielen industriellen Anwendungen weltweit, sichtbar sind jedoch meist nur die Endprodukte. Kein Zufall, lässt Hans-Peter Fischer durchblicken: „Wir konzentrieren uns lieber auf unsere Kunden, unsere Technologien und die Weiterentwicklung unseres Unternehmens als auf Kategorien oder Bezeichnungen.“
„In den 1980er-Jahren hatten wir genau das richtige Produkt zum richtigen Zeitpunkt.“
Für die Zukunft setzt die Fischer Group verstärkt auf nachhaltige Energieversorgung. Mit den geplanten Windenergieanlagen an der A5 wolle das Unternehmen seine Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern und zugleich den steigenden Anforderungen der Kunden an eine klimafreundliche Produktion gerecht werden. „Wir haben bereits erste Absichtserklärungen vorliegen, wonach künftig eine CO₂-neutrale Produktion gefordert wird.“ Die Windkraft-
anlagen sind deshalb für das Unternehmen weit mehr als ein Energieprojekt, das perspektivisch auch für die Herstellung von grünem Wasserstoff genutzt werden soll.
Die Fischer Group ist nicht das einzige Beispiel dafür, wie weit Spezialisierung mittelständische Unternehmen aus dem Südwesten tragen kann. Held Technologie in Trossingen-Schura hat sich auf ein Produkt spezialisiert, das außerhalb der Fachwelt kaum jemand kennt: die isobare Doppelbandpresse. Diese verpresst, laminiert oder glättet unter konstantem Druck und präziser Temperatur Folien, Gewebe, Vliese, Granulate oder Pulver. Die Wurzeln des Unternehmens reichen ins Jahr 1949 zurück, als Adolf Held eine Polierwerkstatt für Uhrengehäuse gründete. Der Wandel der Uhrenindustrie zwang ihn zum Umdenken und so entwickelte sich Held Schritt für Schritt zum Spezialmaschinenbauer. Der entscheidende Durchbruch gelang 1975 mit der Einführung der ersten isobaren Doppelbandpresse. Heute beschäftigt das Familienunternehmen rund 80 Mitarbeiter und erzielt einen Jahresumsatz im zweistelligen Millionenbereich.
„Wir versuchen nicht, alles zu machen, sondern konzentrieren uns auf eine Technologie, die wir sehr tief beherrschen“, sagt Matthias Fisel, geschäftsführender Gesellschafter von Held. Viele Anlagen entstehen nicht als Standardprodukt, sondern als individuell entwickelte Lösung für konkrete Produktionsprozesse. Zum Einsatz kommen die Pressen überall dort, wo Materialien unter Druck und Temperatur verarbeitet werden müssen: in der Luft- und Raumfahrt, im Automobilbereich, in der Elektronik, im Möbel- und Innenausbau oder bei Schutzmaterialien. Auch Zukunftsbranchen wie die Batterie- und Wasserstofftechnologie spielen für das Trossinger Unternehmen eine immer größere Rolle.
„Pioniergeist bedeutet für uns, frühzeitig neue Anforderungen zu erkennen.“
„Pioniergeist bedeutet für uns, nicht erst dann zu reagieren, wenn sich ein Markt bereits verändert hat, sondern frühzeitig neue Anforderungen zu erkennen“, betont Fisel. Das zeige sich im Alltag sehr konkret: Man entwickele Maschinen nicht nur aus technischer Sicht, sondern immer mit Blick auf das, was Kunden morgen benötigen. Ein gutes Beispiel dafür sei die neueste Maschinengeneration, mit der die Doppelbandpresse grundlegend neu gedacht wird: mit höherer Energieeffizienz, intelligenter Bedienung, besserer Wartbarkeit, digitaler Vernetzung und einem Design, das Funktionalität und Nutzerfreundlichkeit verbindet. „Dieser Anspruch, Bestehendes immer wieder zu hinterfragen, prägt Held bis heute.“
Eine ganz andere und auf den ersten Blick eher unscheinbare Nische bedient Böwe Textile Cleaning in Sasbach mit ihren Maschinen für die professionelle Textilreinigung. Doch hinter dem Produkt steckt jahrzehntelanges Spezialwissen.
Gegründet wurde das Unternehmen von den Ingenieuren Max Böhler und Ferdinand Weber, deren Anfangsbuchstaben bis heute den Firmennamen bilden. Die beiden ehemaligen Messerschmidt-Flugzeugingenieure nutzten ihr technisches Know-how nach dem Zweiten Weltkrieg für die Entwicklung innovativer Reinigungsmaschinen und erschlossen damit bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren internationale Märkte. Heute gilt Böwe als einer der ältesten Hersteller weltweit, liefert seine Anlagen in mehr als 150 Länder und exportiert rund 93 Prozent seiner Produktion. Obwohl am Standort Sasbach lediglich 19 Mitarbeiter beschäftigt sind (in Shanghai sind es 35), erzielt das Unternehmen von dort einen Jahresumsatz von rund elf Millionen Euro. Die vergleichsweise schlanke Belegschaft ist Teil der Unternehmensstrategie. „Wir haben keine eigene Blechfertigung und keinen Schaltschrankbau. Das können andere Firmen viel besser“, sagt Geschäftsführer Frank Ziermann. Stattdessen konzentriere man sich auf die eigenen Kernkompetenzen: Konstruktion, Montage, Patente, Markenrechte, Vertrieb, Marketing und Ersatzteilgeschäft. Gleichzeitig investiert Böwe weiter in den Standort Sasbach. Erst vor wenigen Monaten hat das Unternehmen die benachbarten Grundstücke erworben. Geplant sind neue Lagerhallen und eine zusätzliche Lkw-Rampe. Zudem sollen im bestehenden Gebäude Flächen für Ausstellungen und Schulungen entstehen.
Den Erfolg seines Unternehmens macht Ziermann vor allem in der Nähe zum Markt fest: „Die Entwicklung der Textilien und Faserkombinationen sowie die immer größere Vielfalt an Lösemitteln erfordert eine immer schnellere Adaption der Textilreinigungsmaschinen an die Bedürfnisse des Marktes.“ Um Trends frühzeitig zu erkennen, verbringt er mehrere Monate pro Jahr bei Kunden, Händlern und Messen rund um den Globus. Unterstützt wird er dabei von der nachfolgenden Generation, von Laura, Manuel und Max Ziermann.
Die Maschinen aus Sasbach reinigen unter anderem Textilien der Lufthansa, Emirates oder Thai Airways. Auch Kreuzfahrtschiffe, Luxusyachten, Pelzbetriebe und sogar Königshäuser und Politiker – deren Namen Ziermann nicht nennen darf – gehören zum weltweiten Kundenkreis. Dennoch bleibt Böwe für die breite Öffentlichkeit weitgehend unsichtbar, weil die Branche doch recht klein ist. „Da uns kaum einer in der Ortenau kennt, sind wir wohl ein Hidden Champion“, sagt Ziermann. Dass Böwe auf seinem Spezialgebiet weltweit zu den führenden Anbietern zählt, blieb in der Region dennoch nicht unbemerkt: Nectanet, das Netzwerk für regionale Wirtschaft im Ortenaukreis, hat Böwe im vergangenen Jahr als Hidden Champion ausgezeichnet.
Ansprechpartner der IHK
IHK Südlicher Oberrhein:
Riccarda Müller, 07 61/38 58-2 68
riccarda.mueller@freiburg.ihk.de
IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg:
Daniela Jardot, 0 77 21/9 22-1 21
jardot@vs.ihk.de
IHK Hochrhein-Bodensee:
Sunita Patel, 0 75 31/28 60-1 26
sunita.patel@konstanz.ihk.de
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