Ehrenamt bei der IHK Hochrhein-Bodensee

Unverzichtbare Unterstützung

Zeit ist Geld? Im Ehrenamt zählen andere Währungen. Drei Perspektiven  auf Engagement jenseits des Jobs – zugunsten des Wirtschaftsstandorts und  zugunsten des Unternehmens

von Bettina Fettich-Biernath

Wer Christine Dummel zuhört, fragt sich, ob das nicht etwas Schönes wäre: Mal wieder eine Prüfung. An einem Tag im Jahr setzt sie sich angehenden Industriekaufleuten gegenüber, die antreten, um den Zusatz „angehend“ hinter sich zu lassen. Zuvor hat Dummel Themen hinterfragt, Projektarbeiten durchgesehen und sich auf die ausgewählten Schwerpunkte vorbereitet. Als Prüferin kommt das Fachliche zum Zug – und das Menschliche. Für Auszubildende ist es ein großer Tag. „Da zittert schon mal jemand wie Espenlaub.“ Ein bisschen tat sie das selbst, als sie vor mehr als 20 Jahren als Prüferin für die IHK Hochrhein-Bodensee startete. „Ich hatte schon Manschetten. Kann ich das? Aber auch in die Rolle als Prüferin wächst du hinein.“ Diese Rolle übernimmt Christine Dummel ehrenamtlich. Rund 1600 Prüfer engagieren sich zurzeit im Kammergebiet. Dummels Arbeit- geber, das Unternehmen Constellium, ist in Singen der größte industrielle Ausbildungsbetrieb.

Das Walzwerk liefert Aluminium-Bänder und -Bleche, die nach der Veredelung durch Kunden zum Beispiel als Drehverschluss einer Wasserflasche oder als Cremedose im Alltag präsent sind. Auch dekorative und funktionale Elemente für Autos, wie für Batterien in E-Fahrzeugen, kommen aus Singen. Das Presswerk neben dem Walzwerk beherbergt einen Superlativ: Die Strangpresslinie ist eine der größten weltweit. Hier entstehen unter anderem Stromschienen. Rund 2300 Beschäftigte arbeiten für Constellium an drei Standorten in Süddeutschland. darunter im Mittel etwa 110 Auszubildende und duale Studierende in Singen und Gottmadingen. Je nach Zeitpunkt und Jahr können es auch bis zu 140 sein. 

Christine Dummel leitet dort die Personalentwicklung. Sich nicht nur im Job für die berufliche Bildung zu engagieren, hat für sie viele Gründe. Einer ist ihre Biografie. „Ich habe zwei Mal von Ausbildung profitiert. Da möchte ich etwas zurückspielen.“

Christine Dummel ist ehrenamtliche Prüferin und Mitglied im Bildungsausschuss. Sie sagt, dass die Wirtschaft auf Fachkräfte nicht tatenlos warten sollte

Gegen Schubladendenken

Als Prüferin sieht Christine Dummel Benefits auch für sich selbst und ihren Arbeitgeber, um immer „à jour“ zu bleiben. Das Ehrenamt versteht sie als Teil ihrer Verantwortung als Ausbilderin. Wer selbst prüft, kenne und verstehe die Abläufe – und könne seine Auszubildenden noch besser vorbereiten. Wenn der Qualitätsanspruch an Produkte und Leistungen hoch sei, sei er das auch an die Ausbildung. Diese Wechselwirkung sehen Christine Dummel und Personalleiter Stephan Borst nicht nur auf das eigene Unternehmen bezogen. „Das duale System ist ein Garant für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit“, betont Dummel. „Man kann nicht nur tolle Fachkräfte erwarten, man muss sich auch einbringen.“ Die Wertigkeit der dualen Ausbildung in Deutschland inspiriere in anderen Ländern. Das erleben beide im Alltag eines internationalen Unternehmens. Dummel tritt daher gegen ein weit verbreitetes Bild an. „Die Schubladen zu Berufsbildung und Studium sind fest in den Köpfen. Ich begegne immer noch der Vorstellung: Wer kognitiv stark ist, studiert. Diese Sichtweise nimmt jungen Menschen die Bandbreite für ihre berufliche Zukunft.“ Die Kategorien seien nicht nur schade, sondern schädlich.

„Ich erlebe, wie das Jugendliche am Anfang ihrer beruflichen Entwicklungsreise beschwert.“ Auch deswegen schätzt sie die Makroperspektive, die ihr ein weiteres Ehrenamt bringt. Im Berufsbildungsausschuss vertritt Christine Dummel die Arbeitgeberseite. Die politisch-strategische Richtung der Ausschussarbeit erweitere den Blick und bringe sie frühzeitig mit Entwicklungen in Kontakt. 

Über Grenzen hinweg

So erlebt es auch Stephan Karl Schultze. Wir springen nach Westen – nach Lörrach –, und in eine andere Branche – in die Welt von Finanz- und Lohnbuchhaltung, von Steuerberatung und Wirtschaftsprüfung. Stephan Karl Schultze ist geschäftsführender Gesellschafter der Loeba Treuhand GmbH, die mit rund 60 Beschäftigten unter anderem grenzüberschreitende Steuerfragen im Dreiländereck bearbeitet. Er ist Mitglied der Vollversammlung der IHK Hochrhein-Bodensee, Vizepräsident und sitzt dem Finanz- und Steuerausschuss vor. Anfangs war sein vorrangiges Ziel: heimisch werden. In Berlin geboren, mit Stationen unter anderem in München und Wiesbaden, war der Hochrhein neues Terrain. Schultze hatte es bewusst gewählt. „Nachdem ich mich selbstständig gemacht hatte,  habe ich mich auf meine grenzüberschreitenden Erfahrungen besonnen.“ Motiviert durch zwei Studiensemester im Schweizer Lausanne, startete er einen berufsbegleitenden Master of International Taxation in Hamburg. „Das hat mich total gepackt.“ Also verkaufte er seine Kanzlei in Dortmund und kam als Partner an die Schweizer Grenze. „Der Ausschuss war eine schöne Möglichkeit, die Agierenden in der Region kennenzulernen.“ Die Kombination von persönlicher Begegnung und Themenarbeit überzeugte ihn. Überraschte ihn aber auch nicht. „Durch meine Zeit als Wirtschaftsjunior in Dortmund kam ich mit der Erwartung, auf interessierte Menschen zu treffen, die über den Tellerrand schauen.“

Für CFOs sei der IHK-Fachausschuss Finanzen und Steuern eine von wenigen Möglichkeiten, sich über Praxisthemen auszutauschen. Schultze versteht ihn als Plattform über Branchen hinweg. Vertiefte Einblicke in Unternehmen biete der Rhythmus, in jeder zweiten Sitzung bei einem Ausschussmitglied zu Gast zu sein. Den Perspektivengewinn sieht er als Benefit auch in der Beratung seiner Mandanten. 

„Im IHK-Ehrenamt bin ich sehr konkret an Demokratie und der Schaffung von Recht beteiligt.“
Stephan Karl Schultze bekleidet mehrere IHK-Ehrenämter

Draht nach Berlin

Stephan Karl Schultze beflügelt es, auch im Fachausschuss auf bundesweiter Ebene mitzuwirken. Über die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) bestehe die Anbindung an die Berliner Politik – für Anliegen wie ein wettbewerbsfähigeres Steuersystem, für Perspektiven aus dem Deutsch-Schweizer Grenzraum oder dem Vergleich mit der Schweiz. „Wir haben als Kammer an der Grenze zu einem Finanz-und Steuersystem außerhalb der EU einen besonderen Blickwinkel."  Der Start des digitalen Ausfuhrkassenzettels (dAKZ) Mitte Juni in die Testphase nennt er als ein Erfolgsbeispiel. 

Vom Hochrhein nach Berlin und zurück: Am Puls der Politik zu sein, beschreibt Stephan Karl Schultze als Winwin-Lösung. Auch weil er durch die Ausschussarbeit frühzeitig von Entwicklungen der Finanzpolitik erfährt. „Im Ehrenamt bin ich an der Quelle.“ Hier verliere die Beziehung zwischen Bürger und Staat an Abstraktion, gehe es über Diskussionen zu Politikverdrossenheit hinaus. „Das IHK-Ehrenamt ist eine Möglichkeit zur Teilhabe. Ich bin sehr konkret an Demokratie und der Schaffung von Recht beteiligt.“

Und wie macht ihr das?

Auch Jürgen Frömberg, seit 2024 Mitglied der IHK-Vollversammlung und damit auch im Ehrenamt tätig, pendelt gern zwischen Wirtschaft und Politik sowie zwischen Deutschland und der Schweiz. Nahezu täglich bietet sich ihm der Vergleich. Die Maier Spedition, die Jürgen Frömberg als Geschäftsführer leitet, ist mit aktuell knapp 200 Beschäftigten spezialisiert auf den Grenzverkehr zwischen beiden Ländern und unterhält je ein Zollbüro auf Schweizer und deutscher Seite. Seit 2014 gehört die Spedition zur Planzer Transport AG aus der Schweiz. Jürgen Frömberg hat zwei Karrieren bei der Maier Spedition. Er war als Geschäftsführer angestellt, als das Unternehmen noch familiengeführt war, wechselte in die Schweiz und kam schließlich für den Mutterkonzern Planzer als Geschäftsführer nach Singen zurück. Er leitet auch die Geschäfte eines zweiten Betriebs in Achern. Privat lebt der gebürtige Stuttgarter in der Schweiz, inzwischen seit 21 Jahren. 

Wieso er dann noch Stunden für ein Ehrenamt freimacht? „Ich habe dem Ehrenamt viel zu verdanken.“ Als Kind und Jugendlicher spielte er Fußball und erlebte viel Rückhalt von Mannschaft und Trainer. Als Dienst an der Gesellschaft sieht er auch das IHK-Ehrenamt. „Auf der politischen Bühne braucht es jemanden, der die Stimme für die Wirtschaft ist.“ Individuell lasse sich das als Unternehmer nicht stemmen. Der Deal aus seiner Sicht: Die IHK trägt Positionen auf politische Ebenen, das Ehrenamt wiederum stärkt den Draht der IHK zur Wirtschaft und verbreitert die Informationsbasis. Für die Logistik bringt Jürgen Frömberg die Sicht als Geschäftsführer eines volatilen Geschäfts ein, das von Wirtschafts- und Jahreszyklen abhängig ist. Ihn besorgt der Rückgang mittelständischer Betriebe. „Werden wir in zehn Jahren noch ausreichend mittelständische Betriebe als Partner auf Augenhöhe haben, gerade auch europaweit?“ Nicht weniger schätzt er den Austausch über die kleinen, die praktischen Fragen. „Wie macht ihr das?“ Damit möchte er möglichst viele Gespräche beginnen. Input geben und erhalten – auch das ist unschätzbar wertvoll.  

Wir unternehmen das

In Deutschland übernehmen täglich mehr als drei Millionen Unternehmen Verantwortung – nicht nur, um proftiabel zu wirtschaften, sondern auch für gesellschaftliche Ordnung und Gemeinwohl. Die aktuelle Kampagne der Deutschen Industrie- und Handelskammer gibt den Unternehmen ein Gesicht, auch in der Region. Stephan Karl Schultze und Jürgen Frömberg waren unter den Mitgliedern der IHK-Vollversammlung, die für die Kampagne vor die Kamera traten. Mitmachen ist hier möglich: Initiative

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