Die Chance nutzen
Mexiko als Handelspartner: Die IHK begleitet Unternehmen auf ihrem Weg in internationale Märkte.
von Standard Administrator
Wenn es um Leben oder Tod geht, kommen die Technologien von Stockert und KLS Martin weltweit zum Einsatz. Die Weltmarktführer aus Freiburg und Tuttlingen prägen mit Innovationen, Forschung und Spezialwissen die Medizin von heute und morgen – und
von Daniela Santo
Künstliche Intelligenz, digitale Operationsplanung, neue Biomaterialien, additive Fertigung und vernetzte Operationssäle werden die Medizin der kommenden Jahre maßgeblich prägen. KLS Martin will diese Entwicklungen aktiv mitgestalten. Dabei setzt das Unternehmen auf eine Kultur, die Tradition und Innovation nicht als Gegensatz begreift. „130 Jahre Unternehmensgeschichte verpflichten nicht dazu, alles beim Alten zu lassen. Sie verpflichten vielmehr dazu, den Mut zu haben, sich immer wieder neu zu erfinden“, sagt Leibinger.
Deshalb investiert KLS Martin aktuell auch in den Ausbau seines Standorts Mühlheim an der Donau. Neue Büroflächen, moderne Infrastruktur und zusätzliche Angebote für Mitarbeiter sollen die Innovationskraft stärken. Zugleich versteht die Unternehmensgruppe die Investitionen als klares Bekenntnis für den Standort Deutschland, den Wirtschaftsstandort Mühlheim und der Region Tuttlingen.
Unabhängigkeit statt Öffentlichkeit Für Christian Leibinger, geschäftsführender Direktor von KLS Martin in Tuttlingen (li.), ist der Status Hidden Champion ein Vorteil, der Unabhängigkeit mit sich bringe. Statt öffentlicher Aufmerksamkeit stündedie Entwicklung neuer Lösungen im Vordergrund – etwa für die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie.
Die chirurgischen Instrumente von KLS Martin liegen auf den OP-Tischen rund um den Globus, die Hochfrequenzgeneratoren von Stockert sorgen dafür, das Herzen wieder im richtigen Rhythmus schlagen. Und doch sind ihre Namen – im Gegensatz zu Branchengrößen wie Aesculap oder Karl Storz – eher unbekannt. Sie sind die Hidden Champions der Medizintechnik, obwohl ihre Produkte und Innovationen entscheidend im Kampf zwischen Leben und Tod sein können.
KLS Martin ist eines jener Unternehmen, auf das die von Hermann Simon 1990 geprägte Definition des Hidden Champions nahezu perfekt passt: Marktführer in einer spezialisierten Nische, international erfolgreich, aber in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt. Die Tuttlinger Unternehmensgruppe gehört seit Jahrzehnten zu den prägenden Global Playern der Medizintechnik und feiert in diesem Jahr ihr 130-jähriges Bestehen. Anders als Stockert ist KLS Martin deutlich größer aufgestellt. Mehr als 2700 Beschäftigte arbeiten weltweit für das Familienunternehmen, das einen Jahresumsatz von über 500 Millionen Euro erwirtschaftet. Die Produkte werden in 140 Ländern eingesetzt, 90 Prozent des Umsatzes im Ausland erwirtschaftet. Trotz dieser internationalen Präsenz gilt auch KLS Martin außerhalb medizinischer Fachkreise als vergleichsweise unbekannt. Das hat einen einfachen Grund: Die Technologien des Unternehmens sind meist dort im Einsatz, wo Patienten nur selten genau hinschauen können: im Operationssaal. Für den geschäftsführenden Direktor Christian Leibinger ist das kein Nachteil. „Nicht maximale Sichtbarkeit ist unser Maßstab. Entscheidend ist das Vertrauen von Chirurgen weltweit, wenn es um besonders anspruchsvolle Eingriffe geht.“
Den Status Hidden Champion betrachtet Leibinger als Vorteil. „Hidden Champions können sich stärker auf Kunden, Innovationen und langfristige Strategien konzentrieren, anstatt auf öffentliche Aufmerksamkeit.“ Gerade als Familienunternehmen ermögliche diese Unabhängigkeit nachhaltiges Handeln und langfristige Entscheidungen. Genau diese Perspektive prägt die Unternehmensgruppe seit Generationen und schafft die Grundlage dafür, technologische Entwicklungen über Jahre konsequent voranzutreiben.
Baden-Württemberg zählt zu den führenden Medizintechnikstandorten Deutschlands. Hier treffen die Präzisionsmechanik und Feinwerktechnik des Schwarzwalds auf die Ingenieurskunst des Maschinenbaus, einen starken Mittelstand sowie renommierte Universitäten, Kliniken und Forschungseinrichtungen. Tuttlingen gilt sogar als Weltzentrum der Medizintechnik: Auf engstem Raum hat sich eine weltweit einzigartige Konzentration von Herstellern, Zulieferern und Spezialisten entwickelt. Mehr als 400 Medizintechnik-Unternehmen sind dort ansässig. Schätzungen zufolge stammt jedes zweite chirurgische Instrument weltweit direkt oder indirekt aus der Region. Tuttlingen steht für chirurgische Instrumente, Endoskopie und Implantate von Unternehmen wie Aesculap, Karl Storz oder KLS Martin, während Freiburg mit Forschungseinrichtungen und Unternehmen wie Intuitive Surgical (OP-Robotik), Pajunk (Anästhesie und Schmerztherapie) oder Stockert (minimalinvasive Medizintechnik) wichtige Impulse in Robotik, Bildgebung und digitale Medizin setzt.
Elektrochirurgie hat Tradition: Der Standort in Freiburg gehört seit 2004 zur KLS Martin Group und blickt auf eine lange Tradition im Bereich der Elektrochirurgie zurück. Erste elektrochirurgische Geräte wurden dort bereits 1922 produziert – damals noch unter dem Namen Fritz Hüttinger.
„Hidden Champion bedeutet für uns nicht verborgen zu sein. Es bedeutet, weltweit relevant zu sein, auch wenn man nicht jeden Tag in den Schlagzeilen steht.“
Besonders deutlich wird das in den Bereichen, die bei KLS Martin aktuell zu den Wachstumstreibern zählen. In der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie gehört das Tuttlinger Unternehmen seit Jahrzehnten zu den weltweit führenden Anbietern. „Unsere Stärke liegt in hochspezialisierten chirurgischen Lösungen – von Implantatsystemen über Hochfrequenzchirurgiegeräte und Laser bis hin zu individualisierten Patientenlösungen.“ Mehr als 12 500 chirurgische Instrumente umfasst das Sortiment inzwischen. Auf großes Interesse am Markt stoße auch die jüngste Innovation im Portfolio: Implantatsysteme für Hand, Fuß und Trauma.
Wie stark sich die Medizin verändert, zeigt sich besonders bei sogenannten IPS-Lösungen, den Individual Patient Solutions. Sie stehen für einen der wichtigsten Trends der modernen Medizin: die Individualisierung. „Patienten erwarten präzisere Behandlungsergebnisse, Chirurgen wünschen sich planbare und effiziente Prozesse.“ Mithilfe digitaler Operationsplanung lassen sich Eingriffe heute bereits vor der eigentlichen Operation virtuell simulieren. Auf Basis dieser Daten entstehen patientenspezifische Implantate sowie exakt angepasste Bohr- und Sägeschablonen. Der 3D-Druck ermöglicht die Fertigung hochkomplexer Implantate als individuelle Einzelstücke. Nicht mehr der Patient wird an ein Standardprodukt angepasst, vielmehr das Produkt an die Bedürfnisse des Patienten.
„Weltmarktführer wird man weder über Nacht noch durch Zufall“, sagt Meinrad Kempf vom Branchennetzwerk Medical Mountains mit Sitz in Tuttlingen. Vielmehr würden technologische Exzellenz, immanentes Qualitätsbewusstsein und strategischer Weitblick erfolgreiche Unternehmen auszeichnen. Dass viele dieser Unternehmen, hidden oder nicht, im Raum Tuttlingen zu finden seien, sei ebenso wenig Zufall: „Das Medizintechnik-Cluster wirkt wie ein großer Inkubator: Die Nähe zu anderen triggert Verbesserungen, fördert neue Ideen und zeigt Nischen auf, die es zu besetzen lohnt.“
Das enge Zusammenspiel der Akteure ist für Meinrad Kempf ein weiterer Booster. Eine zentrale Rolle übernimmt dabei Medical Mountains. Das Netzwerk verbindet Hersteller, Lieferanten, Dienstleister, Labore, Forschung und Kliniken miteinander. „Wir bündeln diese Vielstimmigkeit, leiten wesentliche Handlungsfelder ab und kommunizieren diese auch in Richtung Stuttgart, Berlin oder Brüssel.“ Gleichzeitig unterstützt das Netzwerk seine Mitglieder bei Themen, die einzelne Unternehmen zunehmend herausfordern: regulatorische Anforderungen, technologische Entwicklungen oder die Erschließung internationaler Märkte. Es hat sich unserer Meinung nach bewährt, entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu denken und möglichst viele relevante Akteure einzubinden. Dahinter steht die Überzeugung: „Der Erfolg des einen hängt mit dem Erfolg des anderen zusammen.“
Knapp 100 Kilometer westlich von Tuttlingen liegt Freiburg - die Heimat von Stockert. Seit 40 Jahren entwickelt und produziert das Unternehmen Medizintechnik für minimalinvasive Therapien. Mit etwas mehr als 90 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von rund 20 Millionen Euro zählt Stockert eher zu den kleineren Akteuren der Branche – technologisch spielt das Unternehmen jedoch in der ersten Liga.
Der Schwerpunkt liegt auf der Elektrophysiologie, also der Behandlung von Herzrhythmusstörungen. Wenn Medikamente nicht mehr ausreichen, arbeiten Ärzte mithilfe von Kathetern direkt am Herzen. Mehr als 8000 Hochfrequenzgeneratoren aus dem Hause Stockert sind dafür heute weltweit in Herzkatheterlaboren im Einsatz. „Unsere besondere Stärke liegt in unserer konsequenten Spezialisierung, in enger Zusammenarbeit mit führenden Medizintechnikunternehmen“, beschreibt CEO Christoph Gerber das Erfolgsrezept. So entstehen Lösungen, die sich unter den anspruchsvollen Bedingungen des Klinikalltags bewähren und Ärzten eine sichere und effiziente Behandlung ermöglichen. Dabei setzt das Unternehmen bewusst auf eine hohe Fertigungstiefe am Heimatstandort. „Wir vereinen die gesamte Wertschöpfung an unserem Standort in Freiburg, von der ersten Idee über Forschung und Entwicklung, Zulassung und Produktion bis hin zu Service und Support“, sagt Gerber.
Dabei profitiert das Unternehmen von Freiburgs Standortfaktoren: Die Nähe zur Uniklinik Freiburg und zu Forschungsinstituten sorgt für einen kontinuierlichen Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis. „Die enge Zusammenarbeit liefert wertvolle Impulse für Forschung und Entwicklung“, sagt Gerber. Hinzu komme ein Netzwerk hochspezialisierter Zulieferer und qualifizierter Fachkräfte. „Kurze Wege und langjährige Partnerschaften machen uns flexibel und stärken unsere Lieferketten.“ Ein Vorteil, den viele größere Wettbewerber andernorts nicht hätten.
Im Zentrum der Unternehmensstrategie des Freiburger Hidden Champions - übrigens ganz gemäß der Simon’schen Definition – steht die Forschung. 52 Prozent seiner Gesamtkosten lässt Stockert in Forschung und Entwicklung fließen. Gut 60 Prozent der Beschäftigten arbeiten an neuen Technologien, Produkten und Therapieverfahren. Besonders intensiv beschäftigt sich Stockert derzeit mit Pulsed Field Ablation, kurz PFA. Das Verfahren gilt als eine der vielversprechendsten Entwicklungen in der Behandlung von Vorhofflimmern und könnte die Therapie in den kommenden Jahren entscheidend verändern. Parallel dazu baut der Medizintechniker Digitalisierung, Cloud-Technologie und künstliche Intelligenz aus. Sichtbares Zeichen dafür: die Übernahme von Tegus Medical in Hamburg. Für Gerber steht fest, dass vor allem die Bereitschaft, in klinische Forschung zu investieren, einer der entscheidenden Innovationstreiber der Zukunft sein wird. Nicht im Alleingang, sondern gemeinsam mit Ärzten, Forschungseinrichtungen und Industriepartnern wolle man bestehende Therapien weiterentwickeln und neue Anwendungsgebiete erschließen.
Innovation bedeute in der Medizintechnik allerdings weit mehr als eine gute Idee. Neue Medizintechnik erfordere hohe Investitionen, jahrelange Forschung und die Einhaltung strenger regulatorischer Vorgaben. „Deshalb braucht es einen angemessenen Schutz von Innovationen“, sagt Gerber. Wirtschaftlicher Erfolg und ethische Verantwortung stünden dabei keineswegs im Widerspruch. Letztlich gehe es immer um den Nutzen für die Patienten. Nur wer nachhaltig wirtschaften könne, sei auch in der Lage, kontinuierlich in neue Therapien und medizinischen Fortschritt zu investieren.
Sein Wachstum versteht das Freiburger Unternehmen nicht als Selbstzweck. Entscheidend sei nicht, möglichst groß zu werden, sondern nachhaltig zu wachsen. „Erfolg messen wir nicht an Umsatz oder Mitarbeiterzahl, sondern daran, ob wir unsere Innovationskraft, unsere Unternehmenskultur und unseren hohen Qualitätsanspruch bewahren können.“ Diese Haltung zeigt sich auch in der Personalpolitik: Viele Führungspositionen werden aus den eigenen Reihen besetzt. Know-how wird nicht eingekauft, sondern aufgebaut. „Für uns sind die Mitarbeiter der wichtigste Erfolgsfaktor.“ Mehr als 90 Prozent der Beschäftigten haben unbefristete Verträge, weil „Innovation dort entsteht, wo Menschen Vertrauen, Entwicklungsmöglichkeiten und Verantwortung erhalten“.
Am Ende verbindet KLS Martin und Stockert letztlich der selbe Anspruch, der über den wirtschaftlichen Erfolg hinausgeht: Beide entwickeln ihre Produkte für Bereiche, in denen medizinische Entscheidungen unmittelbare Auswirkungen auf das Leben von Menschen haben. „Unsere Produkte kommen dort zum Einsatz, wo es um Lebensqualität und oft sogar um Menschenleben geht“, sagt Stockert-Chef Christoph Gerber. Dieses Bewusstsein präge die Unternehmenskultur und den Anspruch an die eigene Arbeit. Ähnlich formuliert es Christian Leibinger von KLS Martin: „Für unsere Mitarbeiter ist es eine besondere Motivation zu wissen, dass ihre Arbeit Menschen unmittelbar hilft.“
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