Von der Lörracher Lauffenmühle bis zum Konstanzer Bücklepark: Wenn verwaiste Gebäude zu neuen Orten für Wohnen, Arbeiten und Begegnung werden, dann ist Konversion mehr als Sanierung. Sie ist ein Aufbruch, der zeigt, wie viel Zukunft in scheinbar Nutzlosem steckt.

Wo früher Gewerbe des 19. Jahrhunderts seinen Platz hatte, entsteht heute Raum für das Gewerbe des 21. Jahrhunderts. Alte Fabrikhallen, Werkstätten und Verwaltungsgebäude, einst Orte von Lärm, Schichtarbeit und Produktion, werden zu Büros, Ateliers, Kitas oder klimafreundlichen Gewerbeflächen. Der Backstein bleibt, der Zweck wandelt sich. Statt Abriss heißt die Devise immer öfter: weiterbauen, umnutzen, neu beleben.
Das Lauffenmühle-Areal im Osten von Lörrach ist ein Ort, an dem dieser Wandel greifbar wird. Dort schlug einst das Herz der Wiesentäler Textilproduktion. Heute rollen Bagger für ehrgeizige Ziele an. Auf dem 8,5 Hektar großen Gelände soll das „bundesweit erste klimaneutrale Gewerbegebiet in Holzbauweise“ entstehen. „Der teilweise Rückbau hat schon begonnen“, sagt Projektleiter Burkhard Jorg. Es ist nach der Schadstoffsanierung für 3,5 Millionen Euro die zweite große Maßnahme auf dem Gelände. Damit wird sichtbar, woran bisher vor allem theoretisch gearbeitet worden war: dem Umbau des Lauffenmühle-Areals zum Gewerbegebiet mit Anspruch. „Damit setzen wir neue Maßstäbe in der nachhaltigen Stadtentwicklung“, schwärmt Alexander Nöltner von der Fachbereichsleitung Stadtplanung im Rathaus.
Für dieses ehrgeizige Vorhaben werden vor allem die Industriehallen des einstigen Textilunternehmens weichen müssen, erläutert Jorg. Doch vieles bleibe erhalten. Dazu zählen der Schornstein, der zu einem weithin sichtbaren Markenzeichen geworden ist, die einstige Hauptverwaltung und andere identitätsstiftende Gebäude. Auch einige autarke Gebäude-
teile und Außenwände mit der typischen Sheddach-Optik sollen Bestand haben. Jorg: „Schließlich sind sie charakteristisch für das Ensemble.“ Alte Elemente werden so zum Fundament einer neuen Ära.
Die Geschichte des industriell genutzten Areals geht weit zurück. 1899 wurden die ersten Werkshallen errichtet. Die spätere Druckerei & Appretur Brombach wurde Mitte der 1960er-Jahre von der Lauffenmühle übernommen. Das Unternehmen aus Lauchringen hatte zu seiner Blütezeit weit mehr als 2000 Mitarbeiter in Lauchringen, Blumberg, Steinen und Lörrach. 1986 produzierte die Lauffenmühle rund 76 Millionen Quadratmeter Stoff. Daraus hätten mehr als 32 Millionen Hemden oder Blusen genäht werden können.
Konkurrenz aus Fernost
Doch Mitte der 1980er-Jahre ist die Blütezeit längst vorbei: Schon 20 Jahre vorher wurde die Konkurrenz aus Fernost immer härter. Mit der Eröffnung des EU-Binnenmarkts geriet die Lauffenmühle dann ganz aus dem Tritt. Im Februar 1993 stellte das Unternehmen erstmals einen Antrag auf Eröffnung eines gerichtlichen Vergleichsverfahrens zur Abwendung des Konkurses. Im Laufe der Jahre bestimmten dann mehrere Insolvenzen und Eigentümerwechsel die Entwicklung, bis die Stadt Lörrach 2020 das Gelände für rund zehn Millionen Euro übernahm und dafür Gelder aus dem Landessanierungsprogramm erhielt. Fortan setzte man auf Revitalisierung statt auf Rückzug.
Im Projektbüro, das auf dem Gelände untergebracht ist, lässt sich die mögliche Zukunft des Lauffenmühle-Areals erahnen. Es gibt viel Grün, viel Raum, sanfte Wasserläufe und viele Optionen auf dem großen Plan zu sehen. Eingezeichnet sind da zum Beispiel Produktionsbetriebe und Büros, ein Boardinghouse, ein Parkhaus, eine Kantine, eine Kita. „Zukunftsbild“, nennt es Burkhard Jorg und blickt aus dem Fenster auf die alten Gebäude. Wenn die zurückgebaut sind und die freien Flächen erschlossen sind, ist nicht nur ein wichtiger Meilenstein erreicht. Dann erst werde sichtbar, welches Potenzial im Osten der Stadt steckt. Dessen ist sich Jorg sicher. Doch auch das ist nur ein Teil der nächsten Aufgaben. Jetzt suchen Jorg und seine Mitstreiter nach Pilotprojekten, um sie auf dem Areal umzusetzen. „Raum braucht etwas Greifbares, um unsere Idee verständlich werden zu lassen.“ Denn noch sind es nur Pläne.
Was auf dem Lauffenmühle-Areal, wenige Meter Luftlinie vom Lörracher Messegelände entfernt, entstehen soll, ist allerdings recht klar definiert: Gewerbeflächen zwischen 1000 und 10 000 Quadratmetern – entweder zum Kauf oder in Erbpacht. Kein Einzelhandel, keine Gastronomie. Laut den aktuellen Plänen wird es gut 76 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche geben. Wann ist allerdings unklar. Zunächst muss der Bebauungsplan unter Dach und Fach sein. Bis zur ersten Jahreshälfte 2027 soll die Fläche im Detail überplant sein – inklusive Erschließungsstraße. Ernsthafte Interessenten gebe es bereits.
Lörrach ist kein Sonderfall
Bundesweit setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass Entwickeln und Umnutzen im Bestand nachhaltiger ist, als neu zu beginnen. Wie stark dieses Umdenken bereits durchschlägt, zeigt der Blick auf die Zahlen. Laut einer Studie des Instituts für Baubetriebswesen an der TU Dresden sind die Abrisszahlen deutschlandweit seit 2007 gesunken, besonders deutlich seit 2018. Zwischen 2007 und 2021 nahm die Zahl der Abrisse von Wohngebäuden um 36 Prozent ab, bei Nichtwohngebäuden um 19 Prozent.
Abriss oder Neuanfang? Vor dieser Frage standen auch die Tuttlinger, als sich die Deutsche Post im Jahr 2000 von ihrer ehemaligen Hauptpost trennte. Schon lange zuvor war der Schalterbetrieb in dem 1923 erbauten Gebäude eingestellt worden, in dem heute nicht mehr Briefe, sondern Kinder die Hauptrolle spielen. Aesculap, die Chirurgie-Sparte von B. Braun, war es damals, die sich bewusst für den Neuanfang entschied, das Gebäude kaufte und zunächst als Produktionsstätte nutzte. „Die zentrale Lage, die großzügigen Räumlichkeiten und das hohe Potenzial für eine nachhaltige Nutzung sprachen klar für den Erhalt“, sagt Jens von Lackum, Vorstandsmitglied von B. Braun. Auch 2009, als man das Gebäude für die Produktion nicht mehr brauchte, richtete man mit der Eröffnung des Schülerforschungszentrums den Blick in die Zukunft. Sechs Jahre später nahm die Kita Alte Post ihren Betrieb auf – ein Public-Private-Partnership-Projekt: Die Stadt betreibt die Kita, Aesculap stellt die Räume und übernimmt die Betriebskosten. Für die Stadt ist das ein Glücksfall: 120 Kita-Plätze mitten in der Innenstadt, davon 80 für Kinder von Aesculap-Mitarbeitern und 40 für Familien aus Tuttlingen.
In Konstanz erzählen nur wenige Orte ein so dichtes Kapitel industrieller Vergangenheit und des Aufbruchs wie das Neuwerk. 1907 vom Architekten Martin Sauter geplant, galt es lange als Beleg dafür, wie kraftvoll Industriearchitektur sein kann: ausladende Hallen, hohe Decken, Stahlträger, Lichtbänder. Die Firma Stromeyer produzierte dort Zeltstoffe, Planen und in den 1960er-Jahren die bis heute legendären bunten Regenmäntel. Doch auch diese Ära fand ein Ende. Als die Produktion in den 1970er-Jahren eingestellt wurde, begann ein langsames Verblassen des Gebäudes – und gleichzeitig eine neue Phase der Aneignung. Kreative aus der Region entdeckten die leer stehenden Hallen, Bands mieteten Proberäume, kleine Werkstätten entstanden und das Neuwerk wurde zu einem Ort, an dem man experimentieren konnte. Diese Entwicklung führte im Jahr 2000 zur Gründung der Neuwerk eG, die das Gebäude vor dem Abriss rettete und sanierte.
Die industrielle Struktur blieb dabei erhalten, die Spuren der früheren Nutzung wurden bewusst sichtbar gelassen, und gleichzeitig wurden moderne, flexible Räume geschaffen. Heute beherbergt das Neuwerk auf 9000 Quadratmetern eine vielfältige Mischung aus Werkstätten, Ateliers, Büros, Kreativbetrieben und Kulturangeboten mit insgesamt rund 100 Genossenschaftsmitgliedern.
Während im Neuwerk Kreativität den Ton angibt, wird im nahen Bücklepark an der Zukunft der Stadt gebaut. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg war das Konstanzer Siemens-Areal ein bedeutender Industriestandort – bis der Konzern umsiedelte und rund 70 000 Quadratmeter Industriefläche brachlagen. Die Idee der Stadt: Das Gelände beleben – als gemischtes Quartier mit Wohnen, Arbeiten und urbanen Freiräumen. In der I+R-Gruppe aus dem österreichischen Lauterach hat die Stadt 2017 den passenden Entwickler gefunden. „Wir rechnen damit, am Ende einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag in die Entwicklung des Geländes investiert zu haben“, sagt Sarah Reinhardt, Geschäftsführerin der I+R-Tochter J+R-Immobilien Konstanz.
Ein neues Quartier
Drei ehemalige Siemens-Bürogebäude wurden bereits energetisch ertüchtigt und sind heute auf 16 000 Quadratmetern zu 95 Prozent vermietet – an innovative Unternehmen und Start-ups ebenso wie an Gesundheits- und Dienstleistungsbetriebe. Ankermieter ist das Gründungszentrum der Stadt, außerdem zählen das Max-Planck-Institut, die Fachhochschule und die Internationale Bodenseekonferenz zu den Mietern. Ein besonderer Ort (und laut Immobilienverwalter Florian Müller-Braun aktuell die „größte Herausforderung“, weil man auf der Suche nach einem Betreiber ist) ist die denkmalgeschützte Sheddach-Halle, einst Herzstück der Siemens-Forschung. Sie soll zu einem offenen Treffpunkt werden – mit Kultur, Dienstleistungen, Technologie, Gastronomie oder Gewerbe. Parallel wächst der Wohnanteil. Auf dem 70 000 Quadratmeter großen Areal entstehen rund 500 Wohnungen, davon 30 Prozent sozialer Wohnungsbau. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft Wobak errichtet vier dieser Gebäude. Ein früherer Siemens-Bau wird künftig als Studierenden- und Azubiwohnraum genutzt. Als erster Neubau entsteht eine Kita.
Auch dieses Konversionsprojekt braucht viel Köpfchen: Leitungen, Brandschutz, Energie und Erschließung mussten auf dem ehemaligen Siemens-Gelände völlig neu gedacht werden. „Ein Abriss wäre sicher einfacher gewesen, aber das widerspricht unserem Gedanken der Nachhaltigkeit“, sagt Sarah Reinhardt. Patrick Merck/Daniela Santo










