In Freiburgs außergewöhnlichster Schule lernen besonders engagierte Jugendliche aus 90 Ländern gemeinsam – im Spannungsfeld von Herkunft, politischen Konflikten und globalen Perspektiven. Damit steht das Bosch College für ein Bildungsmodell, das internationale Verständigung organisiert.

Der Freiburger Stadtrand, ein altes Kartäuser-Kloster am Hang, daneben zwölf würfelförmige Wohnhäuser. Viel Wald, viel Wiese. Grasende Schafe, das Dreisamtal, gegenüber die Schwarzwaldgipfel. Im Innern der altehrwürdigen Kloster-Mauern: Jugendliche mit Schultaschen auf hellen Fluren, beim Mittagessen in der Mensa, beim Basketball im Innenhof. Durch verschiedene Akzente gefärbte Englischfetzen wehen herüber. Aus ungefähr 90 Ländern stammen die Schüler am UWC Robert Bosch College (RBC), dem einzigen deutschen von 18 United World Colleges. Die Schulsprache ist Englisch und damit willkommen in einer Welt, die ihren ganz eigenen Rhythmus hat.

Frieden in die Welt tragen
Die Bildungsbewegung UWC will junge Menschen mit unterschiedlichen Nationalitäten, Kulturen, sozialen Schichten und Perspektiven zusammenbringen. Sie sollen von- und miteinander lernen und für zwei Jahre friedlich zusammenleben – trotz teils politischer Konflikte in und zwischen ihren Heimatländern wie Israel, Palästina, Iran oder Afghanistan. Die Jugendlichen sollen den Frieden nach ihrem Abschluss mit dem internationalen Abitur (dem International Baccalaureate) weitertragen in die Welt, um diese positiv zu verändern.
In Freiburg fand man für die Internatsschule nicht nur ein passendes Grundstück im Dreiländereck, sondern auch Unterstützung durch die Stadt. 2011 war Spatenstich anlässlich des 150. Geburtstags von Robert Bosch, drei Jahre später wurde das College eröffnet – ein gemeinsames Projekt der Stiftungen Robert Bosch (mit 44 Millionen Euro auch eines ihrer größten Einzelprojekte) und UWC.
Die Schüler dieser Colleges werden von Nationalkomitees ausgewählt. Geld und soziale Herkunft sollen dabei keine Rolle spielen, sondern Engagement und Begabung, versichert RBC-Rektorin Helen White. Wichtig sind etwa die Bereiche Nachhaltigkeit und Technologie, die hier Schwerpunkte sind. Dafür hat nahezu jeder einzelne der rund 16- bis 19-Jährigen am Robert Bosch College ein Stipendium, 65 Prozent von ihnen ein Vollstipendium. Finanziert werden Schulbetrieb und Stipendien durch öffentliche Gelder, aktuell vor allem von der Robert Bosch Stiftung und dem Land Baden-Württemberg sowie von privaten Spendern, Unternehmen und Stiftungen.
Die Nachkommen des Namensgebers und erfolgreichen Unternehmers und Philanthropen sind aus der Freiburger Schule nicht wegzudenken. Urenkel Lukas Bosch hat im vergangenen Dezember den RBC-Vorstandsvorsitz von seinem Vater Christof übernommen; der Gesellschafter der Robert Bosch Stiftung hatte das College von der Konzeption an begleitet.
Und nun also der Wechsel, der passender kaum sein könnte. Lukas Bosch, Absolvent des UWC Mostar in Bosnien und seit 2022 im RBC-Board,
vereint beide Welten in sich und kann noch dazu seine Erfahrung als Gründer von Social Start-ups einbringen.
„Zwischen verschiedenen Welten navigieren zu können, ist für die Rolle hilfreich. Gerade für eine Organisation, die immer neu erklärt und auch verteidigt werden muss in ihren Werten“, sagt Lukas Bosch. Gegenüber ideologischen Veränderungen in der Welt zum Beispiel, aber auch ganz konkret bei logistischen Problemen: Ist die Botschaft im Land XY noch offen oder darf die Schülerin aus dem Land mit dem autoritären Regime überhaupt ausreisen? Seine eigene Zeit am UWC bezeichnet der heute in Berlin lebende Lukas Bosch als „ganz schön intensiv“ und „vermutlich die prägendste Phase meines bisherigen Lebens“. Nicht nur wegen der Vierbettzimmer, der Gemeinschaftsküchen und -bäder; sondern auch, weil sie ihn seiner eigenen Privilegien bewusst machte – noch mehr als ohnehin schon. „Ich hatte das totale Glück, in einer Familie aufzuwachsen, in der eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Privileg die Norm ist.“ Ein Erbe seines 1942 in Stuttgart gestorbenen Urgroßvaters, der in seinem Testament verfügt hatte, mit den Erträgen seines Vermögens Menschen zu fördern – was damit verbunden war, dass die Familie auf einen Teil dieses Vermögens verzichtete. Eine Vorgabe, aus der später die Robert Bosch Stiftung hervorging.

Für Lukas Bosch ist dieses Erbe Verantwortung und Antrieb zugleich. „Wenn man in ein so großes Konstrukt hineingeboren wird, ist vielleicht der Wunsch, selbst Dinge zu schaffen, umso größer. Und ich glaube, es war für mich ein wichtiger Antrieb, etwas Konstruktives auf dieser Welt zu schaffen und nicht nur etwas Geerbtes zu verwalten.“ Ein bisschen die Welt verändern, durch sein unternehmerisches Tun und durch UWC.
An so etwas wie ein Bosch-Erfinder-Gen glaubt Bosch indes nicht. „Dieser Spaß am Gestalten steckt eigentlich in jedem Menschen und es ist mehr die Frage, ob wir den Raum schaffen, in dem das ausgelebt werden kann. Da kommt Innovation her.“ Susanne Ehmann




