Wie kriegt man die Konjunktur wieder in Gang, macht Arbeit attraktiver und saniert dabei auch gleich noch die Staatsfinanzen? Antworten darauf hat der schwäbische Wirtschaftsprüfer Martin Wulf parat. Ein Gastbeitrag

Deutschland diskutiert seit Monaten über höhere Einnahmen, neue Steuern und zusätzliche Verteilungsmechanismen. Dabei aber gerät eine zentrale Frage in den Hintergrund: Haben wir tatsächlich ein Einnahmeproblem oder ein Strukturproblem?
Aus unternehmerischer Perspektive spricht vieles für Letzteres. Unsere wirtschaftliche Dynamik nimmt ab, Investitionen verlagern sich, bürokratische Lasten steigen und der Abstand zwischen Erwerbsarbeit und Transferleistungen wird im unteren Einkommensbereich zunehmend geringer wahrgenommen. Gleichzeitig verändert künstliche Intelligenz administrative Tätigkeiten grundlegend – während die demografische Entwicklung die Sozialkassen belastet.
Wenn wir diesen Herausforderungen begegnen wollen, brauchen wir keine isolierten Einzelmaßnahmen. Wir brauchen eine strukturelle Neuordnung, einen Ordnungsrahmen.
Wie sich Arbeit wieder lohnen würde
Eine funktionierende Marktwirtschaft basiert auf Leistungsanreizen. Wer arbeitet, muss finanziell spürbar besser gestellt sein als jemand, der dauerhaft im Transfer-
system verbleibt. Diese Grundregel ist keine soziale Härte, sondern ordnungspolitische Logik.
Heute erleben wir im Niedriglohnbereich eine problematische Konstellation: Hohe Steuer- und Sozialabgaben treffen geringe Einkommen besonders stark. Gleichzeitig sind Transferleistungen, insbesondere bei Berücksichtigung von Miet- und Nebenkosten, relativ hoch. Das führt nicht zwingend zu massenhaftem Arbeitsverzicht, wohl aber zu einer schleichenden Erosion des Leistungsanreizes.
Hinzu kommt ein struktureller Wandel durch künstliche Intelligenz. Bei administrativen Tätigkeiten könnten in den kommenden fünf Jahren erhebliche Beschäftigungspotenziale entfallen. Gerade deshalb muss sich jede verbleibende Erwerbsarbeit lohnen.
Ein Reformansatz wäre klar: Der steuerliche Grundfreibetrag sollte vollständig steuer- und sozialabgabenfrei gestellt werden. Erst oberhalb der Schwelle von derzeit knapp 12 500 Euro für Alleinstehende und 25 000 Euro für Eheleute würden Beiträge erhoben. Gleichzeitig sollte langfristige Erwerbsbiografie honoriert werden – etwa durch eine Mindestrente oberhalb des Bürgergeldniveaus nach durchgehender Lebensarbeitsleistung.
Es geht nicht um Kürzungen, sondern um eine klare Botschaft: Wertarbeit schafft Wohlstand für den Einzelnen und für die Gesellschaft.

Wie man Produktivvermögen schützen und Entnahmen besteuern kann
Kaum ein Thema wird so emotional diskutiert wie die Vermögensbesteuerung. Und natürlich wirkt der Ruf nach einer Vermögensteuer auf den ersten Blick plausibel: Hohe Vermögen sollen stärker zur Finanzierung staatlicher Aufgaben beitragen. Doch ökonomisch ist die jährliche Besteuerung von Substanz problematisch.
Produktivvermögen ist kein statischer Geldspeicher, sondern Grundlage von Investitionen, Innovationen und Beschäftigung. Eine regelmäßige Substanzbesteuerung würde Liquidität aus Unternehmen abziehen – und das unabhängig davon, ob Gewinne tatsächlich ausgeschüttet werden. Ein effizienterer Weg läge in der Reform der Erbschaft- und Schenkungsteuer. Anstelle komplexer Verschonungsregelungen, Lohnsummenfristen und Haltepflichten könnte ein klarer Mechanismus treten: Betriebsvermögen wird grundsätzlich besteuert – die Steuer jedoch zinslos gestundet, solange das Kapital im Unternehmen gebunden bleibt. Fällig würde sie erst bei Ausschüttung oder Veräußerung.
Damit würde Gleichbehandlung hergestellt: Wer Mittel entnimmt, zahlt. Wer investiert und Arbeitsplätze sichert, wird nicht durch Substanzabfluss belastet. Eine solche Lösung verbindet Leistungsprinzip und Gerechtigkeitsgedanken. Wachstum wird nicht bestraft – aber Entnahme wird besteuert.
Bürokratie bleibt Produktivitätshemmnis
In kaum einem Bereich ist der Reformbedarf so offensichtlich wie in der Verwaltung. Deutschland ist kein Hochlohnproblem-, sondern ein Hochbürokratie-Land. Unternehmen melden identische Daten an verschiedene Behörden, Bürger verwalten mehrere Identifikationsnummern, Prozesse sind fragmentiert. Zeit, die in Verwaltung gebunden wird, fehlt in Wertschöpfung. Ein struktureller Schritt wäre die Einführung einer einheitlichen Personen-Identifikationsnummer, die Steuer-, Sozialversicherungs- und weitere Verwaltungsnummern ersetzt. Verbunden mit einer integrierten digitalen Verwaltungsstruktur könnte dies Doppelmeldungen vermeiden, Transparenz erhöhen und Kosten senken.
International existieren funktionierende Beispiele. Technisch ist die Umsetzung möglich. Entscheidend ist allein der politische Wille. Martin Wulf
