Immer wieder erstaunlich, was bei uns im Südwesten alles hergestellt wird. Dieses Mal geht es mit dem Stockacher Tauwerk um 150 Jahre mit viel Handarbeit und Narrenpeitschen im digitalen Zeitalter.

Ein Meer aus Seilen hängt in Stockach bei der Firma Tauwerk von der Decke. Die Schnüre sind hunderte Meter lang, neonorange, hanfbeige oder dunkelblau, manche armdick, andere spindeldürr. Wer in den Laden der Familie Muffler kommt, merkt schnell: Das hier ist kein Baumarkt-Klon, sondern ein Fachgeschäft mit Hang zur Handwerkskunst und viel Freude an der persönlichen Beratung. „Seil ist nicht gleicht Seil“, sagt Inhaber Bernhard Muffler, der als Seilermeister eine der letzten Seilereien in Deutschland führt.
Das Seilerhandwerk wie der Handel mit Tauen, Seilen und Stricken war einst ein gefragter Beruf – aber die Traditionsunternehmen werden inzwischen mehr und mehr von günstiger arbeitenden Wettbewerbern aus Schwellenländern und industriellen Produzenten be- und verdrängt. Auch bei Tauwerk spürt man das, wenngleich die Firma seit 1879 besteht.
Früher stellte der Urgroßvater von Bernhard Muffler in reiner Handarbeit Seile für die Landwirtschaft her – heute produzieren drei Seilermeister und ein Raum voller Flechtmaschinen Seile für Industrie, Spielgeräte und Boote. Die Nähe zum Bodensee macht Ankerleinen und Bootstaue, Schlepp- und Rettungsleinen ganz besonders gefragt, zudem geht es immer wieder um Sonderanfertigungen.
Rund 100 Tonnen Garn verschnüren die Mufflers jährlich zu Tauen und Seilen. Der Fokus liegt dabei auf Qualität und Maßarbeit, erklärt der Seniorchef. „Wir produzieren nicht den Massenartikel, bei dem nur der Preis entscheidet.“ Bei Tauwerk zählt, was hält und was gefällt: Kunden können ihr Wunschseil konfigurieren von der Farbe (passend zum Bootslack) und dem Stil bis hin zur Tragfähigkeit.
Menschen und Maschinen
So entstehen jeden Tag etwa 30 Kilometer Seil in Stockach: Maschinen flechten, Menschen vollenden. Sie verschweißen Enden, knüpfen Anfänge und verpacken die Produkte. Für spezialgefertigte Narrenpeitschen setzt man ausschließlich auf Handarbeit – die Käufer warten dafür gern einige Tage länger. Dafür können sie im Ladengeschäft ihre Seile vor dem Kauf anfassen, prüfen und sich persönlich beraten lassen. „Der Service ist gefragt“, sagt Muffler.
Nachfolge schon geregelt
Das Konzept des Familienunternehmens funktioniert. Die Seilerei Tauwerk steht auch nach einigen Jahrzehnten noch stabil, während andere Firmen längst den Faden verloren haben. „Wir sind stolz darauf“, sagt Muffler – und man sieht es ihm an. Bald will er das Ruder – oder besser: das Seil – an die fünfte Generation Muffler übergeben. Seine Töchter Sophie, 26, und Helena, 30, sind schon in die Firma eingestiegen. Sophie als gelernte Seilerin, Helena als Wirtschaftsingenieurin. „Wir wurden nie gedrängt“, betonen sie. Sie wollen einfach weitermachen, was seit fast 150 Jahren hält: echte Handarbeit mit Seele. Oder kurz gesagt: Es ist die Tradition, die zieht. Carolin Johannsen
