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Ausgabe 03/2026
Schwerpunkt  Unternehmen
Boom der Rüstungsindustrie

Einfach nur ein Bombengeschäft?

Deutschlands Aufrüstung bringt Milliarden in Bewegung und eröffnet auch im Südwesten neue Marktchancen. Vom Drohnen-Start-up bis zum Autozulieferer richten zahlreiche Unternehmen den Blick auf den Verteidigungssektor. Sie hoffen auf lukrative Aufträge und einen Platz in einer Branche, die so stark wächst wie lange nicht.

Startklar für die Zukunft: Komponenten für den hier startenden Eurofighter produziert in Freiburg die Firma Northrop Grumman Litef. Dort beschäftigt man sich auch mit Sensorik für unbemannte Kampfflugzeuge. Litef-Chef Kampmann: „Die technologische Entwicklung geht eindeutig in Richtung Autonomie.“ Foto: Adobe Stock/ ABmotion.de

Fragt man Lutz Kampmann nach der aktuellen Auftragslage bei Litef, hat der Geschäftsführer nur Positives zu berichten. Man begegne derzeit einer „hohen Nachfrage“ – und ist damit nicht allein. Zuletzt ließ sich das bei der Pariser Rüstungsmesse erleben, der Eurosatory im Juni, bei der an vielen Ständen die Champagner-Korken knallten.
In Freiburg gibt man sich ein bisschen bodenständiger – auch als Aviation-Ausrüster. Litef ist seit 2001 Teil des US-Rüstungskonzern Northrop Grumman und einer der weltweiten Spezialisten für inertiale Navigation, die unabhängig von Signalen globaler Satellitensystemen ist. Und die sei in der Luftfahrt, beim Heer und der Marine gefragt, sagt Kampmann. Genaue Umsatzzahlen nennt der Litef-Chef nicht, aber das Unternehmen wächst. Zusätzlich zu den aktuell 600 Mitarbeitern am Standort sucht man kontinuierlich weitere.

Auch der Oberndorfer Waffenhersteller Heckler & Koch entwickelt sich „wirtschaftlich sehr positiv“, so Pressesprecher Alexander Schuster. „2025 wurde mit einem Auftragseingang von 802 Millionen Euro ein historischer Höchstwert erreicht, der Umsatz lag bei 393 Millionen Euro.“ Heckler & Koch ist seit langem Partner der Bundeswehr und stattet die Truppe aktuell mit einem neuen Sturmgewehr aus. Geplant sind 250 000 neue Waffen. Das Auftragsvolumen soll rund 800 Millionen Euro betragen.
Man merkt: Deutschland rüstet auf. Die Bundesregierung und die Europäische Union haben angekündigt, ihre Militärausgaben deutlich zu erhöhen – um sich mehr sicherheitspolitische Eigenständigkeit zu erkaufen. Ein Expertenteam um Tech-Investorin Jeannette zu Fürstenberg aus Donaueschingen, Airbus-Chef René Obermann und Moritz Schularick vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) schätzt im gerade erst veröffentlichten Sparta 2.0 Papier, dass Europa seine strategischen Fähigkeitslücken über das nächste Jahrzehnt mit zusätzlichen Ausgaben von rund 500 Milliarden Euro schließen könnte.
Die von Berlin und Brüssel angekündigten Milliarden wirken sich auch auf die Wirtschaft im Südwesten aus. Die Nachfrage nach Gütern aus der Rüstungsindustrie steigt – und nicht nur die kann von steigenden Investitionen in Verteidigungsfähigkeit und Infrastruktur profitieren. Auch viele Unternehmen, die bisher mit Panzern oder Pistolen nichts zu tun hatten, erhoffen sich durch den Rüstungsboom neuen Aufschwung. Besonders die Automotive-Branche mit ihren vielen mittelständischen Zulieferern steht hier Gewehr bei Fuß.

Hoffen auf neue Märkte
15 000 Industrieunternehmen in Deutschland, also etwa sieben Prozent, sind nach Untersuchungen des Bonners Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) bereits im Sicherheits- und Verteidigungssektor tätig. Vier von zehn Unternehmen ziehen dies für die Zukunft in Betracht, auch viele Mittelständler.
Sowohl die Unternehmer, die bereits in diesem Sektor aktiv sind, als auch diejenigen, die potenziell interessiert sind, erwarten sich demnach Umsatzwachstum und die Erschließung neuer Märkte, so das IfM. Knapp drei von zehn Befragten sehen darin einen Beitrag zur Sicherung der Verteidigungsfähigkeit.
Beim Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) explodieren derweil die Mitgliederzahlen. Seit Januar ’25 hat sich die Zahl auf 600 mehr als verdoppelt. „Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine verzeichnen wir eine deutlich gestiegene Nachfrage nach Informationen und Orientierung über den Einstieg in die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie“, sagt BDSV-Geschäftsführer Hans Christoph Atzpodien.
Viele Anfragen kommen demnach von Unternehmen, die als mittelständische Zulieferer aus Maschinenbau, IT, Elektronik oder Automotive bereits über einschlägige Erfahrung verfügen – aber auch von Start-ups, insbesondere aus dem Bereich der Drohnen. BDSV-Chef Atzpodien sagt: Regional sei die Nachfrage breit verteilt, aber „mit Schwerpunkten in industriestarken Bundesländern wie Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg“.

Vom Bodensee: Drohnen ohne China-Komponenten
Eines dieser Start-ups sitzt in Konstanz und hat gerade ordentlich Auftrieb. Highcat fertigt Drohnen. Ohne chinesische Komponenten und ausschließlich in Deutschland, betont Geschäftsführer Dominik Faißt. Gegründet 2023, erster Großkunde: die Bundeswehr. Um über 100 Prozent wächst Highcat jährlich, kontinuierlich wird erweitert. Am Konstanzer Flugplatz plant Faißt einen 4500 Quadratmeter großen Neubau. Investitionsvolumen: zehn Millionen Euro. Im Frühjahr 2028 soll eingezogen werden, die Baugenehmigung lässt noch auf sich warten.
„Der Großteil der aktuellen Nachfrage kommt aus verteidigungs- und sicherheitsnahen Anwendungen“, sagt Faißt. Highcat profitiert also vom Rüstungsboom – davon abhängig sieht man sich aber nicht: Die Anwendungsmöglichkeiten der Drohnen seien vielfältig und die Highcat-Produkte überall dort interessant, wo der Gedanke der Lieferkettensouveränität eine Rolle spiele. „Neben den Behörden merken wir das auch im B2B-Bereich, beispielsweise bei der Wartung kritischer Infrastruktur.“

Drohnen-Hersteller Highcat erweitert in Konstanz seine Kapazitäten.
Dominik Faißt „Wir haben als Team klare Werte und Grenzen definiert. Drohnen sind ein mächtiges Werkzeug und uns ist wichtig, dass sie nicht für Zwecke missbraucht werden, hinter denen wir nicht stehen.“ Fotos: Highcat

Vom Kaiserstuhl: Elektronik für die Luftabwehr
Ortswechsel. Von Konstanz nach Endingen am Kaiserstuhl, wo eben nicht nur Wein wächst. Hier hat die Firma Eltroplan ihren Sitz, die mit 120 Beschäftigten komplexe Elektroniklösungen für sicherheitskritische Anwendungen produziert. Für die Industrie – und die Landesverteidigung. Wie Highcat nennt auch Eltroplan keine genauen Zahlen, nur so viel: Der Umsatz sei in den vergangenen vier Jahren um rund 400 Prozent gestiegen. Eltroplans Technologien tragen zum Schutz von Personen und Fahrzeugen bei. Sie fänden Anwendung in Geräten zur Handhabung gefährlicher Situationen und zur Abwehr von Bedrohungen.
Alles ausschließlich für Verteidigungszwecke und nicht zum Angriff, betont Eltroplan-Geschäftsführer Michael Pawellek. Das sei ihm wichtig. Mit Investitionen von rund zwölf Millionen Euro baut die Firma derzeit ihre Produktions- und Entwicklungskapazitäten in Endingen und in Stockach aus. Weitere fünf Millionen Euro für Maschinen und Technologien sollen zeitnah folgen. Damit reagiert das Unternehmen auf die steigende Nachfrage nach sicherheitskritischer Elektronik – angekurbelt durch den Ausbau der europäischen Verteidigungsfähigkeit, so Pawellek. Bereits heute stammen 40 Prozent des Geschäfts aus dem Verteidigungsumfeld, in den kommenden zwei bis drei Jahren dürften es 70 Prozent werden. Und das zeigt: Durch den Defence-Boom können auch neue Abhängigkeiten entstehen.

Eltroplan erweitert seine Kapazitäten in Endingen und in Stockach.
„Die sicherheitsrelevante Industrie gilt als einer der wichtigsten Wachstumsmotoren Europas“, sagt Eltroplan-Chef Michael Pawellek (unten). Fotos: Eltroplan Group

Jahrzehntelang ist die Rüstungsbranche sehr zurückhaltend aufgetreten, nun hat sie zu neuem Selbstbewusstsein gefunden. „Die sicherheitspolitischen Veränderungen der vergangenen Jahre haben die öffentliche Wahrnehmung der Verteidigungsindustrie deutlich verändert“, sagt auch Heckler-&-Koch-Sprecher Schuster. Von einer Goldgräber-Stimmung, wie es Bestseller-Autor Christian Schweppe in seinem neuen Sachbuch Goldrausch beschreibt, will man in der Branche jedoch nicht sprechen. Auch nicht in Freiburg. „Die Entwicklung und Fertigung sicherheitskritischer Navigationssysteme ist ein langfristiges Geschäft“, ist Litef-Chef Kampmann überzeugt.
Aber könnte der Rüstungsboom auch die Automotive-Branche aus der Krise ziehen? Inwiefern Produktionen umgestellt oder offene Kapazitäten genutzt werden können, diese Anfragen kennen die Unternehmen, berichtet eine Sprecherin des Verbands der Automobilindustrie (VDA). Aber auch der VDA schaltet einen Gang runter: „Die öffentlich debattierten Erwartungen hinsichtlich der Schaffung von neuen Arbeitsplätzen“ würden sich „mit hoher Wahrscheinlichkeit als überhöht herausstellen“.
Deutlich wird das beispielsweise an den Zahlen von Mercedes: Von 2024 auf 2025 ist der Umsatz der Stuttgarter von 145 auf 132 Milliarden gesunken. Und diese 13 Milliarden – das ist mehr, als der addierte Jahresumsatz der drei größten deutschen Rüstungshersteller Rheinmetall, Thyssenkrupp und Hensoldt.

VDA: kein alternatives Geschäftsmodell
Kapazitäten umzustellen sei vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Gesetzeslage auch nicht so einfach. Zudem gehe es zwar um einen Produktionsaufwuchs, aber immer noch in vergleichsweise kleinen Mengen. Dennoch: „Unsere Industrie wird helfen, wo sie das kann – das ist allerdings kein alternatives Geschäftsmodell“, heißt es beim VDA.
Ähnlich nüchtern sieht man es beim Wirtschaftsverband Industrieller Unternehmen Baden: „Die Rüstungsindustrie hat Potenzial, aber dieses ist nicht so groß, dass sich damit die gesamte Zuliefererbranche sanieren lässt. Panzer statt Porsche – das wird nur bedingt funktionieren“, sagt Hauptgeschäftsführerin Hanna Böhme. Sie sagt außerdem: „Verteidigungsausgaben sind absolut notwendig. Ein gekaufter Panzer ist aus volkswirtschaftlicher Sicht aber keine investive, sondern eine konsumtive Ausgabe. Er liefert zwar Sicherheit, erzeugt aber geringere Wachstumsimpulse als Investitionen in Bildung, Infrastruktur oder Wissenschaft.“

Thomas Albiez: Der Hauptgeschäftsführer der IHK hofft, dass der Staat zu seinen Rüstungszielen steht und daraus resultierende Aufträge an die Maschinen im Mittelstand gelangen. Foto: IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg

Chancen für die Wirtschaft
Bei der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg betont man dagegen die zeitliche Perspektive: „Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit werden langfristig an Bedeutung gewinnen. Die Nato-Ziele und die angekündigten Investitionsprogramme vieler europäischer Staaten zeigen, dass es sich nicht um einen nur kurzfristigen Effekt handelt“, sagt Hauptgeschäftsführer Thomas Albiez.
Deshalb betont Albiez die Chancen für die Wirtschaft im Südwesten: „Der industrielle Mittelstand unserer Region bringt viele Kompetenzen mit, die auch in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie gefragt sind. Dazu gehören Präzisionsfertigung, Maschinenbau, Elektronik, Sensorik und Softwaretechnik. Wir besitzen das notwendige Know-how, das Fingerspitzengefühl, die internationale Verzahnung und die Präsenz in vergleichbaren Wertschöpfungsketten.“ Dort, wo Betriebe den Einstieg in den Rüstungsbereich prüfen, unterstütze die IHK mit ihrer Industriekundenbetreuung und Auftragsberatungsstelle. Susanne Ehmann

Noch Fragen? Die IHK hilft weiter!

IHK Südlicher Oberrhein:
Stefanie Blum, 07 61/38 58-1 23
stefanie.blum@freiburg.ihk.de

IHK Hochrhein-Bodensee:
Marilena Ast : 0 75 31/28 60-1 42
marilena.ast@konstanz.ihk.de

IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg:
Marc Spiegelhalter, 0 77 21/9 22-2 03
marc.spiegelhalter@vs.ihk.de

Bei Fragen rund um öffentliche Ausschreibungen und Vergabeverfahren IHK-Auftragsberatungsstelle Baden-Württemberg, 07 11/20 05-11 16,
auftragsberatung@stuttgart.ihk.de

Quick Check zur Rüstungsbeschaffung bei der IHK Bodensee-Oberschwaben

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