Zwischen moderner Prävention und bewusstem Rückzug steht on Bad Dürrheim und an der Bregquelle nicht der schnelle Effekt im Mittelpunkt, sondern nachhaltige Wirkung.

Die Tür fällt ins Schloss. Ein leises Zischen, dann schlägt sie zu: Kälte. Trockene, beißende Kälte. Bis zu minus 110 Grad. Der Atem stockt, die Haut spannt, der Körper geht in Alarmbereitschaft und findet doch zu einer überraschenden Ruhe. Drei Minuten später ist alles anders: klarer Kopf, wacher Kreislauf, ein Gefühl von Frische, das bis tief in den Tag trägt. Was wie ein Extremerlebnis klingt, ist im Solemar in Bad Dürrheim längst Teil eines neuen Gesundheitsverständnisses. Denn Eisbäder, Kryokammer und Biohacking sind keine Schwurbler-Nischen mehr, sondern Bausteine eines wachsenden Marktes. „Viele unserer Gäste gehen mit einem Lächeln raus“, sagt Kurgeschäftsführer Markus Spettel. „Sie fühlen sich frischer, klarer, leistungsfähiger.“

Die Tradition entwickelt sich
Die Kurstadt Bad Dürrheim hat dafür beste Voraussetzungen. „Wir machen Gesundheit nicht erst seit gestern, sondern kümmern uns seit
150 Jahren um das Wohlbefinden der Menschen“, sagt Spettel. Acht Kliniken stehen für medizinische Kompetenz, Badeärzte halten eine Tradition aufrecht, die andernorts längst verschwunden ist. Doch statt sich auf diesem Erbe auszuruhen, wird es aktiv weiterentwickelt: „Wir setzen nicht auf kurzlebige Trends, sondern können neue Angebote glaubwürdig verkörpern und weiterdenken.“
Das Stichwort dazu heißt Biohacking. Der Begriff klingt für viele zunächst nach Selbstoptimierung. In der Kurstadt Bad Dürrheim wird er aber bewusst weiter gefasst. Es geht um Lebensqualität. Um Prävention. Um die Frage, wie Menschen ihre eigenen Potenziale besser nutzen können. „Gesundheit ist kein Zustand, sondern ein Prozess und das höchste Gut der Menschen“, sagt Michelle Wenz. Die Projektleiterin Biohacking kümmert sich darum, dass ihre Gäste dafür das Bewusstsein und die Sensibilität entwickeln.
Dafür setzt das Solemar auf die Verbindung von Erfahrung und Analyse. Anwendungen werden kombiniert, Effekte sichtbar gemacht, Fortschritte messbar. Ziel ist ein individuelles Gesundheitsprofil statt eines standardisierten Wellnessprogramms. Wer in die Kälte geht, soll verstehen, was sie im Körper auslöst und wie sie langfristig wirken kann. Das Prinzip dahinter: Gesundheit als Zusammenspiel von Körper, Geist und Wahrnehmung. Ein Ansatz, der sich auch jenseits klassischer Kurangebote durchsetzt. Genau dort, wo Ruhe selbst zum knappen Gut geworden ist.
Bis zu minus 110 Grad
Die Kältekammer im Solemar in Bad Dürrheim wird hauptsächlich zu therapeutischen Zwecken genutzt. Die Kryokammer ist zweigeteilt: Im Vorraum herrschen minus
60 Grad, dann geht es für rund zwei Minuten in die Hauptkammer mit minus 110 Grad. Bis zu sechs Personen können dort gleichzeitig bibbern. Die Aufenthaltsdauer wird der Gesundheit entsprechend individuell berechnet
Persönliche Erfahrung prägt
Ruhe. Stille. Am Ende einer schmalen Straße, ohne Handyempfang, liegt der Kolmenhof in Furtwangen bei der Bregquelle. Früher ein gut laufendes Ausflugslokal, jetzt ein Ort für Rückzug und Konzentration. Der Wandel begann mit einer persönlichen Erfahrung.
„Wir waren getrieben, wir mussten immer mehr Umsatz machen und das Geschäft hat sich in den letzten Jahren immer mehr zum kurzfristigen Stoßgeschäft entwickelt“, sagt Christoph Dold, der den Betrieb in dritter Generation führt. Ein System, das funktionierte und doch an Grenzen stieß. „Ich habe die Signale meines Körpers ignoriert, ich war jahrelang im Krisenmodus.“ Erst ein gesundheitlicher Gong brachte die Erkenntnis, die die Zukunft verändern sollte: „So kann es nicht weitergehen.“
Gemeinsam mit seiner Frau Katharina entschied er sich für einen radikalen Schnitt. Weniger Masse, mehr Qualität. Weniger Tempo, mehr Tiefe. Aus dem beliebten Ausflugslokal wurde ein Rückzugsort für Menschen, die bewusst Abstand suchen von Arbeit, von Reizen, von sich selbst im Dauerlauf. Schon ein Jahr im Voraus haben die Dolds ihre Stammgäste informiert und überraschenderweise sehr viel Zuspruch für ihre Pläne erfahren.
Standortvorteil „Ruhe“
Heute bietet der Kolmenhof Retreats, Seminare und bewusst gestaltete Auszeiten. Die abgelegene Lage ist jetzt ein richtiger Standortvorteil: „Hier kann ich ungestört schaffen und an einem Thema dranbleiben. Die Ruhe bei dir ist einzigartig“, hört Dold von seinen Gästen. Sie lernen, bei sich zu bleiben und Gedanken zu Ende zu denken. Konzentrierte Arbeit am Vormittag, Bewegung und Entspannung am Nachmittag, wertvolle Gespräche am Abend. Dazwischen immer wieder Raum für Rückzug in den Nischen im Haus und draußen auf dem weitläufigen Gelände. Das wirkt. „Die Gäste nehmen Dinge mit, die sie in ihren Alltag integrieren können und lernen, wie man sich Freiräume schafft“, sagt Dold.
Auch wirtschaftlich ist der Wandel durchdacht. Kleinere Gruppen, klar definierte Angebote, planbare Abläufe. Coaches, Yogalehrer und Unternehmen nutzen den Ort für Seminare, Workshops und Teamformate. „Wir sind bewusst kein Eventbetrieb und wollen auch nicht der Europa -Park sein“, sagt Dold. Für ihn geht es nicht um Unterhaltung, sondern um Wirkung.
Gesund ist ein Prozess
Ob in der Kältekammer im Solemar oder in der Stille an der Bregquelle: Gesundheit wird nicht mehr nur konsumiert, sondern erlebt, reflektiert und in den Alltag übersetzt. Sie ist kein Produkt, sondern ein Prozess. Immer geht es darum, die eigene Balance neu zu finden. Das verspricht nicht nur Erholung, sondern Orientierung in einem Leben, das immer hektischer wird. Der 48-jährige Gastronom kann seine Erfahrungen in Grenzsituationen teilen und die Kurstadt setzt auf ihr bewährtes Motto: „Wo täglich neue Kräfte wachsen.“ Alles für die Gesundheit. Berthold Merkle
Die IHK unterstützt
Sie sind im Freizeitgewerbe aktiv und wollen neue Kundengruppen erschließen? Die IHK unterstützt mit Netzwerken und Veranstaltungsformaten.
Melden Sie sich bei Daniela Hermann, 0 77 21/9 22-1 36, hermann@vs.ihk.de.
