2 | 2017
Wirtschaft im Südwesten
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mal mehr, manchmal weniger gut. Und im Hof haben einige Kinder
Plastikbeutel an dünne Stricke gebunden. Bei jedem Windstoß he-
ben die Tüten vom Boden ab und schweben begleitet von lauten
Freudenjauchzern der Kinder in der Luft wie Winddrachen.
„Es braucht gar nicht viel, um den Forschergeist spielerisch zu we-
cken“, sagt Kita-Leitern Theresia Liebig beim Anblick der vergnügten
Luftforscher. Dabei geht es für sie bei den Experimenten nicht nur
darum, den Kindern Naturwissenschaften, Mathematik und Technik
näherzubringen. „So fördern wir gleichzeitig die Sprachfähigkeiten
der Kinder und ihre Einstellung dazu, Dinge selbst auszuprobieren.“
Liebig merkt immer wieder, wie der Entdeckergeist in das norma-
le Spiel der Kinder herüberschwappt. Aber genauso würden die
Erzieherinnen in den Fortbildungen lernen, wie sie auch im Alltag
die Neugier ihrer Schützlinge nähren könnten. „Ich bin froh, dass
es heute anders ist als vor einigen Jahrzehnten und es eben nicht
mehr darum geht, den Kindern einfach nur zu sagen, was Sache
ist.“ Die erfahrene Erzieherin ist überzeugt von der Frühbildungs-
initiative „Haus der kleinen Forscher“. Davon zeugen auch die drei
Zertifizierungsplaketten, die neben dem Eingang der Kita hängen.
Noch diesen Sommer soll die vierte hinzukommen. Damit wäre der
evangelische Kindergarten in Herbolzheim der erste im Gebiet der
IHK Südlicher Oberrhein, der bereits zum vierten Mal ausgezeichnet
wird. Theresia Liebig: „Beim Forschen und Experimentieren geht bei
den Kindern ein Fenster auf, das kann man sehen. Und das möchten
wir auch in Zukunft unterstützen.“
S
ilvia Roser wurde für die Kita des Kinder- und Bildungszentrums
in Umkirch vor zweieinhalb Jahren speziell für das Forschen
eingestellt. Sieben Fortbildungen hat sie in dieser Zeit bei der
IHK absolviert. An drei Vormittagen in der Woche steht sie für die
Mädchen und Jungen im sogenannten offenen Aktionsbereich bereit,
um mit ihnen zu experimentieren. „Die Kinder probieren ganz von
allein. Da muss ich nicht viel vorgeben“, berichtet sie. Manchmal ist
das Forschen sogar ein Türöffner. „Ein kleines Mädchen mit Migra-
tionshintergrund und geringen Deutschkenntnissen hat wochenlang
vorsichtig an der Tür gestanden und uns beobachtet. Schließlich hat
die Neugier gesiegt, die Kleine hat mit uns geforscht. Und das hat
letztlich auch ihrer Sprachentwicklung geholfen.“
Der Lerneffekt für die Kinder ist da. Das merkt
Schulleiterin Eva Oyntzen nebenan im Grund-
schulbereich. „Die Schulanfänger in spe kom-
men ein halbes Jahr vor ihrem ersten Schultag
einmal wöchentlich zu uns. Da kann so manches
Kind den Erstklässlern etwas erklären.“ In der
Grundschule wird seit drei Jahren geforscht. „Zu-
fällig sind wir dann im Internet auf das ,Haus der
kleinen Forscher‘ gestoßen“, erinnert sich Oyntzen. „Wir waren
sofort begeistert, so konnten wir uns noch besser fortbilden und
mit dem Thema beschäftigen.“ An diesem Tag befassen sich die
Grundschulkinder unter anderem intensiv mit den Regenwürmern
und ihren Sinnesorganen. Mithilfe von Instrumenten, Taschenlam-
pen und in Essig getränkten Wattestäbchen erforschen sie, ob der
Wurm hören, sehen oder riechen kann. Eva Oyntzen zeigt auf zwei
Kinder, die das Verhalten des Regenwurms beobachten, der vor dem
Strahl der Taschenlampe flüchtet. „So ein Satz wie ‚Der Wurm zieht
sich in die Dunkelheit zurück‘ ist für einen Erstklässler, der noch
nicht lange in Deutschland lebt und zu Hause kein Deutsch spricht,
ein großer Erfolg“, sagt Oyntzen.
naz
HINTERGRUND
Die gemeinnützige Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ en-
gagiert sich seit 2006 als größte frühkindliche Bildungsiniti-
ative für eine bessere Bildung von Kindern in den Bereichen
Naturwissenschaften, Mathematik und Technik. Die Stiftung
hilft Kitas, Horten und Grundschulen, den Entdeckergeist von
Mädchen und Jungen zu fördern und qualifiziert sie, beim
Forschen zu begleiten. Von den 4.200 bundesweit als „Haus
der kleinen Forscher“ zertifizierten Einrichtungen sind 1.000
in Baden-Württemberg, im Kammerbezirk der IHK Südlicher
Oberrhein sind es aktuell rund 60 Einrichtungen. Hier ist die
IHK seit 2010 lokaler Netzwerkpartner. Sie unterstützt dieAkti-
on im Kammergebiet nicht nur finanziell, sondern die Fachkräf-
te der Kitas auch mit 30Workshop-Angeboten im Jahr an den
fünf Standorten in Emmendingen, Freiburg, Offenburg, Rust
und Biberach. Damit schafft sie die Basis für die Zertifizierung.
Über 1.000 Fachkräfte hat die IHK in den vergangenen fünf
Jahren geschult.
www.freiburg.ihk.de/forscherSicherung des Fachkräftenachwuchses im MINT-Bereich
Welt erforschen
Kann ein
Regenwurm
hören, sehen
oder riechen?




