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Schwerpunkt  Unternehmen
Schwerpunkt Sicherheit: fehlende Policen

Brandschutz wird zur Existenzfrage

Explodierende Prämien, Selbstbehalte in Millionenhöhe – und kaum noch Versicherer: Für immer mehr Industriebetriebe wird Brandschutz zur Existenzfrage. Sägewerke und galvanische Betriebe sind besonders hart betroffen.

Versicherer verlangen zunehmend den Einbau von Sprinkleranlagen als Voraussetzung für umfassenden Schutz. Foto: Adobestock.com/Владислав Легір

Es ist einer dieser Fälle, die eigentlich nicht passieren dürften: Ein gesunder Betrieb. Tief verwurzelt in der Region. Schwarze Zahlen, volle Auftragsbücher – und trotzdem das Aus. In Freiamt endete zum Jahreswechsel nach 182 Jahren eine Unternehmensgeschichte. Und das nur, weil sich kein Versicherer mehr fand.

Roland Kern, Besitzer des Sägewerks Bühler, hatte zwei Jahre lang gesucht, Angebote für eine Brandversicherung geprüft, sogar im Ausland angefragt. Deren Bedingung aber: eine Sprinkleranlage. Kosten dafür: rund 950 000 Euro. Für seinen kleinen Betrieb mit zehn festangestellten Mitarbeitern wirtschaftlich nicht darstellbar. Die Entscheidung aufzugeben, fiel Kern natürlich schwer. Eine andere Option sah er am Ende aber nicht. Und so scheiterte eine Sägerei, die Kriege, Krisen und Hochwasser überstanden hatte, an einer fehlenden Deckung der Brandschutzversicherung.

Am Ende hat er aufgegeben: Roland Kern fand für sein Sägewerk in Freiamt keinen neuen Versicherer. Die verlangte Sprinkleranlage für 950 000 Euro konnte er sich nicht leisten. Foto: Benedikt Sommer

Jeder vierte Betrieb nicht mehr versichert
Ein tragischer Einzelfall? Mitnichten. Vielmehr längst ein strukturelles Problem. „Die Feuerversicherung ist inzwischen ein existenzielles Thema“, sagt Johannes König vom Bundesverband der Deutschen Säge- und Holzindustrie (350 Mitgliedsunternehmen, 30 500 Beschäftige und ein Jahresumsatz von zusammen mehr als 16 Milliarden Euro). Die Gemengelage dazu ist komplex: brennbare Rohstoffe, Staub und Strom, technische Anlagen, hohe Wiederbeschaffungskosten und der Rückzug vieler Versicherer aus diesem Segment. Die Zahlen sind alarmierend. Laut einer Verbandsumfrage sind aktuell rund 28 Prozent aller Betriebe der Säge- und Holzindustrie gar nicht versichert. Gleichzeitig hat sich die Unterversicherungsquote innerhalb weniger Jahre nahezu verdoppelt – von 15,5 auf 30 Prozent.

Vor allem die Anforderungen an den Brandschutz treiben die Entwicklung. Versicherer verlangen zunehmend den Einbau von Sprinkleranlagen als Voraussetzung für umfassenden Schutz.

Die Kosten der Sprinkleranlagen
Für kleinere und mittlere Betriebe sind diese Investitionen jedoch oft nicht zu stemmen. König kennt die Kosten: „In der Regel mindestens eine Million Euro, häufig deutlich mehr“, hinzu kommen Produktionsausfälle, Umbauten und Wartung. Technologisch gäbe es Alternativen: kamera- und sensorgestützte Frühwarnsysteme. „Diese Systeme sind deutlich kostengünstiger als flächendeckende Sprinkleranlagen“, weiß König. Allerdings akzeptiere die Versicherungswirtschaft diese Technologien derzeit meist noch nicht als gleichwertigen Ersatz.

Inzwischen geraten nicht mehr nur kleine und mittelständische Unternehmen unter Druck. „Die steigenden Prämien, hohen Selbstbehalte und zusätzlichen Investitionsanforderungen treffen zunehmend die gesamte Säge- und Holzindustriebranche. Viele Unternehmen berichten von stark eingeschränktem Versicherungsschutz oder von Schwierigkeiten, überhaupt noch Policen zu erhalten“, berichtet König.

Die Maschinen stehen still: Nach 182 Jahren gingen im Sägewerk Bühler in Freiamt die Lichter aus – und das, obwohl die Auftragsbücher voll waren und der Traditionsbetrieb schwarze Zahlen schrieb. Foto: Benedikt Sommer

Deshalb arbeite der Verband mit Nachdruck an neuen Lösungsansätzen. Gemeinsam mit Unternehmen und Versicherungspartnern wird derzeit das Modell eines sogenannten virtuellen Captives entwickelt. Dabei schließen sich mehrere Unternehmen zusammen und tragen Schäden bis zu einer Größenordnung von etwa zehn Millionen Euro gemeinschaftlich. Voraussetzung ist ein hohes Niveau an Prävention und Risikomanagement. Dies müssen die einzelnen Betriebe durch ein Zertifikat aktiv nachweisen und unabhängig überprüfen lassen. „Unternehmen, die keine Sprinkleranlage installieren oder wirtschaftlich nicht stemmen können, sollen dabei verpflichtend in moderne Brandvermeidungstechnologien investieren, insbesondere in Kameraüberwachung und Sensoriksysteme.“

„Deckungsnotstand“ sagen die Makler
Was die Säge- und Holzindustrie derzeit erlebt, ist kein isoliertes Problem, sondern Teil einer breiteren Entwicklung im Versicherungsmarkt. Das ist einer aktuellen Studie des Bundesverbands Deutscher Versicherungsmakler (BDVM) mit Sitz in Hamburg zu entnehmen, auf die der geschäftsführende Vorstand Bernhard Gause auf Anfrage der Wirtschaft im Südwesten kurzerhand verweist.

Für diese Untersuchung wurden im Frühjahr 2025 rund 130 Maklerunternehmen befragt, zu deren Tagesgeschäft gewerbliche und industrielle Risiken gehören. Die Ergebnisse zeigen: Gerade bei zentralen Sachrisiken wie Feuer, Explosion, Blitzschlag oder Leitungswasser ziehen sich Versicherer zunehmend zurück.

80 Prozent der befragten Makler sprechen dabei von einem Deckungsnotstand. Holzverarbeitung, Metall, Recycling oder Galvanik gelten zunehmend als No-Go-Risiken. Für Unternehmen hat das konkrete Folgen: 90 Prozent der Makler berichten von deutlich gestiegenen Prämien und Selbstbeteiligungen, mehr als die Hälfte von Unterversicherung. Gleichzeitig wird Versicherungsschutz selbst zum Investitionshemmnis – weil Banken ihn oft als Voraussetzung für Kredite verlangen. Der paradoxeste Effekt: Unternehmen wären bereit, in Prävention zu investieren, um versicherbar zu bleiben. Doch ohne Versicherung bekommen sie oft keine Finanzierung für genau diese Maßnahmen. Die Konsequenzen reichen weit über einzelne Betriebe hinaus. So nennt die Studie Standortverlagerungen, Investitionsrückgänge und sogar Deindustrialisierung als mögliche Folgen.

Selbstbehalt: von 500 auf 500 000 Euro
Wie die Holz- und Sägeindustrie setzen auch die Galvaniseure auf Prävention: bauliche Brandabschnitte, KI-gestützte Überwachungssysteme, dezentrale Löschanlagen. „Wir versuchen, gemeinsam mit Versicherern Lösungen zu entwickeln“, sagt Christoph Matheis, der Hauptgeschäftsführer des zuständigen Zentralverbands Oberflächentechnik mit Sitz im nordrhein-westfälischen Hilden (245 Mitgliedsunternehmen mit rund 19 000 Beschäftigten und in der Summe gut zwei Milliarden Euro Umsatz). Wie wichtig das ist, zeigen die Zahlen: 70 bis 80 Brände würden sich in der Branche pro Jahr ereignen, darunter zehn bis 15 Großschäden mit Schadenssummen von oft mehr als 500 000 Euro. „Die Deckung des Brandrisikos wird aufgrund dieser hohen Brandzahlen kostspielig und zunehmend schwierig bis unmöglich“, sagt Matheis. Konkret bedeutet das: eine Erhöhung der Jahresprämie um das Dreieinhalbfache – bei gleichzeitigem Sprung des Selbstbehalts von bislang 500 auf 500 000 Euro. Für Klaus M.*, den Inhaber eines mittelständischen Beschichtungsunternehmens mit zwei Betrieben, ist das ein Schock. Namentlich möchte er nicht auftreten – aus Sorge vor Reaktionen seines Versicherers.

Hohes Brandrisiko: Galvanische Anlagen bergen ein hohes Brandrisiko, das nicht selten zu Totalverlusten von Produktionsstätten führt. In der Branche ereignen sich jährlich 70 bis 80 Brände. Foto: Adobestock.com/bogdanvija

Seit Jahresende werde er immer wieder mit „Sanierungsvorschlägen“ seines Versicherers konfrontiert. Dabei würden seine Betriebe keineswegs zu den Nachzüglern beim Brandschutz gehören. Beide Standorte seien mit aufgeschalteten Brandmeldeanlagen ausgestattet, in den Produktionsbereichen kommen hochsensible Rauchansaugsysteme (RAS) zum Einsatz, die selbst kleinste Rauchgaspartikel erkennen. Technisch ist man also auf einem Niveau, das in der Praxis als sehr hoch gilt. Und dennoch würden die Versicherer weitere Maßnahmen fordern – teilweise sogar deutlich über das hinaus, was bisher als Stand der Technik definiert war.

Das eigentliche Dilemma: Ausweichen ist keine Option. Ein alternativer Versicherer sei derzeit nicht in Sicht, der Markt deutschlandweit wirkt wie leer gefegt. Für den Unternehmer bleibt damit nur die Wahl zwischen zwei schlechten Optionen: die drastisch verschärften Bedingungen akzeptieren – oder ohne Versicherung dastehen. „Versicherungen sind Solidargemeinschaften, die ein Risiko gemeinsam abdecken. Davon ist aber keine Spur mehr“, sagt ein weiterer Unternehmer aus der Metallveredelungsbranche, der ebenfalls anonym bleiben möchte. Daniela Santo

 

*Name der Redaktion bekannt

Deckungsnotstand

Die aktuelle Studie „Deckungsnotstand in der Gewerbe- & Industrieversicherung“ zeigt deutliche Kapazitätsengpässe im Versicherungsmarkt auf.

Besonders betroffen sind die Risiken Feuer, Explosion, Blitzschlag und Leitungswasser. Zu den Branchen mit den höchsten Engpässen gehören die Abfallwirtschaft und Recycling sowie Rohstoffe, insbesondere das im Schwarzwald wichtige Holz.

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