Künstliche Intelligenz ist in der Wirtschaft im Südwesten operativ angekommen: Sie steuert Prozesse, erschließt Wissen und verbessert Entscheidungen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Infrastruktur, Datenschutz und regulatorische Sicherheit.

Wie kann man sich künstliche Intelligenz vorstellen? „Wie Strom“, sagt ChatGPT. Denn KI ist unsichtbar und allgegenwärtig, ermöglicht Innovationen und avanciert immer mehr zu einer grundlegenden Säule unseres modernen Lebens und der Wirtschaft. Wie einst die Dampfmaschine, der Verbrennungsmotor oder die Elektrifizierung von Industriegesellschaften. In immer mehr Unternehmen ist künstliche Intelligenz keine technische Spielerei mehr, sondern fester Bestandteil von Unternehmensstrukturen – und so ist es auch nur folgerichtig, dass regionale Energieversorger wie das E-Werk Mittelbaden zusammen mit Systemhäusern wie der Leitwerk AG aus Appenweier Rechenzentren bauen, um KI im Südwesten eine Heimat zu geben.
Bei der Edeka Südwest in Offenburg nutzen derweil Mitarbeiter Anwendungen wie Copilot und mit dem Edeka AI-Chat gibt es einen KI-Chatbot, der an das interne Wissensmanagement angebunden ist. Das hilft dabei, Informationen schneller und gezielter abzurufen. „Parallel dazu laufen KI-Projekte zur Analyse und Optimierung von Prozessen“, sagt Pressesprecher Florian Heitzmann. Mit der KI-basierten Software Relex wurde die Warensteuerung neu aufgesetzt. Relex erstellt automatisiert bedarfsgerechte Bestellprognosen für die einzelnen Märkte und steuert damit direkt die Warenbeschaffung im Großhandel. „Die Software verknüpft den selbstständigen Einzelhandel nahtlos mit den Lagern und sorgt dafür, dass Waren zur richtigen Zeit in der passenden Menge verfügbar sind“. Relex hebe die Warendisposition bei Edeka Südwest auf ein neues Niveau, da die KI im Hintergrund kontinuierlich Daten auswerte, Nachfragen prognostiziere und Bestellprozesse weitgehend autonom steuere. „Für den Einzelhandel bedeutet das: weniger manuellen Aufwand, eine spürbare Zeitersparnis und eine höhere Reaktionsgeschwindigkeit“, so Heitzmann. Auch für kleinere Anwendungen setzt Edeka auf KI. So werden etwa Backempfehlungen anhand von Verkaufsverläufen und Faktoren wie Tageszeit oder Wetter erarbeitet. „Der Einsatz von KI ist bei Edeka Südwest Teil der langfristig angelegten digitalen Transformation. Wir planen, deren Einsatz weiter auszubauen und verstehen KI als strategischen Hebel für Effizienz, Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit.“
Die eigene KI-Welt
Beim Einsatz von künstlicher Intelligenz geht es meist nicht um die Entwicklung eigener Modelle, sondern darum, vorhandene Systeme so einzusetzen, dass sie perfekt zum Unternehmen passen. Gewissermaßen eine Kombination aus Public- und Private-KI. Die Offenburger Agentur Avenit verfolgt dafür einen Plattformansatz. Mit Vusyon hat Christian Seifert mit seinem Team eine Lösung geschaffen, die verschiedene KI-Modelle in einer einheitlichen Oberfläche bündelt und mit den unternehmenseigenen Daten, ERP- und DMS-Systemen verbindet: von Microsoft Azure über OpenAI und Anthropic bis hin zu Google. Der Vorteil: Unternehmen würden sich so nicht von einem einzigen KI-Anbieter abhängig machen, sondern die Kontrolle über Datenstandort und Modellauswahl behalten. „Vusyon wird bei uns intern und bei unseren Kunden für eine Vielzahl von Bereichen eingesetzt: Übersetzung technischer Dokumente – mit Einsparungen von bis zu 80 000 Euro pro Jahr gegenüber externen Übersetzungsdienstleistern–, automatische Meeting-Protokolle mit Action-Item-Extraktion, Wissensmanagement auf Basis interner Handbücher und Share-Point-Bibliotheken, Compliance-Dokumentation, vertriebsvorbereitende Prozesse, Marktrecherche sowie die Erstellung von Text- und Bilddokumenten“, sagt Senior Produkt Marketing Manager Cedric Holler.
Infrastruktur und Sicherheit
Je stärker KI in Prozesse integriert wird, desto höher sind die Anforderungen an Rechenleistung, Energieversorgung und Sicherheit. „Diese Anforderungen lassen sich weder in klassischen Serverräumen noch ausschließlich in der Public Cloud optimal abbilden. Moderne, hochsichere Rechenzentren werden damit zu einem zentralen Baustein für leistungsfähige und wirtschaftliche KI-Infrastrukturen“, sagt Ralf Schaufler, der Vorstandsvorsitzende von Leitwerk in Appenweier. Zusammen mit dem E-Werk Mittelbaden baut der IT-Dienstleister derzeit in Lahr für
16 Millionen Euro ein zweites Rechenzentrum für die Baden Cloud, die mit 600 Quadratmetern IT-Nutzfläche ab 2027 Platz für bis zu 230 Racks bieten soll.
Der Vorteil solcher regionaler Rechenzentren: Die Daten würden nicht in den USA oder China verarbeitet, wo das Risiko von Datenabfluss, Spionage und dem Verlust sensibler oder gar geschützter Informationen entsprechend hoch sei, sondern bleiben in Deutschland. Regulatorische Anforderungen wie DSGVO oder branchenspezifische Vorgaben lassen sich so für Unternehmen transparent und nachvollziehbar umsetzen. „Besonders für Unternehmen der Energie- und der Rüstungsbranche ist der Schutz vor Spionage von größter Bedeutung“, sagt Stefan Villing, stellvertretender Geschäftsbereichsleiter Recht und Steuern bei der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg. Wer seine Server auslagere, sollte sich jedoch vertraglich zusichern lassen, dass die Daten besonders gesichert sind und nicht weitergegeben werden.
KI-Einsatz wächst rasant
Der Trend zur strategischen Verankerung von KI in Unternehmen wächst derweil rasant. Dem Branchenverband Bitkom zufolge setzen 41 Prozent der Unternehmen in Deutschland bereits KI ein, weitere 48 Prozent planen oder diskutieren ihren Einsatz. „Vor einem Jahr hatten erst 17 Prozent KI im Einsatz, 40 Prozent waren in der Diskussionsphase“, sagt Bitkom-Sprecher Andreas Streim.
Anders sieht es dagegen in Kommunen aus. Ein Baubürgermeister aus der Ortenau äußerte sich gegenüber der WiS dazu noch Mitte Juni sehr ernüchtert: „In der Verwaltung dürfen wir KI offiziell nach wie vor gar nicht einsetzen. Bedenken in Sachen Datenschutz bremsen uns hier aus und so bleibt für uns Bürgermeister nur die private Nutzung“ – oder ein stillschweigendes Darüberwegsehen, wenn Mitarbeiter im Homeoffice plötzlich sehr viel produktiver sind…
Auch in Unternehmen wachse das Bewusstsein für die Herausforderungen. Rechtliche Unsicherheiten, fehlendes Know-how und hohe Datenschutzanforderungen gehören zu den Hemmschwellen. Wie Bitkom-Umfragen ergeben haben, würden 93 Prozent der Unternehmen einen KI-Anbieter aus Deutschland bevorzugen. 88 Prozent geben an, dass das Herkunftsland des KI-Anbieters für sie wichtig ist. Sicherheit ist und bleibt also ein entscheidendes Kriterium, das über den Einsatz von KI in Unternehmen bestimmt. Daniela Santo
