Wo einst Europas schnellster Großrechner entstand, wächst heute die nächste Generation von Ideen: Im Konstanzer Bücklepark trifft industrielle Pioniergeschichte auf frischen Gründergeist. Als modernes Gründungszentrum ist die Farm zugleich Startrampe und Netzwerk wie Denkraum und Co-Working-Zone.

Der Bücklepark in Konstanz ist schon lange ein Ort, an dem Erfindergeist in der Luft liegt. Lange bevor hier Start-ups ein- und ausgingen, schrieb das Areal im Konstanzer Stadtteil Petershausen Technologiegeschichte. Ingenieure des Telefunken-Konzerns, später Siemens, tüftelten an Technologien, die ihrer Zeit voraus waren und entwickelten in den späten 1960er-Jahren den schnellsten Großrechner Europas. Jahrzehntelang war das Areal industrielles Herzstück der Stadt. Arbeitsplatz für hunderte Menschen und Synonym für Fortschritt. Bis Siemens den Standort aufgab – und umzog. Der Pionierwille, das Denken in Lösungen und die Lust am Neuen aber sind geblieben – und seit 2021 hat hier das Gründungszentrum Farm seinen Platz gefunden.
Im Eingangsbereich der Farm, der Wilden Wiese, treffen sich Gründer auf der Sitztreppe, mit Laptops auf den Knien und Kaffee in der Hand. Es wird diskutiert, gelernt, gelacht, manchmal auch gezweifelt. Und genau das ist gewollt. Erfolg entsteht selten allein, lautet eine der Maximen des Hauses – und sie wird hier gelebt, Tag für Tag. Die Farm ist mehr als ein Co-Working-Space mit Start-up-Deko. Sie ist ein Netzwerk-Knotenpunkt und eine Startrampe. Und das schon seit mehr als 40 Jahren.

Vier Jahrzehnte Gründergeist
Die Wurzeln der Farm reichen zurück ins Jahr 1985. Damals, als Computertechnik noch erklärungsbedürftig war und Gründen längst nicht den Coolness-Faktor von heute besaß, wurde das Technologiezentrum Konstanz (TZK) ins Leben gerufen, die High-Tech-Herberge der Stadt. Politisch angestoßen, mit breitem Schulterschluss zwischen Stadt, Kammern und Hochschulen. „Wir waren eines der am schnellsten gegründeten Start-up-Zentren in Baden-Württemberg und das drittälteste im Ländle“, sagt Christina Groll, die Leiterin der Farm. Dass Konstanz schon in den 1980er-Jahren auf Innovation setzte, hatte damals wie heute viel mit dem Hochschulstandort zu tun.
Aus dem Konstanzer Technologiezentrum ist 2021 die Farm geworden. Der Namenswechsel markiert mehr als ein Rebranding. Er steht für einen inhaltlichen Wandel. „Technologie vor 40 Jahren ist nicht mehr das, was sie heute ist“, sagt Groll. Im Laufe der Jahre habe man sich immer mehr geöffnet, um ein möglichst breites Spektrum an Gründungsideen zu unterstützen: wissensnahe Dienstleistungen, Innovationen und neue Geschäftsmodelle aus allen Bereichen. Dabei wurde auch klar: Es braucht neue, zeitgemäße Räume und Strukturen. Sichtbares Zeichen der Neuausrichtung: der Umzug auf das frühere Siemens-Gelände. Seitdem ist das Gründungszentrum vollständig ein Teil der Stadtverwaltung – keine ausgelagerte GmbH, sondern kommunale Struktur und Ausdruck eines klaren politischen Willens: Gründung als Standortfaktor ernst zu nehmen.
Günstiger Raum, kurze Wege
Heute umfasst die Farm 72 Büro- und Werkstatträume, knapp 3500 Quadratmeter auf dreieinhalb Etagen. Mehr als 50 Start-ups, Selbstständige und junge Unternehmen arbeiten hier – manche ganz am Anfang, andere schon mit mehreren Mitarbeitern. Die Bürogrößen sind überschaubar, meist zwischen 25 und 30 Quadratmetern. Oft kommen die Gründer mit wenig mehr als ihrem Laptop in die Farm. „Viele kommen direkt aus dem Wohnzimmer oder der Garage. Hauptsache, das Internet funktioniert“, sagt Groll. Für eine monatliche Nettokaltmiete von 10,50 Euro pro Quadratmeter (bezuschusst von der Stadt Konstanz bei 6,50 Euro), finden Gründer hier ihr erstes eigenes Büro. Rund um die Uhr zugänglich. Küche, Meetingräume und Gemeinschaftsflächen inklusive, die analog zur Wilden Wiese Namen wie Heuboden, Bergterrasse oder Gründungszimmer tragen. Die Mietdauer ist bewusst begrenzt. Maximal fünf Jahre dürfen Unternehmen bleiben, gekoppelt an EU-Förderrichtlinien. Das sorgt für Fluktuation – und für immer neues Leben im Haus. Wer wächst, zieht weiter. Wer neu gründet, rückt nach. Die meisten Start-ups bleiben drei oder vier Jahre. „Nach fünf Jahren sollten die Unternehmen so weit sein, dass sie Marktpreise für Mieten zahlen können“, sagt Groll. Und tatsächlich: Viele erfolgreiche Konstanzer Unternehmen haben hier ihre ersten Schritte gemacht – darunter Softwarepioniere wie Combit, der aus Drogerie- und Supermärkten bekannte Bambus-Produkte-Hersteller Pandoo oder der Drohnenspezialist Unisphere. Inhaltlich liegt ein klarer Fokus auf technologie- und wissensorientierten Geschäftsmodellen.
IT, Software, KI – sie machen den größten Teil der Mieterschaft aus. Gleichzeitig bleibt die Farm bewusst branchenoffen. So finden sich hier auch Food-Start-ups, Nachhaltigkeitsideen oder Mobilitätslösungen. „Innovation kann auch ein koffeinfreier Espresso aus Rooibos sein“, sagt Groll mit Blick auf Rooibino, eines der jüngeren und sicher exotischeren Unternehmen im Haus. Diese Vielfalt sei belebend – für Gespräche, für neue Perspektiven, für unerwartete Kooperationen.

Netzwerk und Nachwuchs
Mindestens genauso wichtig wie Räume ist das, was zwischen ihnen passiert. Die Farm versteht sich als zentrale Anlaufstelle für alle, die gründen. In der Erstberatung gibt es Orientierung: Was brauche ich? Wer kann mir helfen? Wohin passe ich im System? Das Farm-Team verweist gezielt weiter – an die IHK Hochrhein-Bodensee und deren spezialisierten Berater, an die Handwerkskammer, an Hochschulen, Steinbeis, Agentur für Arbeit, Jobcenter oder Förderbanken. „Wir weisen niemanden ab“, betont Groll. Gerade für internationale Gründer ist diese Lotsenfunktion wichtig, um sich im deutschen Regelwerk zurechtzufinden.
In den vergangenen Jahren hat die Farm ihre Rolle nochmals geschärft. Zwei Themen stehen besonders im Fokus: Female Founders und Nachwuchsförderung. Mit Formaten wie den Female Business Days – einer modernen Weiterentwicklung der Frauenwirtschaftstage – will die Farm Frauen gezielt zur Gründung ermutigen und strukturelle Hürden sichtbar machen. Hinzu kommen Wettbewerbe, Awards und das Semina-Farm-Stipendium, das insbesondere Gründerinnen in frühen Phase finanziell und strukturell unterstützt. „Reine Frauenteams bekommen nach wie vor deutlich weniger Kapital“, sagt Groll. Das zu ändern, sei ein langer Prozess – aber einer, den man aktiv gestalten müsse.
Schüler als Gründer von morgen
Gleichzeitig setzt die Farm früh an. In Kooperation mit Schulen holt sie Formate wie Startup BW Young Talents nach Konstanz: Schüler entwickeln Geschäftsideen, pitchen vor echten Jurys und erleben Gründung nicht als abstraktes Konzept, sondern als reale Option. „Es geht darum, eine Gründungskultur zu verankern“, sagt Groll. Heute sei längst nicht mehr selbstverständlich, dass Absolventen automatisch in die Schweiz abwanderten – auch das sei ein Ergebnis jahrelanger Arbeit. Daniela Santo
Gründungsnetzwerk
Das Gründungsnetzwerk Farm ist erste Anlaufstelle im Konstanzer Gründungs-Ökosystem. Jeder Gründungsinteressierte wird hier an den richtigen Netzwerkpartner vermittelt und erhält Betreuung und Unterstützung für den Start in die Selbstständigkeit. Zu den rund 20 Mitgliedern, die dieses Netzwerk tragen, gehören die IHK Hochrhein-Bodensee, die Handwerkskammer Konstanz, die Agentur für Arbeit Ravensburg-Konstanz, die Hochschulen, Biolago, Cyberlago sowie die Stadt und der Landkreis.
Wer mehr über den Konstanzer Ansatz im Bereich Start-up und Entrepreneurship erfahren möchte – hier geht’s direkt zur Farm.
