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Rentenreformpläne

„Keiner will bei der Rente voll auf Risiko fahren“

Großer Wurf oder große Enttäuschung? Die Rentenreformpläne liegen vor. Was bedeuten sie für die Wirtschaft? Wir haben verschiedene Experten gefragt. Hier: Marc Karkossa, Co-Founder und CEO von DYNO, einer digitalen Plattform zur Verwaltung und Vermittlung betrieblicher Altersvorsorge.

Marc Karkossa, Co-Founder & CEO von Dyno Foto: Dyno

Marc Karkossa, Co-Founder und CEO von Dyno, einer digitalen Plattform zur Verwaltung und Vermittlung betrieblicher Altersvorsorge, stand mit der Rentenkommission in Kontakt. Was sagt er zu deren Rentenreformplänen?

Friedrich Merz‘ Rentenkommission plädiert dafür, ein paar Rentenmilliarden am Kapitalmarkt zu investieren. Gute Idee?

Absolut. In Deutschland geben wir durchschnittlich viel Geld für unser Rentensystem aus, die Leistungen, die sich daraus ergeben, sind unterdurchschnittlich. Die Gründe dafür sind bekannt: demografischer Wandel und die Menschen leben glücklicherweise länger. Wir können jetzt entweder noch mehr Gelder in das System pumpen oder uns anschauen, welche Systeme in anderen Ländern gut funktionieren. Da liefert Schweden mit seiner kapitalgedeckten Rentenkomponente eine Blaupause, die wir jetzt auch endlich in Deutschland angehen.

Kaum liegt der Vorschlag auf dem Tisch, hört man Kritik: Deutschland laufe Gefahr, Rentengelder „am Aktienmarkt zu verjubeln“, heißt es von Gewerkschaftsseite. Das bringt Sie zum Schmunzeln, oder?

Das kann ich sogar verstehen – insbesondere bei uns Deutschen, die im Vergleich ein deutlich höheres Sicherheitsbedürfnis haben. Keiner will bei der Rente voll auf Risiko fahren und dann, wenn er einen schlechten Zeitpunkt für seinen Renteneintritt wählt und es beispielsweise einen noch nie dagewesenen Börsencrash gibt, ohne ausreichende Rente dastehen. Deswegen ist es wichtig, insbesondere bei der gesetzlichen Rente darauf zu achten, dass es ein gesundes Maß an Risiko gibt. Die angestrebten 2 Prozent im kapitalgedeckten Stock sind meines Erachtens noch zu konservativ – insbesondere bei jüngeren Menschen könnte man da deutlich mehr ins Risiko gehen.

Wie stellen Sie sich die praktische Umsetzung für die Bestückung dieses Staatsfonds vor? Werden da Beamte aus Ministerien zu Fondsmanagern, wird man eher auf große Player wie die Allianz setzen und im Zweifel auch im großen Stil Fondsgebühren zahlen oder einfach auf ETFs setzen?

Es muss kostengünstig sein, mit weniger als 0,1 Prozent Gesamtkosten. Es gibt staatliche Institutionen, die das theoretisch könnten – etwa die Bundesbank oder der Kenfo. Ich vermute, dass es aber auch Ausschreibungen geben wird und Fondsanbieter mit entsprechenden Kompetenzen sich bewerben können, um Gelder aus dieser Aktienrente anzulegen. In anderen Ländern gibt es staatliche und private Anbieter – Arbeitnehmer können entscheiden, wie ihr Geld angelegt sein soll. Diese Flexibilität und Eigenverantwortung finde ich gut.

Was kann man realistischerweise für eine Rendite mit einem solchen Fonds erreichen – über einen Zeitraum von beispielsweise 10 oder 20 Jahren? Und: Ab wann würden Sie sagen: Das Geld ist gut angelegt?

Der AP7-Fonds in Schweden hat historisch zwischen 7,5 Prozent und 8,5 Prozent erzielt. Das ist die Benchmark, an der man sich orientieren muss. Wichtig: Das sind Nettorenditen nach Abzug der Fondskosten und sonstiger Kosten, die mit dieser kapitalgedeckten Rente einhergehen.

Wie bewerten die Altersvorsorge-Experten von Dyno das Reformpaket insgesamt? Ist das ein Schritt in die richtige Richtung, nur ein Tropfen auf heiße Steine oder sogar etwas, das betriebliche Altersvorsorge verzichtbar macht?

Man kann immer über einzelne Details diskutieren, aber alles in allem empfinde ich die Arbeit der Rentenkommission als stark. Ich durfte in den vergangenen Monaten mit einzelnen Personen aus der Kommission sprechen und Praxisimpulse zur betrieblichen Altersvorsorge (bAV) einbringen – ich hatte immer das Gefühl, dass man wirklich mit Herzblut daran arbeitet, hier etwas auf den Weg zu bringen, das vielen Menschen eine deutlich bessere Rente bringt. Wer das Dokument komplett liest, erkennt: Die Rentenkommission ist der Ansicht, dass es ein Gesamtversorgungsniveau braucht – und dieses ist ohne eine annähernd flächendeckende bAV-Abdeckung, also zweite Säule, nicht möglich. Wie man diese Abdeckung erreichen kann, findet sich in den bAV-Empfehlungen 29 und 30 wieder. Nun sind die Sozialpartner und Vertreterinnen von KMUs gefordert, so schnell wie möglich Vorschläge vorzulegen, wie die bAV zur Stärkung der Gesamtrente in Deutschland beitragen kann. Symptome wie viel zu komplexe, teure und unflexible bAV-Strukturen wurden richtig diagnostiziert – jetzt gilt es auch hier, eine Trendwende zu machen und die bAV als Positivbeispiel des deutschen Rentensystems zu etablieren.

Letzte Frage: Künftig sollen auch Selbständige und Unternehmer mit in die Rentenkasse einzahlen – ist das aus Ihrer Sicht eine Art Rentensteuer, weil eh kaum ein Return on Invest zu erwarten ist, oder wirklich eine faire Regelung?

Eine heikle Frage. Alleine die Begrifflichkeit “selbstständig” und die Einzahlungspflicht passen nicht so ganz zueinander. Wir sehen in der Praxis häufig, dass Selbstständige keine ordentliche Altersvorsorge haben. Deshalb finde ich die Idee grundsätzlich richtig. Die Ausgestaltung ist hier wieder entscheidend. Fairer wäre aus meiner Sicht: Pflicht zur Altersvorsorge, aber mit Wahlfreiheit des Instruments – also auch ETF-Depot, bAV etc. Interview: Ulf Tietge

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