Thomas Wenger und Mike Wutta hielt man für verrückt, als sie ihre Pläne für das 100 Jahre alte Kraftwerk Rottweil vorstellten. 25 Jahre später zeigt sich: Es war wirklich eine Wahnsinnsidee…

Wenn Thomas Wenger und Mike Wutta über die Anfangszeit ihres Kraftwerks vor 25 Jahren sprechen, wird es bei den beiden Gründern der Trend Factory immer heiter. Als könnten sie es selbst kaum fassen, was sie sich damals mit viel Pioniergeist und noch mehr Wagemut getraut haben. Ihre Marketingagentur wuchs und das Duo fand: „Wir brauchen eine eigene Location, um nicht ständig auf Raumsuche gehen zu müssen und uns zu differenzieren“, erzählt Wutta.
Und dann war da eben das alte Kohlekraftwerk im Rottweiler Neckartal. Eine imposante Ruine mit damals noch 90 Meter hohen Schornsteinen, aus deren Dach die Bäume wuchsen. Über das abbruchreife Gebäude der Rhodia Acetow GmbH hieß es um 1992 in deiner TV-Doku vom SWR: „Niemand hat bislang den Mut und die Fantasie besessen, diese Räume wiederzubeleben. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz, dennoch kann der Eigentümer zu einer Renovierung nicht gezwungen werden. Vermutlich würde es jeden finanziellen Rahmen sprengen.“

Betreten verboten, Lebensgefahr!
„Am Zaun rund um das Kraftwerk stand: Betreten verboten, Lebensgefahr! Aber wir haben gesagt: Da gehen wir rein“, erinnert sich Wenger an den Tag Ende 1998. Die Trend Factory damals: eine Handvoll Mitarbeiter, ein paar hunderttausend D-Mark Umsatz.
2578 Events später (die Gründer haben mitgezählt) sind es 28 Millionen Euro Jahresumsatz mit rund 50 Mitarbeitern. Kunden? Vor allem Unternehmen. Konzerne, Mittelständler, große Marken. Dazu Typen wie David Reger, von
Neura Robotics, dessen Metzinger Start-up nach dem Event im Kraftwerk jetzt mit 1,4 Milliarden Euro bewertet wurde. Dazu passt, wenn Wenger sagt: „Wir glauben, dass Menschen Erlebnisse brauchen, die sie wirklich berühren. Nicht Veranstaltungen, die sie abhaken, sondern Momente, die nachwirken – lange nachdem die Lichter ausgegangen sind.“
Mehr als 4000 Quadratmeter haben Wutta und Wenger für Kongresse, Partys und Events im B2B- wie B2C-Bereich wieder nutzbar gemacht. Ohne Sponsoren. Step by Step. „Im ersten Jahr haben wir mit Freunden den Schutt herausgebracht und saßen im Winter im einzigen Raum mit halbwegs dichtem Dach auf Styroporplatten, weil es noch keine Heizung gab“, sagt Wenger. Der einzige Kredit, den die beiden je aufnahmen, war dann auch der für eine Heizanlage. Der Banker habe gesagt: „Ihr bekommt das Geld, aber bitte, ich will nicht das Kraftwerk als Sicherheit.“

Bei aller Liebe zu Events: Die Trend Factory bewies immer auch architektonisch-ästhetisches Fingerspitzengefühl. Wichtig war dem Duo, die Fassade samt Freitreppe ihres Industrie-Denkmals aus dem Jahr 1916 nicht zu verändern und den Ur-Charakter der Räumlichkeiten wie Turbinensaal, Kohlebunker, Aschekeller oder Schaltzentrale zeitgemäß zu modernisieren – aber klar in ihrem Ursprung zu belassen.
Unvergessen: Der Start mit kleinen Veranstaltungen 2001, die ersten Ibiza-Partys und das allererste Firmenevent. Bei der Feier einer Baufirma fiel gleich mal das Notstromaggregat aus – und damit alle Reden ins Wasser. „Während wir versuchten, das Ding wieder ans Laufen zu bringen, haben wir drinnen eine mexikanische Mariachi-Band spielen lassen. Als wir zurückkamen, tanzten die Leute bei Kerzenlicht auf den Tischen.“ Improvisation gehört zum Business.
„Es wird wohl nie fertig“
Seither ist viel passiert. 2016 gewann das Kraftwerk den Location Award und gilt seitdem als eine der besten Eventlocations in Deutschland. Auf den Partys der Trendys tanzen regelmäßig bis zu 4000 Menschen zu den Beats internationaler DJs. Konzerte von Stars wie Anastacia, Fanta4, Jan Delay, Gianna Nannini, Peter Maffay oder den Ärzten ziehen Besucher aus ganz Süddeutschland an. Sogar während der Corona-Zeit war das Kraftwerk begehrt: Als Kulisse für digitale Events, die in die ganze Welt gestreamt wurden.
Nach 1625 Eventtagen in 25 Jahren Kraftwerk ist die Location eine Institution – und befindet sich doch stets im Wandel. „Das Kraftwerk ist unsere Lebensaufgabe und wird wohl nie fertig, sonst wären wir es ja auch“, sagt Mike Wutta. Und da ist es wieder, dieses schelmische Lächeln. fw/ut
Eindrücke aus der Anfangszeit…
Wie das Kraftwerk früher aussah? Dafür haben wir eine Bildergalerie bei uns auf Linkedin eingestellt: https://www.linkedin.com/pulse/von-der-ruine-zur-gro%25C3%259Fen-b%25C3%25BChne-wirtschaft-im-s%25C3%25BCdwesten-czn8e
