Villingen-Schwenningen erfindet sich neu und bleibt doch seiner DNA treu. Einst tickten hier die Uhren für die Welt, heute treiben Forschung und Hightech den Standort voran. Die Doppelstadt zeigt, wie Transformation gelingt.

In Villingen-Schwenningen tickten einst millionenfach die Zeitmesser, die das deutsche Industriezeitalter geprägt haben. Aus der Feinmechanik sind Ingenieurskunst, Präzision und ein tiefes Verständnis für technische Prozesse erwachsen. Und aus der Doppelstadt, die mit ihren zwei historischen Polen immer etwas anders war als vergleichbare Industriestandorte, ist in 50 Jahren Zusammengehörigkeit eine Region geworden, die sich in mehreren Wellen neu erfand: von der Uhr zur Feinmechanik, weiter in die Medizintechnik und die Automotive-Welt und heute hinein in eine Zukunft, die sich gerade erst formt. Rüstung und Sicherheit sind dabei große Themen, aber auch Umwelttechnik, Nachhaltigkeit und smarte Technologie. Es weht also ein Wind of change. Die Transformation des Wirtschaftsstandorts ist kein Bruch, sondern eine Fortsetzung der Geschichte – mit anderen Werkzeugen, neuen Technologien und frischem Unternehmergeist. Der Wandel wird in Villingen-Schwenningen nicht einfach so hingenommen, er wird aktiv mitgestaltet. Das beweist etwa das Vernetzte Innovations- und Anwendungszentrum für Simulation und smarte Systeme, kurz „Vias“, ein zentrales Zukunftsprojekt der Stadt, das von der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg, der Hochschule Furtwangen, Hahn-Schickard, sowie dem Verein Technology-Mountains unterstützt wird. Noch in diesem Jahr soll das Vias seinen Betrieb aufnehmen. Geschäftsführer Simon Herrlich beschreibt das Innovationszentrum gern als eine Art Wohngemeinschaft für Hightech-Unternehmen. Innovatoren, Entwickler, Start-ups und Forschungspartner werden dort einziehen, um Zukunft buchstäblich Tür an Tür zu entwickeln. Moderne Labore, flexible Unternehmensflächen und ein alltäglicher Austausch schaffen ein Umfeld, in dem neue Technologien nicht nur erprobt, sondern in konkreten Anwendungen weitergedacht werden.
„Transformation bleibt hier keine abstrakte Forderung, sondern wird zu einem konkreten, anwendungsnahen Prozess“, sagt Herrlich. Das Vias stärke die Attraktivität des Standorts für innovative Unternehmen und Fachkräfte und schaffe die Voraussetzungen dafür, dass neue Ideen in der Region entstehen und auch wachsen können.
Dieser Geist findet sich auch bei Technology-Mountains wieder. Seit 2005 schafft das überregionale Technologie- und Innovationsnetzwerk über klassische Branchengrenzen hinweg Zugang zu technischem Know-how und ist Bindeglied zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Rund 500 Mitglieder aus Unternehmen, Wissenschaft, Politik und Institutionen, wie etwa die IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg, bei der auch die Geschäftsstelle des Vereins verortet ist, haben sich die Sicherung ihrer technologischen Führungsrolle zum obersten Ziel gesetzt. Geschäftsführerin Daniela Jardot beschreibt das Netzwerk als Motor und Möglichmacher. Als Plattform, auf der mittelständische Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Institutionen gemeinsam handeln und voneinander profitieren. „Gerade in unserer mittelständisch geprägten Region liegt eine enorme Stärke in hochspezialisierten, oft familiengeführten Unternehmen mit großer Innovationskraft, teilweise Weltmarktführer oder Hidden Champions.“ Alle würden vor ähnlichen Herausforderungen stehen – vom steigenden Innovationsdruck über Digitalisierung, Transformation bis hin zu Fachkräftemangel. Ein Netzwerk wie Technology-Mountains schaffe hier einen entscheidenden Mehrwert: Es verbindet Kompetenzen, reduziert Silodenken und ermöglicht es, schneller und effizienter auf Veränderungen zu reagieren. „Innovation entsteht heute selten isoliert. Sie entsteht im Austausch. Genau diesen Austausch organisieren und fördern wir gezielt und machen damit die Region auch überregional sichtbarer.“
Tüfteln und neu denken
Auch Carolin Deberling, IHK-Vizepräsidentin und Geschäftsführende Gesellschafterin der Agentur Gruppe Drei, bestätigt: „Die Stärke der Region liegt im Miteinander – und genau davon profitieren wir seit vielen Jahren.“ Villingen-Schwenningen sei kein anonymer Wirtschaftsraum, sondern ein Netzwerk, in dem man sich kennt, austauscht und aufeinander vertraut. Und noch mehr: Die Region habe den Anspruch, sich aus sich selbst heraus weiterzuentwickeln. Das Tüfteln, das permanente Hinterfragen und Neu-Denken sei in der Unternehmer-DNA verankert. Dabei sei die industrielle Tradition alles andere als ein Hintergrundrauschen: „Sie ist unser Fundament.“ Branchen wie Feinmechanik, Automotive oder Medizintechnik hätten über Jahrzehnte eine Kultur geprägt, in der Präzision, Ingenieursdenken und Qualität selbstverständlich sind. Und genau das sei mit ein Grund, warum der Umzug der 1989 gegründete Marken- und Kommunikationsagentur im April in das ehemalige Burger-Spritzguss-Gebäude für sie mehr ist als ein Ortswechsel: „Er ist ein klares wirtschaftliches Bekenntnis zum Standort, ein strategischer Schritt, um den kommenden Herausforderungen der Branche aktiv zu begegnen.“
Talente und Innovationsschmiede
Eine zentrale Rolle im Innovationsprozess spielt die Hochschule Furtwangen mit ihrem Campus in Schwenningen. Rektorin Alexandra Bormann betont: „Wir prägen den Wirtschaftsstandort Villingen-Schwenningen als Ausbildungsstätte für Fachkräfte, als Innovationspartner und als Standortfaktor im Wettbewerb um Talente.“ Viele Studierende stammen aus der Region, viele bleiben nach dem Abschluss hier – und viele bringen schon während des Studiums frische Ideen direkt in die Unternehmen. Praxissemester, Studienprojekte und Werkstudierendentätigkeiten sorgen für einen kontinuierlichen Wissenstransfer. Die Hochschule ist direkter Innovationspartner für die Unternehmen der Region. In anwendungsorientierten Forschungsprojekten arbeiten Professoren gemeinsam mit Unternehmen an konkreten Lösungen – etwa zu Digitalisierung, künstlicher Intelligenz, Medizintechnik oder nachhaltigen Prozessen. Und über Labore, Kooperationsprojekte und das hauseigene Forschungs- und Transferzentrum gelangen neue Technologien und Methoden direkt in die betriebliche Praxis. „Gerade kleine und mittlere Unternehmen profitieren von diesem niedrigschwelligen Zugang zu Forschung und Entwicklung.“

Doch ein Wirtschaftsstandort lebt nicht allein von Technologie – er lebt auch davon, wie attraktiv er für Menschen ist. Gunter Welzer, Vorstand der Sparte Handel und Gewerbe Schwenningen im Gewerbeverband Oberzentrum, beschreibt den Handel als wichtigen Baustein. „Ortsansässige Firmen gewinnen Arbeitskräfte leichter, wenn Handel und Gastronomie attraktiv sind“, sagt er. Veranstaltungen wie Antikmarkt, Kulturnacht oder der Stadtstrand bringen Leben in die Doppelstadt. Villingen punktet mit historischer Innenstadt, Schwenningen entwickelt neue urbane Projekte – zusammen entstehe eine Mischung aus Tradition und Aufbruch, die den Standort lebenswert macht.
Gleichzeitig blickt die regionale Wirtschaft mit realistischem Gespür auf globale Risiken. Volksbank-Chefin Irmgard Sachsenmaier formuliert es nüchtern: „Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich spürbar verschlechtert.“ Steigende Energiekosten, geopolitische Unsicherheiten, zurückhaltende Investitionen – all das bremse die Dynamik. Dennoch bleibt Sachsenmaier optimistisch: „Villingen-Schwenningen ist und bleibt ein leistungsfähiger Standort mit einer breiten industriellen Basis und hoher Innovationskraft.“ Der Standort verfüge über eine robuste Struktur und gute Voraussetzungen, um gestärkt aus der aktuellen Phase hervorzugehen. Der starke Mittelstand, solide Kapitalquoten und die Fähigkeit, auch in schwierigen Phasen strategisch zu bleiben, seien dafür entscheidend. „Zudem sehen wir auch eine Fokussierung der Unternehmen auf den Bereich der Wehrtechnik als neues Wirkungsfeld.“ Villingen-Schwenningen bleibt damit ein Standort, der nicht nur Wandel bewältigt, sondern ihn – wie so oft in seiner Geschichte – selbst gestaltet. Daniela Santo
