Technologietransfer ist die Brücke zwischen Forschung und Wirtschaft und oft der Zündfunke, der Innovation überhaupt erst möglich macht und ganze Prozesse verändern kann. Das zeigen Beispiele aus der Region – vom glühenden Stahl, der dank KI neue Qualitätsmaßstäbe setzt, bis zu Bauteilen, die ihren eigenen Verschleiß melden sollen.

Es ist laut, die Luft flimmert, unter den Schutzhelmen bilden sich Schweißperlen. Das liegt zum einen an der Hitze am Walzband in den Badischen Stahlwerken in Kehl – 900 Grad heiß ist der Draht hier –, aber auch an der Spannung, die kaum größer sein könnte. Was auf Vermittlung von Hülya Sevgin der Technologietransfermanagerin der IHK vielversprechend im Labor des Fraunhofer Instituts für Physikalische Messtechnik IPM in Freiburg begonnen hat: Funktioniert das auch unter Realbedingungen? Die Aufgabe: die voll automatisierte Oberflächeninspektion der Walzen per Infrarotkamera.
Beim Testlauf im März nehmen drei Kameras 250 Bilder pro Sekunde ringsum auf und erfassen so den Walzdraht optimal, der an der Messstelle mit einem Durchmesser von nur 20 Millimetern und einer Geschwindigkeit von zehn Metern pro Sekunde durchläuft. „Aufgrund der Belichtungseinrichtung ließ sich auf den Fotos ein zuvor mit Absicht in die Walzen eingebrachter Fehler gut erkennen“, sagt Maximilian Kalbfleisch, Betriebsleiter des Walzwerks. Teilweise sei die Ausprägung auf den Fotos sogar besser als auf dem Walzgut selbst gewesen. Bisher kann die Oberfläche nur durch Produktionsmitarbeiter kontrolliert werden. „Dadurch entstehen zeitliche Lücken, in denen keine Kontrolle stattfinden kann. Außerdem wird durch den Mitarbeiter lediglich das fertige Produkt untersucht“, erläutert Kalbfleisch. Mit der permanenten visuellen Überwachung des Drahts in Verbindung mit KI soll es möglich werden, auch zwischen den Umformschritten das Material zu untersuchen und frühzeitig Walzenbrüche zu erkennen. „Der Ausschuss würde sich auf ein Minimum reduzieren.“ Mit 1,5 Millionen Tonnen pro Jahr ist Draht das Hauptprodukt der 850 Mitarbeiter von BSW in Kehl. In deren Drahtverarbeitungsbetrieben wird der Walzdraht zu Bewehrungsprodukten wie etwa Betonstahlmatten, Gitterträgern, Bewehrungsdraht oder Abstandhaltern verarbeitet.
Wissenschaft und Praxis
Die Zusammenarbeit zwischen den BSW und dem Fraunhofer IPM hat Hülya Sevgin auf den Weg gebracht. Sie ist Technologietransfermanagerin bei der IHK Südlicher Oberrhein und sorgt dafür, dass wissenschaftliche Erkenntnisse ihren Weg in die Praxis finden und Unternehmen neue Lösungen entwickeln können, die aus eigener Kraft kaum möglich wären. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen profitieren von dieser Schnittstelle, weil ihnen meist eine eigene Forschungsabteilung fehlt. Das Technologietransfer-Management versteht sich als navigatorische Instanz, die Unternehmen mit Hochschulen, Instituten, Start-ups und etablierten Technologiegebern vernetzt. Das Angebot ist kostenfrei und reicht von der Identifikation innovativer Potenziale über die Vermittlung passender Forschungspartner und Fördermittel bis hin zur langfristigen Projektbegleitung.
Wie im Fall BSW – oder bei KVT in Kirchzarten, einem weiteren Projekt, das Sevgin begleitet. Der kleine Maschinenbauer mit zehn Mitarbeitern produziert Rohrleitungsarmaturen und verwendet dafür sogenannte Quetschmanschetten aus Natur- oder Synthesekautschuk. Diese Manschetten unterliegen je nach Medium, Temperatur und Beanspruchung einem unterschiedlichen Verschleiß, der nicht immer klar vorherzusagen ist. KVT wünscht sich deshalb eine technische Lösung, die den Zustand und die Lebensdauer dieser Bauteile frühzeitig einschätzbar macht – idealerweise durch eine Art Sensorik, die sich in das bestehende Produkt integrieren lässt.
Über KI-gestützte Recherchen und Netzwerke identifizierte Sevgin mehrere geeignete Forschungseinrichtungen, die sich kurzfristig zurückmeldeten. Fündig wurde sie am Ende beim Deutschen Institut für Kautschuktechnologie in Hannover, erste Gespräche haben bereits stattgefunden.
Starkes Netzwerk
Auch in der IHK Hochrhein-Bodensee ist Technologietransfer ein etabliertes Erfolgsmodell. Innovationsberaterin Sunita Patel vermittelt seit 2014 Unternehmen an passende Hochschulpartner – und hat bis heute für jede Fragestellung jemanden gefunden. Ob es um die Digitalisierung eines Ersatzteillagers, die Optimierung intralogistischer Prozesse oder klassische Forschungsfragen geht: Patel strukturiert Anfragen, streut sie anonymisiert über den Wissenschaftsverbund Vierländerregion Bodensee an rund 1000 Professoren und prüft die Rückmeldungen, bevor sie Kontakte freigibt. Häufig meldet sich innerhalb weniger Tage ein geeignetes Labor oder eine Forschungsgruppe.
Patel wünscht sich jedoch, dass mehr Unternehmen dieses Angebot nutzen. Allzu oft greifen Firmen noch reflexartig auf Kontakte in München, Aachen oder Dresden zurück – dabei liegt die passende Expertise häufig direkt vor der Haustür. Gleichzeitig kennen die Innovationsberater der IHKs regionale Hochschulprojekte, von denen Unternehmen unmittelbar profitieren können. Die Zusammenarbeit stärkt also nicht nur die Innovationskraft vor Ort, sondern auch die Sichtbarkeit der regionalen Wissenschaft. Daniela Santo
