Warum die Doppelstadt ein wirtschaftsstrategischer Vorteil ist und Transformation kein Zufall, erklärt Oberbürgermeister Jürgen Roth im Interview.

Zwischen industrieller Stärke und technologischem Wandel positioniert sich Villingen‑Schwenningen neu. Oberbürgermeister Jürgen Roth ordnet ein, vor welchen Aufgaben der Standort steht und warum er gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Weiterentwicklung hat.
Herr Roth, vor welchen Aufgaben steht der Wirtschaftsstandort Villingen-Schwenningen aktuell?
Villingen-Schwenningen steht als Oberzentrum der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg vor einer klassischen, aber anspruchsvollen Transformationsaufgabe: Wir haben eine starke industrielle, exportorientierte Basis – gleichzeitig trifft genau diese Stärke den Standort in einer Phase schwacher Konjunktur, hoher Transformation und zurückhaltender Investitionen besonders deutlich. Die Herausforderung liegt dabei nicht in einer strukturellen Schwäche, sondern darin, die vorhandene Stärke gezielt weiterzuentwickeln. Themen wie Fachkräftesicherung, Unternehmensnachfolge, Flächenverfügbarkeit, Innovation und Technologietransfer werden dabei entscheidend sein. Gleichzeitig geht es darum, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit mit urbaner Qualität und lebendigen Innenstädten in Einklang zu bringen.
Positiv ist: Villingen-Schwenningen verfügt über eine robuste mittelständische Struktur, starke regionale Netzwerke und eine sehr gute Ausgangsposition als Hochschul- und Technologiestandort – unter anderem mit Einrichtungen wie Hahn-Schickard. Mit Projekten wie dem Vias entsteht zudem ein konkreter Innovationsort für technologieorientierte Unternehmen, Start-ups und neue Geschäftsmodelle.
Das ist deshalb keine Krisenerzählung, sondern eine Transformationsaufgabe auf hohem Niveau – mit sehr guten Voraussetzungen, sie erfolgreich zu gestalten.
Hat eine Doppelstadt auch doppelt so viele Herausforderungen?
Die Doppelstadt ist keine Randnotiz, sondern eine zentrale strukturelle Besonderheit von Villingen-Schwenningen – historisch gewachsen und wirtschaftsstrategisch hoch relevant. Entwicklung muss hier immer in zwei Zentren gedacht werden: mit zwei Innenstädten, unterschiedlichen Identitäten und Stärken, aber einem gemeinsamen Wirtschaftsraum. Das macht vieles anspruchsvoller, weil Handel, Mobilität, Aufenthaltsqualität oder Standortmarketing nicht eindimensional bearbeitet werden können. Gleichzeitig liegt genau darin die Stärke: Villingen und Schwenningen ergänzen sich – historisch-kulturell auf der einen Seite, industriell-technologisch auf der anderen. Für ein Oberzentrum bedeutet das: Wir können eine größere Bandbreite an Lebens- und Wirtschaftsformen abbilden als viele vergleichbare Städte. Entscheidend ist, diese Unterschiedlichkeit nicht als Trennung zu verstehen, sondern als gemeinsames, starkes Profil zu entwickeln.
Wofür steht der Wirtschaftsstandort Villingen-Schwenningen heute, wo will und soll er hin?
Villingen-Schwenningen steht heute für ein industriell geprägtes, technologieoffenes Oberzentrum mit starkem Mittelstand, hoher Präzisionskompetenz und einer engen Verbindung von Wirtschaft, Forschung und Hochschule. Wer den Standort nur über einzelne Branchen wie Automotive oder die historische Feinmechanik erklärt, greift zu kurz – seine Stärke liegt gerade in der Breite und in der Verbindung von industrieller Substanz, technischer Kompetenz und anwendungsnaher Entwicklung. Die Entwicklung lässt sich deshalb nicht als Abfolge einzelner Branchen beschreiben. Es geht nicht darum, von einem Sektor in den nächsten zu wechseln, sondern darum, die vorhandenen Kompetenzen gezielt weiterzuentwickeln und in Zukunftsfelder zu überführen. Die Richtung ist klar: mehr anwendungsnahe Innovation, mehr Technologietransfer, mehr wissensbasierte Gründungen und eine stärkere Verknüpfung von Industrie, Forschung und Dienstleistungen – etwa in Bereichen wie Mikrotechnik, Medizintechnik, Sensorik oder smarte Produktion. Ziel ist es, Villingen-Schwenningen als Standort der präzisen, anwendungsnahen Lösungen zu profilieren – technologisch stark, divers aufgestellt und bewusst nicht eindimensional.
Welche Möglichkeiten ergeben sich durch die Nähe zu Stuttgart?
Die Nähe zum Stuttgarter Raum ist für Villingen-Schwenningen eine große Chance – allerdings nicht im Sinne von Konkurrenz, sondern als gezielte Ergänzung. Stuttgart ist ein starker Innovations-, Industrie- und Wissensraum, zugleich aber teuer, dicht und in vielen Bereichen mehr als ausgelastet.
Villingen-Schwenningen kann sich hier als leistungsfähiger, gut vernetzter Ergänzungsstandort im südwestdeutschen Wirtschaftsraum positionieren – mit industrieller Kompetenz, geringeren Kosten, hoher Lebensqualität und guten Anbindungen an Fachkräfte, Forschung und Zuliefernetzwerke. Man kann es auch als Anbindung ohne Überhitzung beschreiben. Gleichzeitig ist unsere Lage breiter zu denken: als Knotenpunkt zwischen Stuttgart, Schwarzwald, Bodenseeraum und der Schweiz. Für Unternehmen bedeutet das Zugang zu Märkten und Netzwerken bei gleichzeitig hoher Standortqualität.
Viele Städte sprechen über Wachstum – aber selten darüber, welche Art von Wachstum überhaupt erstrebenswert ist. Nach welchen qualitativen Kriterien entscheiden Sie, welche Unternehmen oder Branchen strategisch zu Villingen-Schwenningen passen und welche eher nicht?
Für Villingen-Schwenningen ist nicht jedes Wachstum automatisch gutes Wachstum – entscheidend ist die Qualität. Es geht darum, ob ein Unternehmen zur nachhaltigen und zukunftsfähigen Entwicklung des Standorts beiträgt.
Strategisch passend sind Unternehmen, die an bestehende Stärken anknüpfen – also industrielle Kompetenz, Präzision, Technologie, Gesundheit, Bildung und hochwertige Dienstleistungen – und gleichzeitig gute, zukunftsfähige Arbeitsplätze schaffen. Ebenso wichtig ist, dass sie Innovations- und Transferpotenziale mitbringen, mit Hochschulen und regionalen Netzwerken kooperieren und sich stadt- sowie flächenverträglich einfügen. Ein weiterer zentraler Punkt ist die Resilienz: Wir wollen Strukturen stärken, nicht neue Abhängigkeiten aufbauen. Wachstum sollte den Standort robuster machen – nicht anfälliger.
Weniger passend sind dagegen Ansiedlungen, die viel Fläche verbrauchen, wenig Wertschöpfung erzeugen, kaum Innovationsbezug haben oder keinen erkennbaren Mehrwert für die regionale Wirtschaftsstruktur leisten. Unser Ziel ist deshalb kein Wachstum um jeden Preis, sondern ein Wachstum, das wertschöpfungsstark, wissensbasiert, nachhaltig und standortverträglich ist – und damit langfristig trägt
Der Wettbewerb um Talente wird globaler und gleichzeitig verändern sich Erwartungen an Arbeit, Mobilität und Lebensqualität radikal. Wie formt die Stadt ein Umfeld, das nicht nur Fachkräfte anzieht, sondern ihnen ein Erleben vermittelt – ein authentisches Lebensgefühl in einer Doppelstadt, das bleibt?
Fachkräfte entscheiden heute nicht mehr nur nach dem Arbeitsplatz, sondern nach dem Gesamtpaket. Für Villingen-Schwenningen bedeutet das: Wir müssen nicht nur Jobs bieten, sondern auch Alltag, Atmosphäre und Perspektive.
Die Voraussetzungen dafür sind gut: eine starke Wirtschaft, drei Hochschulen, kurze Wege, eine hohe Lebensqualität und die besondere Struktur der Doppelstadt. Entscheidend sind dabei vor allem die sogenannten weichen Standortfaktoren – also Lebensqualität, Kultur, Freizeit, Wohnumfeld, Mobilität und ein funktionierendes soziales Umfeld. Genau daraus entsteht ein glaubwürdiges Lebensgefühl. Dieses Lebensgefühl muss allerdings konkret erlebbar sein: durch attraktive, lebendige Innenstädte, gute Verbindungen zwischen den Stadtbezirken, sichtbare Kultur, moderne Freizeitangebote, bezahlbaren Wohnraum sowie Räume für Innovation und Begegnung.
Gerade die Innenstädte spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie sind Visitenkarte, Begegnungsort und Identitätsanker zugleich. Mit gezielten Investitionen wird hier bewusst an Aufenthaltsqualität, Nutzungsmischung und Belebung gearbeitet. Unsere Stärke liegt dabei nicht darin, eine Metropole zu kopieren, sondern ein eigenes, glaubwürdiges Versprechen einzulösen: berufliche Chancen eines starken Oberzentrums, verbunden mit Nähe, Übersichtlichkeit und echter regionaler Verankerung. Wenn es gelingt, die Doppelstadt als Charakter und nicht als Kompromiss zu vermitteln, dann entsteht genau das, was Fachkräfte heute suchen – ein Ort, an dem man nicht nur arbeitet, sondern auch bleiben möchte. Interview: Daniela Santo
