Schon als Kind war er lieber zwischen Platinen als auf dem Bolzplatz: Mit 19 gründet Viacheslav Gromov sein KI-Unternehmen, mit 26 zählt er zu Deutschlands gefragtesten KI-Experten. Jetzt wächst mit Aitad in Offenburg eine industrielle KI-Hoffnung, die Deutschlands Chancen sichtbar macht.

Slava Gromov ist ein Nerd. Das muss man einfach so sagen. Denn es ist durchaus außergewöhnlich, wenn man als Kind seine Freizeit statt auf dem Bolzplatz lieber zwischen Unmengen elektronischer Bauteilen in einem Elektronikladen verbringt. Aber so kann man ein paar Jahre später, mit 14, ein erstes Lehrbuch zur Fahrzeug-Prozessor-Programmierung für die Hochschule Aachen schreiben. Und noch ein paar Jahre später (mit 19) sein eigenes KI-Unternehmen gründen – und das ohne Wagniskapital.
Mit nun 26 schickt Slava Gromov sich an, einer der erfolgreichsten und gefragtesten KI-Experten Deutschlands zu werden. Während das Start-up Black Forest Labs aus Freiburg mit US-Geld und generativer KI zur wertvollsten KI-Firma Deutschlands aufgestiegen ist, wächst in Offenburg mit Gromovs KI-Unternehmen Aitad die nächste vielversprechende KI-Hoffnung heran. Kein Wunder, dass Nectanet-CEO Dominik Fehringer vom Aitad-Chef schwärmt: „Slava ist ein Ausnahmetalent, ein Visionär mit fachlichem Fundament. Er ist ein Glücksfall für die Black Forest Power Region und ich bin mächtig stolz auf ihn!“

Außergewöhnlich schon als Kind
Ein bisschen erinnert Gromov bei all dem an den frühen Elon Musk, der schon als Kind Computer-Programmierung erlernte, Videospiele entwickelte, mit Anfang 20 sein erstes Unternehmen gründete und dem man nicht unterstellte, dass er sich eines Tages politisch an die Seite von Donald Trump stellt…
Aber zurück in den Südwesten. Mit zehn Jahren ist Viacheslav Gromov aus Moskau nach Offenburg gekommen, sprach kein Wort Deutsch und tat sich schwer, im badischen Alltag anzukommen. Eine Migrationsklasse half nicht, zu viele verschiedenen Bedürfnisse, Niveaus, zu wenig Personal. Stattdessen half der Zufall Gromovs Potenzial auf die Sprünge. Ein Nachbar, ein pensionierter Lehrer, sorgte dafür, dass der Junge aufs Gymnasium gehen konnte. Gromov übersprang zwei Klassen, wurde während der Oberstufe Schülerstudent an der Uni Freiburg, eine Art der Hochbegabtenförderung. Digitalisierung voranzutreiben, wurde zu seinem Thema. Neurologie-Vorlesungen brachten ihn auf die Idee von dezentralen Sensoren, ähnlich wie im menschlichen Körper. 2018 gründete er Aitad, kurz für Artificial intelligence test and design. Vom Technologiepark Offenburg, dem Vorgänger des Flow 1986, zog Gromov mit seiner Firma in ein Geschäftshaus an der Hauptstraße, gleich gegenüber der alten Sevdesk-Zentrale. Inzwischen belegt Aitad drei Etagen und platzt schon wieder aus allen Nähten.
Schlaue Sensoren
Aitad entwickelt und fertigt intelligente Sensoren, integriert dazu künstliche Intelligenz (KI) auf Chips in Sensorplatinen. Diese Sensoren bringen Herde dazu, anbrennendes Essen rechtzeitig zu erkennen und runterzuschalten. Sie ermöglichen es Armaturen, Alarm zu geben, wenn jemand in der Dusche stürzt. Sie versetzen Autos in die Lage, Verschleißteile zu erkennen. Künftig sollen diese smarten Sensoren auch erkennen, wer harmloser Spaziergänger ist und wer ein Vandale, und ob bei einer Demonstration eine Eskalation droht. Die KI verarbeitet dazu Geräusche und Bilder direkt im Produkt, ohne die Daten in die Cloud hochzuladen. Sehr zur Freude von Datenschützern werden diese dezentral verarbeiteten Daten nach ihrer Auswertung wieder gelöscht.
Aitads Kunden kommen aus Medizin, Maschinenbau, Automotive, darunter BMW. Und seit kurzem arbeitet die Offenburger KI-Firma mit der Landespolizei zusammen und entwickelt Sensoren zum Schutz von kritischer Infrastruktur. Das Innenministerium hat jetzt auch noch angeklopft, um mal ganz grundsätzlich ein Mitwirken des Unternehmens bei der Vision einer bundesweiten Polizeidrohne aus baden-württembergischer Produktion anzufragen.
Damit setzt sich eine Erfolgsgeschichte fort. 2023 wurde Aitad KI-Champion Baden-Württemberg, kam 2024 unter die Top Ten des Landespreises für junge Unternehmen. CEO Gromov ist seit 2025 gewähltes Mitglied im Leitungsteam der baden-württembergischen Sektion des KI-Bundesverbands und für das Magazin Forbes einer der 30 prägendsten jungen Akteure unter 30.
Und als wäre das alles nicht genug, zählt Gromov auch noch klar zu den Optimisten. Er räumt Deutschland im Rennen um die KI-Vorherrschaft auf der Welt gute Chancen ein. Allerdings bezieht Gromov das nicht auf generative KI, also auf Lösungen, die wie Chat GPT Texte, Musik oder Videos erzeugen – da sei der Zug abgefahren. Auf diesem Feld sei Deutschland wegen seiner Datenschutz-Standards und der hohen Energiekosten nicht wettbewerbsfähig und vom Entwickler zum Anwender herabgestuft.
Neue Märkte
Die Rüstungsindustrie zählt bald ebenfalls zu Aitads Kunden. Denn auch die Offenburger bekamen das Schwächeln der Autoindustrie zu spüren und waren gezwungen, sich nach neuen Märkten umzusehen. Gromov und seine 30 Mitarbeiter entschieden gemeinsam: Die Aitad-Technologie kann zur Drohnenabwehr eingesetzt werden – nicht zum Angriff.
Diskriminative KI als Riesenchance
Entscheidend für die deutsche Wirtschaft sei ohnehin die medial weit weniger präsente diskriminative KI. Also die KI, die Muster erkennt, Prozesse optimiert und Qualität kontrolliert. Bei deren Grundlagenentwicklung könne die in weiten Teilen automatisierte Industrie-
nation Deutschland ihre Konkurrenz aus China und den USA noch abhängen. „Wir haben die Industriedaten.“ Die Chinesen seien zwar teils höher automatisiert, aber nicht so flächendeckend wie Deutschland als Hochlohnland. „Das ist eine Riesenchance“, die man zügig nutzen müsse, die kommenden zwei, drei Jahre zählen.
Schnelligkeit gehört nun nicht zu den Stärken Deutschlands, aber Gromov sagt: „Ich traue es uns zu.“ Der 26-Jährige hält es für gefährlich, bei KI alles aus den Händen zu geben und Abhängigkeiten aufzubauen. Er selbst möchte mit Aitad auch einen Offenburger Mittelständler aufbauen und so der Gesellschaft etwas zurückgeben. Denn die habe ihn ja auch irgendwie aufgebaut. Susanne Ehmann
Die KI-Hoffnung aus Offenburg
Auf der Aitad-Website gibt es viele weitere Infos zu den Chancen von Embedded KI und Gromovs Ideen.
