Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe 03/26 - Hochrhein-Bodensee

Wirtschaft im Südwesten 3/2026 53 Der Reisepass für Waren Seit Juni läuft die Zollabwicklung für viele temporäre Exporte elektronisch – und damit einfacher, schneller und bald komplett papierlos. Das Carnet wird digital W enn Medizintechniker ihr Equip- ment zur Messe in die Vereinigten Arabischen Emirate schicken, Mon- teure mit Spezialwerkzeug über die Grenze fahren oder ein Pferd am Wochenende in der Schweiz startet, reist seit Jahrzehnten ein un- scheinbares Heft mit: das Carnet ATA. „Ein Rei- sepass für Waren“, nennt es Uwe Böhm, Leiter Geschäftsbereich International bei der IHK Hochrhein-Bodensee. Dieser Pass wird nun digitalisiert und aus dem Carnet (frz.: Heft) wird das eCarnet. Seit dem 1. Juni ersetzt ein digitaler Nachweis – etwa per QR-Code und App – das klassische Heft und ist verpichtend für die Schweiz, Norwe- gen und das Vereinigte Königreich. Von der Antragstellung über die Abfertigung bis zur Rückgabe läuft alles elektronisch ab. Das Prin- zip bleibt gleich: Unternehmen führen Waren vorübergehend ins Ausland aus, ohne sie dort zu verzollen oder Sicherheiten zu hinterlegen. Typische Einsatzbereiche sind Messe- und Ausstellungsgüter, Warenmuster oder Berufs- ausrüstung. Wichtig ist: Die Ware muss unver- ändert zurückkommen. Das Carnet ist ein Jahr gültig und kann für mehrere Reisen genutzt werden. Für Unternehmen bedeutet das vor allem eines: weniger Bürokratie an der Grenze, weniger Papier und schnellere Abläufe. Wie sich das im Alltag bewährt, zeigt ein Pilot- projekt. Gemeinsam mit der IHK Schwarzwald- Baar-Heuberg und der Zollverwaltung hat der Tuttlinger Medizintechnikhersteller Karl Storz an seinem Standort in Neuhausen ob Eck das volldigitale Verfahren unter realen Bedingun- gen getestet. Der Ansatz war bewusst praxis- nah: Abläufe wurden direkt im Unternehmen durchgespielt und o•ene Fragen gesammelt. „Gerade in der Pilotphase ist der enge Aus- tausch zwischen Wirtschaft, Zoll und IHK ent- scheidend“, sagt Cristina Biljaka, die als Sach- bearbeiterin International bei der IHK die Umsetzung für das volldigitale Carnet unter- stützt. Dass ausgerechnet Karl Storz dabei eine zentrale Rolle spielt, ist kein Zufall. Das Unter- nehmen gehört zu den führenden Nutzern des Carnet-Verfahrens in der Region. Von 300Car- nets im Jahr stammen 50 von Karl Storz. Die Tücken der Digitalisierung So klar die Vorteile scheinen, so anspruchsvoll ist die Umsetzung. Denn das eCarnet ist ein in- ternationales Gemeinschaftsprojekt. „Es müs- sen viele Mitstreiter unter einen Hut gebracht werden, von lokalen Zollstellen über Kammern bis zur Generalzolldirektion – und das über Län- dergrenzen hinweg“, sagt Susi Tölzel, Referen- tin Auslandsmärkte und Zoll bei der IHK Süd- licher Oberrhein, die Ende 2019 als erste IHK bundesweit die elektronische Antragstellung eingeführt hat – als Vorstufe zum voll-digitalen Carnet. Doch die Praxis zeigt: Digitalisierung ist kein Selbstläufer. Nicht alle Zollstellen sind gleich weit und oft sind es die kleinen Dinge, die den Fluss bremsen: fehlende Scanner, wa- ckeliges WLAN oder schlicht fehlende mobile Endgeräte in Unternehmen. „Gerade in der An- fangsphase lief die Abfertigung ausschließlich über eine App. Doch in vielen Zollabteilungen gibt es weder Diensthandys noch Tablets.“ Bis 2027 soll aber alles rund laufen. Dann soll sich das eCarnet weltweit etabliert haben und ebenso wie sein analoger Vorgänger ein siche- rer Reisepass für Waren sein. Daniela Santo Foto: IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg IHK-Ansprechpartner Südlicher Oberrhein: Susi Tölzel, 0761/3858-1 22, susi.toelzel@freiburg.ihk.de Hochrhein-Bodensee: Uwe Böhm, 07622/3907-218, uwe.boehm@konstanz.ihk.de Schwarzwald-Baar-Heuberg: Cristina Biljaka, 07721/922-1 22, cristina.biljaka@vs.ihk.de Klappt alles? Das Zollamt Singen hat bei Karl Storz das neue eCarnet getestet, bevor es im Juni an den Start ging.

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ2MDE5