Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe 03/26 - Hochrhein-Bodensee

Wirtschaft im Südwesten 3/2026 52 Ein Billionär und 4400 Millionäre auf einen Schlag – und Elon Musk behält die volle Kontrolle: Warum der Börsengang von SpaceX so nur in den USA möglich war. A m 12. Juni debütierte SpaceX, Elon Musks Kon- glomerat aus Raumfahrt, Internetsatelliten und AI an der New Yorker Börse mit einer Bewertung von 1,77 Billionen Dollar. Der größte Börsengang aller Zei- ten. 4400 Mitarbeiter wurden über Nacht zu Millionären. Und Musk? Der behielt dank seiner Aktien mit zehnfa- chem Stimmrecht die volle Kontrolle über SpaceX. Wer sich fragt, ob so etwas auch an der Frankfurter Börse möglich wäre: wohl nein. Börsengänge dieser Größen- ordnung werden auf absehbare Zeit den USA vorbehal- ten bleiben. Das hat vor allem kulturelle Gründe, die sich aber auch in rechtlichen Regelungen zeigen. Wetten auf Visionen und charismatische Gründer Viel ist zu sagen zur Größe des US-Kapitalmarkts, zur aktien˜nanzierten Altersvorsorge vieler Amerikaner und zum größeren Anteil von Aktionären an der Gesamtbe- völkerung. 62 Prozent der Amerikaner besitzen Aktien, bei den Besserverdienern sind es 87 Prozent. Und Deutsch- land? 20 Prozent. Diesen Zahlen und dem Phänomen SpaceX liegen grundlegende kulturelleUnterschiede zu- grunde. Der amerikanische Mythos vom Selfmade Man, der gegen alle Widerstände mit realitätsbeugender Vor- stellungs- undWillenskraft seinenWeg zum Erfolg bahnt, ist tief im amerikanischen Selbstverständnis verankert. Dieser Mythos begünstigt den Glauben an die Zukunfts- visionen charismatischer Gründerpersönlichkeiten. SpaceX wies 2025 einen Nettoverlust von 4,9 Milliarden Dollar aus und wurde trotzdem zum 95-fachen seines Jahresumsatzes bewertet. Wenn Branding und Marke- ting stark genug sind, kaufen amerikanische Investoren mit großer Begeisterungsfähigkeit die Zukunft. Ohne die Stärke von Elons Musks persönlicher Marke als erfolgrei- chem (Mit-)Gründer von Paypal, Tesla, OpenAI, Neuralink, The Boring Company und SpaceX wäre der überragende Erfolg des Börsengangs nicht zu denken. Storytelling und Marketing spielen bei jedem Börsengang eine Rolle. Aber amerikanischeMedien und Anleger sind stärker von spe- kulativen Ideen zu begeistern als die oft skeptischeren und nüchternen Deutschen, die lieber auf stabile Erträge, nachvollziehbare Geschäftsmodelle und überschaubare Risiken setzen als auf abgehobene Visionen. Ein Gründer, zwei Aktienklassen, volle Kontrolle Der Fokus auf Gründer schlägt sich auch im amerikani- schen Recht nieder. So ist es nicht ungewöhnlich, dass Unternehmen ihren Gründern Anteile mit Supervoting Rights geben, also mehr als einem Stimmrecht. Bei einem Börsengang können dann Aktien mit nur einer Stimme zur Aufnahme von Kapital ausgegeben werden und die Gründer behalten so trotzdem die Stimmenmehrheit. Nicht nur die Gründer erfolgreicher Tech-Firmen wie Al- phabet (Google) oder Meta (Facebook) pro˜tieren von dieser Privilegierung, auch die Gründerfamilien älterer Unternehmen wie der Ford Motor Company. Bei SpaceX garantiert diese Struktur Elon Musk volle Kontrolle: Ausgegeben wurden im Börsengang Class A- Aktien. Diese haben je eine Stimme. Class B-Aktien da- gegen, ganz überwiegend in Musks Händen, haben zehn Stimmen. Egal, wie viele Anteile an der Börse verkauft werden: Über grundlegende Unternehmensentschei- dungen entscheidet Musk allein. In Deutschland war das seit Ende der 90er-Jahre verbo- ten. Das Aktiengesetz schrieb den Grundsatz „eine Aktie, eine Stimme“ fest. Erst mit dem Zukunfts˜nanzierungsge- setz aus 2023 wurde dieser Grundsatz aufgeweicht. Aller- dings mit Grenzen: Die Zahl der Stimmrechte ist pro Aktie auf zehn begrenzt und die zusätzlichen Stimmrechte er- löschen im Fall der Übertragung der Aktie, beziehungs- weise zehn Jahre nach einem Börsengang. Fazit Der Börsengang von SpaceX zeigt, wie eng Kultur, Kapital- markt und Recht miteinander verªochten sind. Wer Ame- rika verstehen will, muss das einsehen und erkennen: The sky is (not) the limit. Weder für Musks Träume vomWeltall noch für deren Bewertung an der amerikanischen Börse. Philipp Nürnberger Philipp Nürnberger hat als Rechtsanwalt für große amerikanische Kanzleien wie Sidley und für US-Konzerne gearbeitet, ehe er das heimische Freiburg wieder gegen New York tauschte. Mit seiner Ko- lumne für die WiS will er helfen, die USA kulturell wie wirtschaftlich besser zu verstehen. Diskutieren Sie mit unserem Autor auf LinkedIn weiter The Sky Is ( Not ) The Limit Philipp Nürnberg: Beyond the Headlines – Amerika verstehen Fotos: www.stock.adobe.com/Vitaly Korovin; Jigal Fichtner

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