Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe 02/26 -Schwarzwald-Baar-Heuberg
Welche Folgen hat diese Entwicklung für die Versorgung der Patienten? Steckeler: Innovative Produkte aus Europa kommen erst später bei uns europäischen Pa- tienten an oder verschwinden sogar ganz vom europäischen Markt. Besonders kritisch ist das bei sogenannten Orphan Devices für seltene Anwendungen. Viele Hersteller haben solche Produkte eingestellt, obwohl der medizinische Bedarf besteht. Das zeigt: Die Regulierung darf nicht nur Sicherheit im Blick haben, sondern muss auch Versorgung ermöglichen. Warum denken inzwischen selbst familien- geführte Unternehmen über Produktions- verlagerungen nach? Butsch: Uns fehlen Fachkräfte, gleichzeitig steigen Regulierungskosten und Planungsun- sicherheit. Wenn man Arbeit hat, aber keine Leute findet, bleiben nur Automatisierung oder Produktion im Ausland. Das ist für viele Mittel- ständler eine schwierige, aber zunehmend rea- le Entscheidung. Steckeler: Die Unternehmen hier sind sehr standorttreu. Wenn familiengeführte Mittel- ständler trotzdem solche Schritte erwägen, dann ist der Druck so hoch, dass man einfach schauen muss, wie man das Unternehmen ver- lässlich in die Zukunft führen kann. Die MDR sollte Sicherheit schaffen und In- novation ermöglichen. Wo ist das System aus demGleichgewicht geraten? Steckeler: Patientensicherheit wurde zum allei- nigen Maßstab gemacht, ohne Auswirkungen auf Innovation und Versorgung mitzudenken. Auch langjährig bewährte Produkte mussten komplett neu dokumentiert und zugelassen werden. Das hat enorme Ressourcen gebun- den, ohne dass die Produkte dadurch sicherer geworden wären. Das waren sie schon vorher. Butsch: Ideen hätten wir genug, aber die Doku- mentationspflichten bremsen die Entwicklung massiv. Statt Prototypen zu bauen, schreiben wir zuerst Aktenordner. Tuttlingen gilt als Weltzentrumder Medizin- technik. Ist das heute noch ein Vorteil? Steckeler: Aber sicher: Vorteil und Brennglas. Know-how und Zusammenarbeit sind hier ein- zigartig, aber gleichzeitig zeigen sich die Prob- leme der Branche hier auch besonders deut- lich und sind Maßstab für ganz Europa. Butsch: Gleichzeitig werden viele Firmen von internationalen Investoren übernommen. Die Struktur familiengeführter Betriebe verändert sich bereits stark. Was müsste passieren, damit Entwicklung und Produktion auch künftig in Tuttlingen bleiben? Steckeler: Die geplante MDR-Überarbeitung geht in die richtige Richtung: schnellere, plan- barere, kostengünstigere und weniger büro- kratische Verfahren. Es gibt für uns Punkte im Revisions-Vorschlag, die echte Gamechanger sind und keinesfalls wieder heraus verhandelt werden dürfen. Wir haben aber auch Punkte entdeckt, die genau in die richtige Richtung gehen, aber damit sie in der Praxis funktionie- ren, muss man noch ein bisschen nachbessern. In diesem Feedback-Prozess sind wir jetzt. Butsch: Auf jeden Fall die Zulassungsverfah- ren vereinfachen und vor allem günstiger ma- chen. Und wir brauchen wieder junge Leute, die Freude daran haben, chirurgische Instrumente herzustellen. Interview: Berthold Merkle Info Medical Mountains ist eine gemeinsameGesellschaft der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg, dem Land- kreis Tuttlingen und weiteren Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft. Mit Sitz in Tuttlingen vernetzt sie Unternehmen aus der Medizintechnik miteinander und koordiniert die Interessensvertretung für die Branche. Die Auswirkungen der Medizin- produkteverordnung wurden im Herbst 2025 erhoben und sind hier zu finden:
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