Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Mai'25 -Südlicher Oberrhein
21 5 | 2025 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten Förderpreisträgerin Julie Marlene Sellin Gegen den Strom W enn die Eltern beide studiert haben, der eigene Ehemann gerade seine Pro- motion abgeschlossen hat … sollte man dann nach seiner handwerklichen Ausbildung nicht vielleicht doch selbst mal an die Uni? Nein, sagte sich Julie Marlene Sellin. Sie hatte nach ihrem Abitur in Berlin erst einmal Konditorin gelernt – einfach, weil sie als Kind schon sehr gerne gebacken hatte. Ihr zweiter beruflicher Weg war dann wiederum eine Ausbildung – und zwar im Büromanagement. Die schloss sie als Landesbeste ab und erhielt dann auch noch den IHK-Förderpreis Büromanagement der Volker Homann Stiftung Freiburg. Dazwi- schen liegt allerdings eine recht besondere Geschichte der Entscheidungsfindung. Als Julie Marlene Sellin nach ihrer ersten Aus- bildung mit ihrem Ehemann von Berlin nach Freiburg zog, blieb sie erst einmal in ihrem Job und arbeitete zunächst in der Hotelle- rie. Schließlich hatte sie im Marriott Hotel in Berlin gelernt. Dann wechselte sie in ein klassisches Café, und es kamen tatsächlich gleich eine ganze Reihe von Fragen auf: Soll mein Leben so weitergehen? Will ich mich weiter unterbezahlt fühlen? Bleibe ich die nächsten 40 Jahre Konditorin – oder wäre jetzt nicht vielleicht doch ein Studium fällig? „Bei diesem Gedanken stellten sich sofort eine ganze Reihe von Argumenten dagegen ein“, erinnert sich Sellin. „Ich hatte Angst vor dem stundenlangen Sitzen in einer Vor- lesung – einfach, weil ich da schon einige Jahre Berufsleben hinter mir hatte, das auch von ziemlich viel Bewegung geprägt ist.“ Julie Marlene Sellin schaute sich die Möglichkei- ten des dualen Studiums an der DHBW Lör- rach trotzdem an und verwarf diese Option dann aus ganz praktischen Gründen: „Ich wollte nicht pendeln, ich wollte definitiv auch nicht alle drei Monate in einer WG wohnen, und es war für mich sehr viel passender, nach weniger als zwei Jahren meinen Abschluss zu haben, statt drei Jahre in finanzieller Abhän- gigkeit zu sein.“ Vom Café zur Post Also entschied sich die Konditorin für ei- nen Wechsel ins Büromanagement und da- mit für eine Lehre bei der Deutschen Post. „Ich hatte die Überzeugung, dass die Post als ehemaliges Staatsunternehmen einfach nicht so ausbeuterisch sein würde wie man- che Einzelunternehmen.“ Dass sie dank dieser Wahl nicht nur bei einem von ihr als exzellent empfundenen Ausbilder landete, sondern dass sich dieser auch als ebenso großartiger Arbeitgeber erweist, darüber äu- ßerte sie sich auch in einem Interview mit der Badischen Zeitung. Darin gab sie sich über- zeugt, an der richtigen Stelle zu sein: „Ich finde es toll, wie gut wir tariflich organisiert sind“, wird sie zitiert, und untermauert dies mit der Erfahrung, dass ein Post-Austräger ohne Abschluss ein ähnliches Einstiegsgehalt hat, wie sie einst als Konditorin. An der Karriere weiterbasteln Auch wenn sie im Briefzentrum Hochdorf mittlerweile das Bewerbermanagement verantwortet, Recruiting-Kampagnen or- ganisiert, ihren Arbeitgeber auf Messen repräsentiert, die Bedarfe der Niederlas- sungen vom Oberrhein bis in die Ortenau checkt und damit dafür sorgt, dass im Post- leitzahlengebiet 77 bis 79 genug Personal verfügbar ist, was man mit einer Budgetver- antwortung von mehreren hunderttausend Euro gleichsetzen darf – an ihrer Karriere wird sie weiterarbeiten. Nicht zuletzt, weil das Förderpreisgeld genau dafür investiert werden will: „Im Oktober beginne ich meine Weiterbildung als Wirtschaftsfachwirtin an der IHK-Akademie“, blickt sie freudig in die Zukunft. Doris Geiger Die Förderpreisträger der IHK sind nicht nur Auszubildende mit guten Leistungen – es sind auch junge Menschen, die mit einer ganz besonderen Haltung in ihr Berufsleben starten. In einer Serie stellen wir diese außergewöhnlichen jungen Leute vor. Julie Marlene Sellin nutzt ihr Förderpreisgeld für eine Weiterbildung an der IHK-Akademie. Bild: Markus Schwerer
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