Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe November'20 -Südlicher Oberrhein
20 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 11 | 2020 REGIO REPORT IHK Südlicher Oberrhein 1880 wurde die Kammer gegründet, aber es dauerte mehr als 100 Jahre, bis 1993 das erste Mal eine Frau für die Vollver sammlung kandidierte. Warum, glauben Sie, zögerten die Damen so lange? Nina Hartmann: Ich denke, die Erklärung da- für findet sich an mehreren Stellen: Zum ei- nen gab es lange und gibt es immer noch we- niger frauengeführte Unternehmen. Frauen waren und sind seltener in den Führungsebe- nen anzutreffen, und das ist ja die Zugangs- vorausetzung für die IHK-Vollversammlung. Zudem ist die Hürde, in ein reines Männer- gremium zu kommen, für die ersten Frauen immer besonders hoch. Schließlich trauen sich Frauen oft zu wenig zu. Man muss sie ermutigen, sich für Ämter zu bewerben. Sie haben einen sehr großen Anspruch an sich selbst und lassen sich davon häufig unnötig abschrecken. Welchen Anteil haben weibliche Führungs kräfte mittlerweile in der Wirtschaft? Laut dem Mittelstandspanel der KfW werden etwa 16 Prozent der kleinen und mittelgro- ßen Unternehmen von Frauen geführt. Der Frauenanteil in den Vorständen der Groß- unternehmen beträgt knapp zehn Prozent. Was macht der VdU, um mehr Frauen zu motivieren, unternehmerisch tätig zu sein? Der VdU hat diverse Anknüpfungspunkte. Wir motivieren Frauen, in Mint-Berufe oder gene- rell in lukrative Berufsrichtungen zu gehen. Frauen neigen ja zu sozialen und schlechter bezahlten Tätigkeiten. Wir wollen sie ermuti- gen, eine Karriere und finanzielle Unabängi- geit anzustreben. Und wir ermutigen sie auch, in die Verantwortung zu gehen, zum Beispiel im elterlichen Unternehmen, und haben dafür den Nextgeneration Award ausgeschrieben. Uns geht es außerdem darum, erfolgreiche Frauen als Vorbilder sichtbar zu machen - bei- spielsweise bei Diskussionen und Preisver- leihungen oder mit der Veranstaltungsreihe Women Leadership der Uni Freiburg, die wir unterstützen. Und es ist uns ein besonderes Anliegen, dass Frauen in Gremien vertreten sind. Je mehr Frauen sichtbar sind, desto mehr werden junge Frauen ermutigt, diesen Weg einzuschlagen. Sie sollen nicht denken, dass sie sich entscheiden müssen zwischen Kindern und Karriere. Es ist mir ein beson- deres Anliegen, klar zu machen, dass Frauen Familie und Unternehmertum verbinden kön- nen – wenn sie lernen, Aufgaben zu delegie- ren. Im Unternehmen und daheim. Wie unterscheiden sich Frauen und Män ner in Führungspositionen? Moderne Führung kommt der Art, wie Frau- en führen, sehr entgegen. Denn es geht da- rum, auf das Individuum, auf den Menschen individuell einzugehen, ihn als Ganzes zu betrachten mit all seinen Ängsten und Sor- gen – Stichwort: Work-Life-Balance. Außer- dem liegt Frauen das Sinnstiftende sehr am Herzen. Beide Aspekte gewinnen an Bedeu- tung, weil es an Fachkräften mangelt und sich immer mehr Menschen entscheiden können, welchen Job sie machen. Es gibt natürlich auch Männer, die so führen können. Warum sollten sich mehr Unter nehmerinnen in der IHK engagieren? Weil die IHK ein wichtiges Gremium ist, das durch die Pflichtmitgliedschaft eine gewich- tige Rolle in der Wirtschaft und Politik hat, dessen Stimme für die Region und die Un- ternehmen spricht. Da sollte auch die Per- spektive von Unternehmerinnen abgebildet sein. Deshalb haben wir unsere Mitglieder über die anstehende Vollversammlungswahl informiert und sie dazu ermuntert, über eine Kandidatur nachzudenken. Interview: kat ZUR PERSON Nina Hartmann (49) leitet den Landes- verband Baden des Verbands deutscher Unternehmerinnen (VdU). Die Juristin ist in einer Unternehmerfamilie aufge- wachsen: Ihr Vater Manfred Karle hat den Versicherungsmakler Südvers in Au bei Freiburg gekauft und aufgebaut, den ihr Bruder Florian heute in zweiter Gene- ration leitet. Nina Hartmann arbeitet als Prokuristin bei Südvers. Zudem betreibt die Mutter von drei Söhnen gemeinsam mit ihrem Mann Peter Hartmann den In- doorspielplatz Nepomuks Kinderwelt in Neuenburg. » Als Vorbilder sichtbar machen « Zwar hat sich ihre Zahl in den vergangenen Wahlperioden kontinuierlich erhöht, doch noch immer sind Frauen in der IHK- Vollversammlung deutlich in der Minderheit. Lediglich 12 der 50 Mitglieder sind Frauen, weniger als ein Viertel. Das würde Nina Hartmann gerne ändern. Die Landesvorsitzende des Verbands deutscher Unternehmerinnen (VdU) wirbt für mehr weibliche Präsenz in den IHK-Gremien. Hinweis: Nina Hartmann kandidiert nicht für die IHK-Vollversammlung – im Gegensatz zu allen zwölf Frauen, die aktuell der Vollversammlung ange- hören und sich für eine Wiederwahl bewerben wollen. Kandidaturen für die IHK-Wahl 2021 können noch bis einschließlich 18. November eingereicht werden. Alle Informatio- nen dazu unter www.ihk2021.de
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