Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Mai/Juni'20 - Hochrhein-Bodensee
31 5+6 | 2020 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten IHK Hochrhein-Bodensee REGIO REPORT für eine Leere entsteht, wenn direkte soziale Kontakte unterbunden werden. Pijanka: Das ist bemerkenswert. Es kursierten in den sozialen Medien unglaublich viele Videos aus Italien, wo sich Sänger, Musiker und ganz normale Leute auf ihre Balkone stellten und zusammen Musik machten. Offensichtlich gibt es ein Bedürfnis der Teilhabe an Kultur. Es ist ein ganz natürliches Bedürfnis der Men- schen, sich auszudrücken und Gemeinschaft zu kre- ieren, wo sie eigentlich unterbunden wird. Ich finde das unglaublich bewegend und auch berührend. Kultur ist also doch etwas Natürliches und nicht einfach nur Institutionalisiertes. Wagner: Wenn Kultur also ein Grundbedürfnis ist, dann heißt das ja, dass sie auch für das Überleben einer Innenstadt ganz wichtig ist. Sobald man sie nicht mehr hat, verändert sich eine Stadt. Marx: Nein, schlimmer, dann ist es gar keine Stadt. Dann ist es nur eine Ansammlung von Straßen und Behausungen. Pijanka: Es gibt Studien dazu, wie die Kultur eine Stadtentwicklung beeinflusst. Dass es zum Beispiel zur Entscheidung beiträgt, in einer Stadt eine Stelle anzunehmen, weil man diese Art von Lebenskultur und -qualität haben möchte. Kultur und Handel sind dabei wie Rädchen, die ineinandergreifen. Menschen, die zum Beispiel ins Konzert unserer Philharmonie gehen, gehen vorher noch einkaufen oder danach in die Gas- tronomie und trinken ein Glas Wein. Wirtschaft und Kultur gehören zusammen und greifen im Idealfall inei- nander. Eine lebendige Stadt braucht beide Elemente, um sich zu entwickeln. Marx: Ich habe im Kontext der Digitalisierung einmal gesagt, dass die Stadt optional geworden sei, weil man sie rein technisch nicht mehr braucht, um diese Funktionen abzubilden. Sie können anstatt auf den Wochenmarkt zu gehen, auch online shoppen, anstatt Essen zu gehen, einen Lieferdienst anrufen und an- statt ins Kino zu gehen, streamen. Geht alles von zu Hause aus. Heißt aber nicht, dass die Stadt obsolet geworden ist. Sie muss sich nur neu definieren und behaupten, weil es für immer mehr Bedürfnisse eine digitale Alternative gibt. Wie Städte aussähen, wenn alle Menschen in die digitale Welt abgleiten würden, will sich keiner ausmalen. Pijanka: Zumal wir unter Corona den Verlust gespürt haben. Eigentlich sollte man sagen, wir sind heutzutage so aufgestellt, dass wir zu Hause bleiben könnten und fast alles digital regeln. Doch auf einmal merken wir: Es ist nicht das Gleiche. Die persönliche Begegnung fehlt. Und die Städte sind ein Ort persönlicher Begegnung. Das ist eine sehr spannende Erfahrung. Wagner: Sprechen wir von der Zeit nach Corona. Was kann Wirtschaft leisten, damit Konstanz auch in Zukunft lebendig und interessant bleibt? Marx: Eine Stadt braucht eine individuelle, eine au- thentische Aufenthaltsqualität. Das ist das Stichwort. Menschen kommen von der Peripherie ins Zentrum, halten sich dort auf und gehen wieder. Entscheidend ist, welche Erfahrung sie dazwischen machen. Wirt- schaft spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Menschen kommen auf den Markt, das war im weitesten Sin- ne schon immer so. Es wird gekauft und verkauft, es wird gegessen, es wird Kultur genossen. Verwaltung, Geldgeschäfte, verschiedenste Dienstleistungen - das lässt sich nicht aufspalten, es ist ein Gesamtpaket von Funktionen. Dass es dafür inzwischen digitale Alterna- tiven gibt, ist ein Fakt, aber das eine darf das andere nicht ersetzen, sondern beide müssen koexistieren. Der Onlinehandel hat gewiss Vorteile, aber auch der lokale Handel kann seine Trümpfe ausspielen. Wenn ich etwa in einem guten Restaurant essen gehe, wird alles für mich zubereitet, von Hand und in diesem Moment, das ist es etwas anderes als eine Tiefkühlpizza. Und denselben Unterschied haben Sie zwischen einer Mu- sik, die originär aufgeführt wird, nur für den, der gerade in diesem einen Moment da ist, und der Musikkonserve, die man tausendmal abspielen kann. Das eine ist die Dosensuppe, das andere ist das Feinschmeckermenü, das eine ist einmalig und individuell, das andere beliebig und universell. Diesen Mehrwert muss auch der lokale Handel nutzen. Wenn er nur das anbieten würde, was auch der Onlinehandel kann, würde er verlieren. Es braucht einen Mehrwert, es braucht Erlebnisse - Auf- enthaltsqualität eben. Pijanka: Auch bei uns in der Branche wird seit längerer Zeit viel über Digitalisierung gesprochen, über Dinge wie Streamingdienste und Digital Concert Halls. Aber wenn ich zu Hause sitze und in meinem Fernseher ein Konzert sehe, hat es nichts mit einem realen Kon- zertbesuch zu tun. Unsere Stärke ist die Anwesen- heitskultur. Die Menschen, die zu uns kommen, die sind physisch vor Ort. Und das nicht alleine, sondern mit ganz vielen anderen. Sie sprechen in der Pause darüber, sie haben hinterher vielleicht die Möglich- keit, noch mit dem Künstler ein persönliches Wort zu wechseln. Wir sind Begegnungsstätten, wo Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Her- kunft zusammenkommen. Das ist etwas, das kann kein Streaming-Dienst, keine App herstellen. Wagner: Wie bewerten Sie die Zukunft der Konstan- zer Innenstadt? Pijanka: Die Konstanzer Innenstadt hat noch eine sehr hohe Lebensqualität, was das Angebot in Relation zu ihrer Größe betrifft. Dieser Qualität muss sie sich be- wusst sein, sie fördern und Entscheidungen treffen. Marx: Auch ich bin zuversichtlich, dass sich Konstanz positiv entwickelt. Die Rahmenbedingungen sind ex- zellent und als Stadt ist Konstanz eine Perle - wie sie liegt, wie sie aufgestellt ist, wie sie sich entwickelt hat. Danach würden sich viele andere die Finger schlecken. Und das Wichtigste: Sie hat ihr Pulver noch lange nicht verschossen! Ich bin überzeugt, dass sich diese Stadt in den nächsten zehn Jahren stärker und markanter entwickeln wird als in den 20 Jahren zuvor. Zum Guten, versteht sich. Interview: Heike Wagner »Eine Stadt braucht eine individuelle, eine authentische Aufenthaltsqua- lität. Das ist das Stichwort« Claudius Marx »Unsere Stärke ist die Anwesen- heitskultur. Die Menschen, die zu uns kommen, die sind physisch vor Ort. Und das nicht alleine, sondern mit ganz vielen anderen« Insa Pijanka
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