Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe April'20 -Schwarzwald-Baar-Heuberg
19 4 | 2020 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten IHK-PRÄSIDENTIN Birgit Hakenjos-Boyd zur Coronakrise Frau Hakenjos-Boyd, welche Reaktionen seitens der Unter- nehmen bekommen Sie auf die Coronakrise? Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich, aber allen gemein ist, dass der Ernst der Lage erkannt und reagiert wurde – je nach den Erfordernissen des Betriebs. Aber, machen wir uns nichts vor: Aktuell stellt sich die Existenzfrage für ganze Branchen und Betriebe – und das ohne eigenes Verschulden. Wie sehen Sie die Lage jetzt im Vergleich zur Finanzkrise 2008? Unter dem Strich ist die Herausforderung für die Unternehmen und die Belegschaften ähnlich dramatisch. Da darf man nicht um den heißen Brei reden und nichts beschönigen: Das ist ein heftiger Schock für unsere Volkswirtschaft. Wir als IHK unter- stützen unsere Betriebe, wo wir nur können. Welche Maßnahmen sind nun notwendig, um die Unterneh- men zu unterstützen? Kurzarbeit und Liquiditätshilfen haben sich bereits in der Finanz- krise vor zehn Jahren bewährt - deshalb begrüßen wir auch die Flexibilisierung der Kriterien zur Kurzarbeit, um unsere Arbeitneh- mer im Betrieb zu halten. Wir haben dadurch die Chance, besser durch diese extreme Krise zu kommen. Klar ist aber auch, dass Programme, die für normale Zeiten entwickelt wurden, in der Krise keine ausreichenden Fallschirme darstellen. Das Gesamtpaket der Bundesregierung mit unbegrenzter Liquiditätshilfe ist ein wichtiges Signal, das unsere Unternehmen brauchen. Es ist jetzt entschei- dend, eigentlich kerngesunde Unternehmen in dieser Sondersitu- ation mit Liquiditätshilfen zahlungs- und handlungsfähig zu halten. Richtig ist auch, den Soforthilfefonds für Solo-Selbstständige und Kleinunternehmen zu ergänzen. Wenn der Umsatz über Nacht auf Null rauscht, stehen sonst hunderttausende Unternehmen, Kleinstbetriebe und Solo-Selbstständige innerhalb von Wochen vor dem Nichts. Sie brauchen jetzt eine Perspektive, mit ihrem Geschäft die unverschuldete Coronakrise die nächsten Monate überstehen zu können. Für den Staat lohnt es, dabei eher zu klot- zen als zu kleckern. Der Notfallfonds und die Krediterleichterungen kommen jetzt für die meisten Betroffenen wohl noch rechtzeitig. Wagen Sie einen Ausblick: Wie lange wird uns das Thema beschäftigen? Die Krise macht deutlich, dass die Globalisierung nicht nur Vorteile bringt. Die geplanten Hilfen werden entgangene Gewinne nicht ersetzen können. Aber sie sind ein wichtiger Beitrag dazu, während der Krise die notwendige wirtschaftliche Basis unseres Landes erhalten und danach schneller wieder aufbauen zu können. Nur mit einem gewissen Maß an proaktivem Handeln und an Zuversicht werden wir diese große Herausforderung meistern. Das ist ein großer Test für unsere Gesellschaft und unseren Zusammenhalt. Interview: Matthias Schanz/Christian Beck Dominoeffekte über alle Wirtschaftszweige und Be- triebsgrößen hinweg. W ie sich die Unternehmen vorbereiten Viele Unternehmen treffen Vorkehrungen gegen die Verbreitung des Coronavirus. Das reicht von Hygiene- vorschriften wie „richtigem“ Händewaschen oder Nie- sen und Sicherheitsvorschriften bei Anlieferungen und Abholungen bis zur beruflichen und privaten Mobilität der Mitarbeiter: Verzicht auf vermeidbare Reisen und Kontakte, stattdessen digitale Kommunikation via Skype oder Teams. 43 Prozent der in der IHK-Studie befragten Unternehmen in Baden-Württemberg melden, dass sie ihre Reisetätigkeiten einschränken, und knapp 38 Pro- zent sagen Messen und Veranstal- tungen als Schutzmaßnahmen ab. So werden Reisen zu Lieferanten, Kunden, Fortbildungen et cetera auf das Notwendigste reduziert. Vielfach werden externe Besuche an die Firmenstandorte vermie- den, technische und vertriebliche Schulungen im Haus abgesagt oder wenn möglich durch Video- konferenzen ersetzt. Die Mitarbei- ter sowie das Reinigungspersonal werden zu intensiven Hygiene- maßnahmen angewiesen. Neben diesen konkreten Handlungsanweisungen heißt es für Unternehmen, sich umfassend zu informieren und mit Partnern, Dienstleistern und Unternehmen im aktiven Austausch zu bleiben, sagt Thomas Albiez. An- gesichts der aktuellen Entwicklungen werde vielfach eine interne Task Force eingerichtet, die sich in kurzen Abständen zur Lage und deren Dynamik austauscht, um Maßnahmen abzuleiten. „Wir halten es grundsätzlich für sehr wichtig, Ruhe auszustrahlen, zu informieren und Bewusstsein zu schaffen“, sagt der IHK-Hauptgeschäfts- führer. Thomas Albiez ist überzeugt: „Gesundheitsbehör- den, Politik, Wirtschaft und Bevölkerung können diese Herausforderung meistern, wenn wir alle besonnen und kooperativ agieren. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass das Schadenspotenzial, das in unangemessenem oder gar panischem Verhalten liegt, größer ist als das des Virus selbst.“ doe/bk Matthias Schanz, Hauptgeschäftsführung 07721 922-485 schanz@vs.ihk.de Michael Steiger Vorsitzender IHK- Tourismusausschuss
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