Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Mai'19 - Schwarzwald-Baar-Heuberg

5 | 2019 Wirtschaft im Südwesten 21 Silicon Valley. Das ist städtisch gesehen ja auch nicht das Mekka. Beim Fachkräftenachwuchs sieht es doch gut aus. Die Messe Jobs for Future, die Sie kürzlich eröffnet haben, verzeichnete eine Rekordzahl an Besuchern. Absolut. Und wir haben es geschafft, die Auszubildendenzahlen nochmal zu steigern. Entscheiden sich auch mehr Mädchen für technische Berufe? Das versuchen wir, sind aber noch weit von der Parität entfernt. Wenn man sich die Schulnoten anguckt, sind Mädchen sehr oft besser, egal ob in Mathe oder Physik. Aber sie trauen sich immer noch nicht zu, in MINT- Berufe einzusteigen. Schade. Sie als IHK-Präsidentin könnten da eine Vorbildrolle einnehmen, zumal Sie selbst eine technische Ausbildung absolviert haben. Wollen Sie das? Würde ich schon gerne. Man sieht ja auch, dass es möglich ist mit einer Ausbildung - oder in meinem Fall zwei - Karriere zu ma- chen. Das darf ruhig Ansporn sein. Nachfolge ist Ihr drittes großes Thema. Angesichts des guten Arbeitsmarktes lässt der Gründungswille aktuell nach ... Natürlich würde ich mir mehr Gründungen wünschen. Gründung bedeutet auch gleich- zeitig mehr Innovationen, neue Ideen, jüngere Leute und dass Absolventen der Hochschule Furtwangen hierbleiben und sich niederlas- sen. Genügend Nachfolgemöglichkeiten gäbe es. Ich kenne 80-jährige Unternehmer, die immer noch arbeiten. Die sollten sich helfen lassen, damit jüngere Chancensucher ihre Möglichkeiten bekommen. Sie sind vor einem Jahr in der IHK von Null auf Hundert gestartet, waren davor nicht mal Vollversammlungsmitglied. War Ihnen damals bewusst, wofür die IHK steht? Nein, ich war überwältigt von der Fülle der IHK-Aufgaben. Deshalb habe ich am Anfang auch überlegt, ob ich das schaffen kann vom Pensum her. Weil die IHK so eine Tiefe anbie- tet, Unterstützung für Unternehmen in allen erdenklichen Lebenslagen – ob im Ausland über die AHKs oder in Berlin als Interessen- vertretung für unsere Mitgliedsunternehmen. Das habe ich ja jetzt gesehen: Beim DIHK im Berliner Haus der Wirtschaft gehen die Politi- ker jeden Tag ein und aus. Das ist spannend, und die Kollegen vom DIHK machen wirklich einen guten Job. Sie versuchen, alle mögli- chen Leute an einen Tisch zu kriegen. Was für einen Einfluss die IHKs haben, war mir so nicht bewusst. Wenn man sich da reinkniet, kann man wirklich was tun. Wenn Sie die IHK gar nicht so gut kannten – was hat Sie dann zur Kandidatur für die Vollversammlung bewogen? Meine Unternehmerkollegin Bettina Schuler- Kargoll. Sie hat gesagt: Du machst das. Betti- na und ich treffen uns mit noch zwei weiteren Damen einmal im Monat zum sogenannten Frauen-Power-Mittagessen. Und irgendwann hat sie mich gefragt, ob ich Lust hätte und mir das vorstellen könnte. Ich hörte da gera- de als Beirat beim WVIB auf, weil dieses Amt auf zwölf Jahre begrenzt ist. Und mein Sohn ist ausgezogen. Deshalb habe ich gedacht, ich habe mehr Zeit und kann in die Vollver- sammlung gehen. So hat es angefangen. Und dann kam’s ja nochmal anders. Als IHK-Präsidentin sind Sie nun auch Mit- glied der DIHK-Vollversammlung in Berlin. Wie haben Sie Ihre bislang zwei Sitzungen erlebt? Haben Sie die neun anderen Präsi- dentinnen kennengelernt? Ich wurde ganz toll aufgenommen. Aber ich habe natürlich noch lange nicht alle ken- nengelernt. In Berlin hatten wir extra einen Präsidentinnentisch. Ich fühle mich dort sehr wohl, die Gespräche sind super interessant. Ihr Fazit nach einem Jahr IHK-Präsident- schaft – mehr Lust oder mehr Last? Mehr Lust. Weil ich echt tolle Leute kennen- lerne. Die Themen, von denen ich denke, die sind für die Region wichtig, mache ich gern, wenn ich persönlich etwas dazu beitragen kann. Da bin ich immer noch Feuer und Flam- me, das macht mir Spaß. Wir sind noch lange nicht am Ende mit unserem Programm. Es ist wichtig, dass wir die Themen gebündelt anpacken, dass die Leute wissen, an welchen Strängen sie ziehen sollen, dass nicht alle in unterschiedliche Richtungen ziehen. Es wird auch immer wieder neue Themen geben wie jetzt die Europapolitik. Wer weiß, was nächs- tes Jahr kommt. Interview: kat/bk »Mit Ausbildung Karriere machen: Das darf ruhig Ansporn sein« ZUR PERSON Birgit Hakenjos-Boyd (53) ist seit 2018 Präsidentin der IHK Schwarzwald-Baar- Heuberg und seit 2002 Geschäftsführe- rin der Hakos GmbH in Schwenningen. Das 1910 gegründete Unternehmen fertigt Spritzgießwerkzeug-Komponen- ten für den Formenbau, Einzelteile im µ-Bereich für den Maschinenbau sowie Sondergewindebohrer. Es beschäftigt aktuell etwa 70 Mitarbeiter und setzte 2018 rund sieben Millionen Euro um. Birgit Hakenjos-Boyd ist 1985 in den Fa- milienbetrieb eingestiegen, nachdem sie Ausbildungen zur Feinwerkmechanikerin und zur Industriekauffrau abgeschlossen hatte. Die Unternehmerin ist in zweiter Ehe mit einem Briten verheiratet. Ihr 20-jähriger Sohn studiert Technische Volkswirtschaft am KIT in Karlsruhe. Bild: Lothar Kraus

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ2MDE5