Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Mai'19 - Schwarzwald-Baar-Heuberg

Wirtschaft im Südwesten 5 | 2019 20 REGIO REPORT IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg Sie sind jetzt seit einem Jahr IHK-Präsi- dentin. Was hat sich in diesem Jahr für Sie verändert, was für Ihr Unternehmen? Meine Medienpräsenz ist deutlich größer ge- worden. Das hätte ich mir nicht so vorgestellt. Ich habe mich anfangs gewundert, wie viel ich in der Presse vorkam. Für meine Firma kann ich sagen – vor allem was die Mitarbei- terrekrutierung anbelangt – werden wir jetzt gleich gesehen wie die großen Firmen. Da hab ich jetzt durch die IHK-Präsidentschaft einen höheren Stellenwert auf dem Arbeitsmarkt bekommen. Wir sind ja nur 70 Mitarbeiter stark, da ist eine solche Situation im Moment Gold wert. Ich habe sehr schnell sämtliche Azubis verpflichtet, das ist schon toll. Wie organisieren Sie sich jetzt mit Ihrem ehrenamtlichen Zusatzjob? Ich mache viel am Wochenende: Alles, was ich vorbereiten kann und durchlesen sollte, weil ich dafür unter der Woche keine Luft habe. Ich habe festgestellt, dass das Haupt- amt der IHK sehr gut organisiert ist. Dennoch kann ich meine Ideen problemlos einbringen. Aber das Tagesgeschäft läuft von allein, wie ein Zahnrad. Da brauche ich mich als Präsi- dentin gar nicht einmischen. Welche Themen liegen Ihnen am Herzen? Für mich sind die Standortentwicklung, die Fachkräftegewinnung und die Nachfolgerege- lung ganz wichtig, daran möchte ich arbeiten. Momentan brennt mir auch das Thema Eu- ropa und Europawahl unter den Nägeln. Das ist ein weiterer Schwerpunkt unserer Arbeit in diesem Jahr. Bei der Vollversammlung hat jedes Mitglied Plakate in die Hand gedrückt bekommen, die sie persönlich in ihren Unter- nehmen aufhängen und Gespräche mit ihren Mitarbeitern führen sollen, dass die einfach zur Wahl gehen. Denn es kann entscheidend sein, wie viele Wähler tatsächlich zur Urne ge- hen. Die Unzufriedenen gehen auf jeden Fall, deswegen müssen wir diejenigen mobilisie- ren, die zufrieden sind und die in Europa die Chance für den Erhalt unseres Wohlstands sehen. Ich wünsche mir, dass die Europawahl zugunsten Europas ausgeht, dass nicht der Populismus siegt. In Europa steht aktuell nicht nur die Wahl auf der Agenda, sondern auch der Brexit. Mein Mann ist Engländer, der Brexit ist bei uns natürlich allgegenwärtig. Er hat jetzt übrigens die deutsche Staatsbürgerschaft angenom- men. Im Spiegel stand: Die Briten werden von Pragmatikern zu Träumern, und das ist wirklich wahr. Die träumen vor sich hin. Natürlich ist Europa nicht perfekt, aber es ist das einzige System, das ich mir für die Zukunft des Kon- tinents vorstellen kann. Wir müssen daran ar- beiten, dass es nicht auseinanderbricht. Finden Sie die EU gerecht? Es gibt kaum gerechte Systeme. Auch in Deutschland werden sicherlich nicht alle gleichberechtigt behandelt – das fängt ja schon beim Verhältnis zwischen Mann und Frau an. Da haben wir auch nach wie vor Handlungsbedarf. Ich finde aber, dass Euro- pa das gerechteste System ist, das wir haben können. Natürlich gibt es Zahler und Neh- mer. Deutschland ist zwar ein Zahler, aber wir profitieren dafür von den Exporten. Alle Volkswirtschaften in Europa müssten das ei- gentlich hinbekommen, auch Italien gebe ich noch lange nicht auf. Ich glaube an Europa, und ich finde es wert, dafür zu kämpfen. Das ist die einzige Zukunft, die ich sehe. Nur als Europa werden wir von den Großmächten Chi- na und USA wahrgenommen. Wenn wir nicht zusammenhalten, gehen wir komplett unter. Die Konjunktur schwächelt etwas. Merken Sie das schon in Ihrem Unternehmen? Die Nachfrage von unseren Kunden ist nach wie vor da, aber wir müssen mehr nachha- ken, wir kämpfen mehr um Aufträge als noch vor einem halben Jahr. Aber insgesamt läuft es immer noch gut. Ich bin Optimistin, ich glaube nicht so richtig an eine Rezession. Al- lerdings sehen wir auch, dass uns ein Struk- turwandel bevorsteht. Die Elektromobilität wird an Gewicht gewinnen, aber sie wird den Benziner nicht von heute auf morgen ver- drängen. Ich halte auch die Dieseldebatte für komplett überzogen. Der Diesel hat sei- ne Berechtigung genauso wie der Benziner, das Elektrofahrzeug und vielleicht auch die Brennstoffzelle. Ich glaube, es ist noch nicht entschieden, auf welche Mobilität wir uns einigen werden. Wir haben Kurzstrecken, wir haben Langstrecken. Wir müssen über alle Antriebssysteme nach wie vor nachdenken. Ich hoffe, dass diese teils üble Diskussion über die Mobilität, die bisher geführt wird, aufhört. Das gefällt mir gar nicht. Das ist zu wenig sachorientiert, und da hängen einfach zu viele Arbeitsplätze dran. Zum Thema Standort, Stichwort ländlicher Raum. Den Begriff mögen Sie nicht ... Nein, der ist einfach abwertend, und er passt nicht zu uns. Wir haben eine der höchsten Industriedichten in Europa mit Perlen an Firmen auf dem Heuberg, der Baar und im Schwarzwald, die ihresgleichen suchen. Die vielen Hidden Champions und Marktführer haben hohe Exportquoten, ihre Produkte sind auf der ganzen Welt gefragt. Wenn man sagt, die sind im ländlichen Raum, dann werden sie nicht mit 5G berücksichtigt oder beim Breitbandausbau. Gäubahn ist auch so ein Thema. Das klingt nach Bummelbahn und Ausflugszielen. Wenn die Strecke Transit Stuttgart-Zürich hieße, würde sie ganz anders wahrgenommen. Treibt Sie das Thema erst um, seit Sie IHK-Präsidentin sind, oder schon länger? Das treibt mich eigentlich schon immer um, weil das ja auch mit der Fachkräftezuwande- rung zu tun hat. Wenn einer in der Großstadt studiert, will der dann wirklich zurück in den sogenannten ländlichen Raum? Deswegen müssen wir uns Technologieraum nennen oder Hightech oder etwas ähnliches wie » Wir müssen die Themen gebündelt anpacken « Vor einem Jahr wählte die Voll- versammlung der IHK Schwarz- wald-Baar-Heuberg Birgit Haken- jos-Boyd zur Präsidentin. Wie sie als erste Frau in dieser Position ihr erstes Amtsjahr erlebt hat, welche Erfahrungen sie gemacht hat und welche Themen sie aktuell beschäftigen, erzählt die Geschäftsführerin des Schwen- ninger Präzisionswerkzeugher- stellers Hakos im Interview.

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