Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe 03/26 -Südlicher Oberrhein
Neue Strukturen für mehr Dynamik Wie kriegt man die Konjunktur wieder in Gang, macht Arbeit attraktiver und saniert dabei auch gleich noch die Staats nanzen? Antworten darauf hat der schwäbische Wirtschaftsprüfer Martin Wulf parat. Ein Gastbeitrag Steuern und so Martin Wulf hat als Wirtschaftsprüfer und Steuerberater die PKF Wulf Gruppe aufge- baut, mit Standorten in Freudenstadt, Schenken- zell und Vöhringen und im Großraum Stuttgart D eutschland diskutiert seit Monaten über höhere Einnahmen, neue Steuern und zusätzliche Ver- teilungsmechanismen. Dabei aber gerät eine zentrale Frage in den Hintergrund: Haben wir tatsächlich ein Einnahmeproblem oder ein Strukturproblem? Aus unternehmerischer Perspektive spricht vieles für Letzteres. Unsere wirtschaftliche Dynamik nimmt ab, In- vestitionen verlagern sich, bürokratische Lasten steigen und der Abstand zwischen Erwerbsarbeit und Transfer- leistungen wird im unteren Einkommensbereich zuneh- mend geringer wahrgenommen. Gleichzeitig verändert künstliche Intelligenz administrative Tätigkeiten grund- legend – während die demograsche Entwicklung die Sozialkassen belastet. Wenn wir diesen Herausforderungen begegnen wol- len, brauchen wir keine isolierten Einzelmaßnahmen. Wir brauchen eine strukturelle Neuordnung, einen Ord- nungsrahmen. Wie sich Arbeit wieder lohnen würde Eine funktionierende Marktwirtschaft basiert auf Leis- tungsanreizen. Wer arbeitet, muss nanziell spürbar bes- ser gestellt sein als jemand, der dauerhaft im Transfer- system verbleibt. DieseGrundregel ist keine soziale Härte, sondern ordnungspolitische Logik. Heute erleben wir im Niedriglohnbereich eine problema- tische Konstellation: Hohe Steuer- und Sozialabgaben treªen geringe Einkommen besonders stark. Gleichzeitig sind Transferleistungen, insbesondere bei Berücksichti- gung von Miet- und Nebenkosten, relativ hoch. Das führt nicht zwingend zu massenhaftem Arbeitsverzicht, wohl aber zu einer schleichenden Erosion des Leistungs- anreizes. Hinzu kommt ein struktureller Wandel durch künstliche Intelligenz. Bei administrativen Tätigkeiten könnten in den kommenden fünf Jahren erhebliche Beschäftigungs- potenziale entfallen. Gerade deshalb muss sich jede ver- bleibende Erwerbsarbeit lohnen. Ein Reformansatz wäre klar: Der steuerliche Grundfrei- betrag sollte vollständig steuer- und sozialabgabenfrei gestellt werden. Erst oberhalb der Schwelle von derzeit knapp 12500 Euro für Alleinstehende und 25000 Euro für Eheleute würden Beiträge erhoben. Gleichzeitig soll- te langfristige Erwerbsbiograe honoriert werden – etwa durch eine Mindestrente oberhalb des Bürgergeld- niveaus nach durchgehender Lebensarbeitsleistung. Es geht nicht um Kürzungen, sondern um eine klare Bot- schaft: Wertarbeit schaªt Wohlstand für den Einzelnen und für die Gesellschaft. Wie man Produktivvermögen schützen und Entnahmen besteuern kann Kaum ein Thema wird so emotional diskutiert wie die Ver- mögensbesteuerung. Und natürlich wirkt der Ruf nach einer Vermögensteuer auf den ersten Blick plausibel: Hohe Vermögen sollen stärker zur Finanzierung staatli- cher Aufgaben beitragen. Doch ökonomisch ist die jähr- liche Besteuerung von Substanz problematisch. Produktivvermögen ist kein statischer Geldspeicher, sondern Grundlage von Investitionen, Innovationen und Beschäftigung. Eine regelmäßige Substanzbesteuerung würde Liquidität aus Unternehmen abziehen – und das unabhängig davon, obGewinne tatsächlich ausgeschüt- tet werden. Ein e¥zienterer Weg läge in der Reform der Erb- schaft- und Schenkungsteuer. Anstelle komplexer Verschonungsregelungen, Lohnsummenfristen und Haltepichten könnte ein klarer Mechanismus treten: Betriebsvermögen wird grundsätzlich besteuert – die Steuer jedoch zinslos gestundet, solange das Kapital im Unternehmen gebunden bleibt. Fällig würde sie erst bei Ausschüttung oder Veräußerung. Damit würde Gleichbehandlung hergestellt: Wer Mittel entnimmt, zahlt. Wer investiert und Arbeitsplätze sichert, wird nicht durch Substanzabuss belastet. Eine solche Lösung verbindet Leistungsprinzip und Gerechtigkeits- Diskutieren Sie mit unserem Autor auf LinkedIn weiter Foto: PKF Wulf Gruppe Wirtschaft im Südwesten 3/2026 65
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