Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe 02/26 -Schwarzwald-Baar-Heuberg
B üffeln oder prompten, Hirn anstrengen oder Handy zücken und die KI die Hausaufgaben machen lassen? Diese alltägliche Versuchung macht auch vor Schülern und Azubis in der Region nicht halt – mit spürbaren Folgen in den Betrieben. Eine davon: Mit fast 30 Prozent* ist die aktuelle Ab- bruchquote bei Ausbildungen in Deutschland so hoch wie nie seit Beginn der Erhebungen 1996. Und während die Wirtschaft über fehlende Fachkräfte klagt, haben knapp drei Millionen junge Menschen keinen Berufs- abschluss. Wie Schule darauf reagieren und wie sie in Zeiten von KI aussehen sollte, damit beschäftigt sich der Lehrer und Autor Bob Blume. Er sagt: Auf die Lust am Lernen kommt es an – und plädiert dafür, Schulen anders zu interpretieren: als Orte, an denen sich Jugendliche entfalten können. Herr Blume, sollte ich noch mühevoll Englischvokabeln oder Länder- hauptstädte lernen, wenn die KI das viel schneller und einfacher für mich macht? Auf alle Fälle. Jede Form von Lernen ist mühevoll. Aber wenn wir uns nicht anstrengen müssen, lernen wir auch nichts. Wichtig ist, wie wir KI sinnvoll einsetzen. Momentan ändert künstliche Intelligenz die Art, wiewir lernen. Mindestens 65 Prozent der Kinder und Jugend- lichen nutzen KI in Schule und Ausbildung. Das kann dazu führen, dass Aufgaben auf den ersten Blick im- mer besser erledigt werden, aber unklar ist, ob sie auch verstanden wurden. Es stellt sich also die Frage: Wie gestalten wir Aufgaben so, dass sie nicht mit KI outge- sourct werden? Indem wir den Menschen in den Mit- telpunkt stellen. Und beispielsweise fragen: Wie gut ist dein Prompting? Welche Kompetenzen sollten junge Menschen ent- wickeln, um in einer Welt mit KI erfolgreich zu sein? Ehrlich gesagt, ich würde nicht von Kompetenzen spre- chen. Die reine Nutzungskompetenz für KI zu erlernen, ist easy peasy, das geht schnell. Ich würde von Haltung sprechen, einer Haltung des Interesses und der Bereit- schaft sich anzustrengen. Und wenn ich auf etwas Lust habe, will ich mich auch anstrengen und es ist Aufgabe von Schule, von Erwachsenen, das in den Mittelpunkt zu stellen. Was können Schulen, Berufsschulen und Ausbildungsbetriebe hier tun? Es geht vor allem darum, Inhalt mit schon vorhande- nem Interesse der jungen Leute zu verknüpfen. Ihnen neben dem, was gelernt werden muss - Lesen, Schrei- ben, Rechnen, Sozialkompetenz, kritisches Hinterfra- gen - auch Angebote zur Selbstwirksamkeit zu schaf- fen. AGs für Sport, für gesellschaftliches Engagement oder Naturwissenschaften zum Beispiel. Wichtig ist, dass das Angebot selbst ausgewählt werden kann und es nicht um Noten geht, sondern um Prozesse und Pro- jekte. Junge Leute brauchen etwas, wofür sie brennen, damit sie merken, dass Lernen auch Freude bereitet. Sehen Sie auch Risiken beim Einsatz von KI im Bil- dungsbereich? Ja, klar. Viele Chatbots wie ChatGPT führen Biases, also Voreingenommenheit, und Stereotypeweiter. Und die KI gibt auch Informationen, die falsch sind. Hinzu kommt die Gefahr von Skill Skipping: Kompetenzen werden nicht erworben, weil KI genutzt wird. Es muss also ein Grundverständnis beigebracht werden, welche Chancen und Risiken KI birgt. Findet das an Schulen statt? Ja, die Zeichen der Zeit wurden erkannt, in mehr als zehn Bundesländern wird Schul-KI eingesetzt. Es wird also daran gearbeitet. Foto: Oliver Forstner „Es muss ein Grundverständnis beigebracht werden, welche Chancen und Risiken KI birgt.“ Bob Blume, Lehrer und Bestseller-Autor Wirtschaft im Südwesten 2/2026 11 * Im Bereich der IHKs im Regierungsbezirk Freiburg liegt die Abbruchquote bei Ausbildungen deutliche niedriger, zum Ende 2025 bei um die 10 Prozent.
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