Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe 02/26 - Hochrhein-Bodensee
Wirtschaft im Südwesten 2/2026 63 Arbeitsrecht seit zwei Jahren in Villingen- Schwenningen ist – und seither pausenlos im Krisenmodus. Auch wenn sie primär die Inter- essen der Arbeitgeber im Blick hat – sie sieht auch die Beschäftigten, kennt deren Sorgen und Nöte. „DieMenschen haben ihr Leben dar- auf aufgebaut, in der Metallindustrie sichere Ar- beitsplätze zu haben. Und uns ist sehr bewusst, dass wir längst nicht alles auf dem Rücken der Beschäftigten ausgleichen können, was die Politik uns an Belastungen zumutet.“ Dass Deutschland mit die höchsten Energiepreise der Welt hat und entgegen aller Sonntagsreden immer noch mehr Bürokratie aufgebaut wird – da habe die Politik ihre Hausaufgaben zu machen. „Noch schaffen wir es vor Ort, dass wir die Zahl der Arbeitsplätze knapp stabil halten“, sagt Allramseder. „Aber deutschlandweit ver- schwinden aktuell jeden Monat 20000Arbeits- plätze in der Metall- und Elektroindustrie.“ Zauberformel: Pforzheimer Abkommen Die Gesprächsbereitschaft der IG Metall geht auf das Pforzheimer Abkommen zurück, das über Zusatzvereinbarungen zu Tarifverträgen individuelle Lösungen erst ermöglicht. „Das ist die Grundlage für Handlungsspielräume vor Ort“, sagt IG-Metall-Chef Thomas, 60. Seit 2003 ist er bei der Gewerkschaft, erst in Offen- burg, seit 2015 in Villingen-Schwenningen. Er weiß, was durch KI und Digitalisierung, Ver- brenner-Aus und Automotive-Krise gerade los ist – und wie groß die Angst vieler Beschäftigter ist. „Der Kittel brennt“, sagt er, weist aber auch L isa-Maria Allramseder hat viel zu tun in diesen Tagen. Fast im Wochentakt mel- det die Geschäftsführerin von Südwest- metall in Villingen-Schwenningen aktuell Ge- sprächsbedarf bei der IG Metall an. Mal geht es umdas Aussetzen von Sonderzahlungen wie Weihnachtsgeld, mal um unentgeltliche Mehr- arbeit oder Transformationsgeld. Immer aber ist der Background ähnlich: Es geht um Wege aus der Krise, um den Erhalt von Arbeitsplätzen und die Wettbewerbsfähigkeit der wichtigsten Industriebetriebe in der Region: die großen Player aus der Metall- und Elektroindustrie. Bitte keine Namen nennen… 150 Betriebe mit zusammen rund 50000 Be- schäftigten sind bei Lisa-Maria Allramseder organisiert. Für 13 dieser Betriebe sind seit Jah- resbeginn bereits Ergänzungsvereinbarungen zumMetall-Tarifvertrag vereinbart worden. Wer dabei ist? Geheim. Weder möchte die IGMetall hier Namen nennen – noch wollen die Arbeit- geber zugeben, dass ihnen wirtschaftlich das Wasser so sehr bis zum Hals steht, dass selbst die Gewerkschaft mit sich reden lässt. Lisa-Maria Allramseder würde das so deut- lich sicher nie formulieren, die aus Reutlingen stammende Juristin ist viel diplomatischer. „Wir erleben die Vertreter der IG Metall immer als gesprächsbereit – die blocken nicht, sondern wissen ganz genau, wie es in den Betrieben aussieht.“ Entsprechend gut sieht die Erfolgs- quote aus: 13 Abschlüsse bei 13 Verhandlungen – mehr geht nicht. Große Schlagzeilen machte hingegen ein Fall, der gar nicht von den Villin- gen-Schwenningen aus verhandelt wurde: Bei Aesculap in Tuttlingen einigten sich Arbeitge- ber und Beschäftigte mit den Tarifpartnern auf einen Zusatz zum Tarifvertrag, der den Weg für ein 90-Millionen-Investment freimachte: An den Investitionskosten der neuen Aesculap- Fabrik beteiligen sich die 3700 Beschäftigten mit zwei Stunden unentgeltlicher Mehrarbeit pro Woche – über die Laufzeit hochgerechnet summiert sich das auf rund 20 Millionen Euro. „Es geht um Wettbewerbsfähigkeit“, sagt Allramseder dazu, die als Fachanwältin für darauf hin, dass die Situation von Betrieb zu Be- trieb sehr verschieden sein kann. Während es beim einen noch immer „wie geschnitten Brot laufe“ sei man ein Fabriktor weiter schon kurz vor der Insolvenz. „Man muss sich immer die Situation vor Ort an- schauen, es gibt keine Standardlösung“, sagt Bleile und fügt hinzu: „Wir wollen die Zukunft der Betriebe sichern und haben eigentlich das gleiche Ziel wie die Arbeitgeber: Wir wollen, dass die Firmen Gewinn machen und sichere, gut bezahlte Arbeitsplätze bieten können.“ Um das zu erreichen, beißen Beschäftigte, Gewerkschaftler und die über jeden Deal ent- scheidende Mitgliederversammlung der IG Metall aktuell immer wieder in saure Äpfel und lassen Abweichungen vom Tarifvertrag in vor allem vier Kategorien zu: • Option A: unbezahlte Mehrarbeit. 38 statt 35 Wochenstunden, zum gleichen Lohn. Unterm Strich macht das den Faktor Arbeit um 10 Pro- zent günstiger. Die Schmerzgrenze der Gewerk- schaft: 40 Stunden. Alles darunter ist vorstell- bar, aber die große Vier markiert die rote Linie. • Option B: keinWeihnachts- oder Urlaubsgeld. Bis zu 100 Prozent Verzicht sind in Ausnahme- fällen drin, üblicher aber einigen sich die Tarif- parteien auf 10, 30 oder 50 Prozent der fälligen Zahlungen, meist verbunden mit Rückzah- lungsoptionen für den Fall, dass es wirtschaft- lich doch besser läuft als gedacht. • Option C: Die Arbeitszeit um bis zu fünf Stun- den absenken und dieGehälter anteilig kürzen, wenn dauerhaft nicht mehr genug Arbeit für alle da ist und die Option Kurzarbeit schon ge- zogen worden ist. Meist verbindet man dies mit einer Verrechnung der Sonderzahlung, umden Beschäftigten einen monatlich ähnlichen Ge- haltseingang zu ermöglichen, damit Miete und Lebenshaltungskosten gedeckt sind. Lisa-Marie Allramseder vertritt als Ge- schäftsführerin von Südwestmetall in Villingen-Schwen- ningen die Interessen von 150 Betrieben mit zusammen rund 50000 Beschäftigten Thomas Bleile, Chef der IG Metall Villingen-Schwenningen „Wir haben das gleiche Ziel wie die Arbeitgeber: Wir wollen, dass die Firmen Gewinn machen.“
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