Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe März'26 - Hochrhein-Bodensee

Hochrhein-Bodensee 1/2026 37 Ihr IHK-Ansprechpartner Felix Keller, Geschäftsfeld Existenzgründung und Unternehmensförderung, 07531/2860-135, felix.keller@konstanz.ihk.de E s zischt, als Patrick Schmitt seinen Grill- spachtel unter das Fleischpatty schiebt und es dreht. Der 36-Jährige steht an diesem Sonntagmittag an der Grillplatte in der Küche des Paddys, einem Burgerrestaurant in Zell im Wiesental. Seinem Paddys. Eröffnet im Mai 2024. Zur gleichen Zeit und gut 670 Kilo- meter weiter nördlich denkt Tizian Bonus noch nicht daran, ein Unternehmen zu gründen. Der promovierte Betriebswirt ist aber Teil der Ham- burger Gründerszene. So unterschiedlich Werdegang und Branchen sind, eines verbindet die zwei: Sie wurden zu Gründern, weil sie eigene Ideen umsetzen wollen. „Ihre Geschichten sind beispielhaft für viele andere Unternehmer im Südwesten“, sagt Felix Keller, Berater für Existenzgründer bei der IHK Hochrhein-Bodensee. Die große Leidenschaft: Gastro Patrick Schmitt entscheidet sich nach dem Abitur zunächst für die Ausbildung zum Physio­ therapeuten, ist im Job aber unzufrieden. Er macht eine Aufbauausbildung zum Fachlehrer, unterrichtet. Doch die Unzufriedenheit kehrt zurück, und er drückt den Reset-Knopf. Dann entscheidet er sich für seine „große Leiden- schaft“: die Gastronomie. Wobei das nur mög- lich wurde, weil seine Frau Tatjana die Entschei- dung unterstützte. Zurück zu Tizian Bonus. Er bewirbt sich nach dem Studium in Münster bei einer Unterneh- mensberatung und wechselt nach München. Er promoviert, zieht nach Stuttgart und stellt fest, dass er fürs Konzernleben nicht gemacht ist: „Ich bin jemand, der leidenschaftlich gerne Dinge aufbaut.“ Er geht zu einem Berliner Soft- ware-Start-up, zieht neun Jahre später mit der Familie nach Hamburg. DieGeburt des zweiten Kindes nutzt der heute 46-Jährige für ein Sab- batical und schmiedet Pläne. Die Familie zieht schließlich nach Konstanz, dort hat Tizian Bo- nus seine ersten fünf Lebensjahre verbracht. Sein Ziel: Mit künstlicher Intelligenz durchstar- ten und ein eigenes Unternehmen aufbauen. Mit der Kammer zum Foodtruck Für Patrick Schmitt beginnt der Weg in die Gastronomie mit einem Foodtruck: „Das ist mit weniger Anfangskapital, weniger Personal und weniger Infrastruktur verbunden – alsoweniger Risiko, mehr Flexibilität.“ Das nötigeWissen be- schafft er sich über die IHK und online: „Man kann fast alles vom Schreibtisch aus in Erfah- rung bringen, man muss sich nur trauen und Ausdauer haben.“ Ein halbes Jahr dauert der Ausbau des Trailers. „Gekauft wurde nur, was wir bezahlen konnten.“ Das ändert sich auch nicht, als der Foodtruck läuft. Als ihm angeboten wird, das Café zu mieten, schlägt er im Herbst 2023 zu. Sechs Monate dauert dessen Renovierung – ebenfalls in Eigenleistung und neben dem Betrieb des Foodtrucks. Gespräche mit der KI Tizian Bonus ist bei seinem KI-Geschäftsmodell geblieben und hat damit einen ganz anderen Ansatz als Schmitt gewählt. Los geht es im Juni 2025, nachdem er seinen Sohn in die Schule gebracht hatte. Er setzt sich mit dem Laptop in den Garten, startet ChatGPT und tippt: „Hallo, ich würde gern eine Firma gründen – und zwar in folgendem Bereich…“ Über zwei Monate sitzt er täglich stundenlang am Laptop und entwickelt seine Idee. „Ich weiß, wie B2B-Unternehmen über Wachstum nachdenken sollten und wie man eine kohärente Wachstumsstra- tegie vom Marketing über Presales, Sales und Post-Sales verknüpfen müsste. Da liegt eine riesige Business-Opportunity, weil es in vielen Unternehmen unfassbar schlecht gehandhabt wird.“ Wie man aber die passende Plattform baut, weiß er nicht. „Das Tolle an KI ist ja, dass es für wirklich wenig Geld Zugriff auf Wissen und Tools gibt, um eine Firma zu gründen und auf- zubauen.“ Auch er wagt die Gründung ohne Fremdkapi- tal. „Ja, der Druck ist da. Du läufst gegen deinen Dispokredit.“ Freie Tage sind Mangelware, sagt er: „Gründen ist nichts, was nur mit Freude zu tun hat. Auch mit Hilfe der KI geht nichts ein- fach so automatisch.“ Es gehe vielleicht schnel- ler, aber ganz ohne sei es auch mit der KI nicht. Im November gründet Bonus die Contebia.ai für Entwicklung, Betrieb und Vertrieb von Soft- ware-Lösungen und digitalen Plattformen, ins- besondere im Bereich künstlicher Intelligenz und Automatisierung – unterstützt von Exis- tenzgründerberater Felix Keller. Und er plant voraus: Noch im zweiten Quartal will er die ers- ten Mitarbeiter eingestellt haben. Patrick Schmitt hat diesen Schritt schon hinter sich. Er beschäftigt drei Vollzeitkräfte, zehn Mi- nijobber und ist zufrieden mit seiner Strategie: klein anfangen, organisch wachsen und dabei das Ziel nie aus den Augen verlieren. mrk Fotos: Patrick Merck Mit KI in die Selbstständigkeit: Tizian Bonus startet mit einer eigenen KI-Idee durch. „Ich bin nicht fürs Konzernleben gemacht, weil ich Dinge einfach leidenschaftlich gern aufbaue.“ Tizian Bonus, Gründer von Contebia.ai

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