Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Dezember'25 -Schwarzwald-Baar-Heuberg

Denn man Tau! Immer wieder erstaunlich, was bei uns im Südwesten alles hergestellt wird. Dieses Mal geht es mit dem Stockacher Tauwerk um 150 Jahre mit viel Handarbeit und Narrenpeitschen im digitalen Zeitalter. Taue und Seile vom Bodensee E in Meer aus Seilen hängt in Stockach bei der Firma Tauwerk von der Decke. Die Schnüre sind hunderte Meter lang, ne- onorange, hanfbeige oder dunkelblau, manche armdick, andere spindeldürr. Wer in den Laden der Familie Muer kommt, merkt schnell: Das hier ist kein Baumarkt-Klon, sondern ein Fach- geschäft mit Hang zur Handwerkskunst und viel Freude an der persönlichen Beratung. „Seil ist nicht gleicht Seil“, sagt Inhaber Bernhard Muer, der als Seilermeister eine der letzten Seilereien in Deutschland führt. Das Seilerhandwerk wie der Handel mit Tauen, Seilen und Stricken war einst ein gefragter Be- ruf – aber die Traditionsunternehmen werden inzwischen mehr und mehr von günstiger ar- beitenden Wettbewerbern aus Schwellenlän- dern und industriellen Produzenten be- und verdrängt. Auch bei Tauwerk spürt man das, wenngleich die Firma seit 1879 besteht. Früher stellte der Urgroßvater von Bernhard Muer in reiner Handarbeit Seile für die Land- wirtschaft her - heute produzieren drei Seiler- meister und ein Raum voller Flechtmaschinen Seile für Industrie, Spielgeräte und Boote. Die Nähe zum Bodensee macht Ankerleinen und Bootstaue, Schlepp- und Rettungsleinen ganz besonders gefragt, zudem geht es immer wie- der um Sonderanfertigungen. Rund 100 Tonnen Garn verschnüren die Muers jährlich zu Tauen und Seilen. Der Fo- kus liegt dabei auf Qualität und Maßarbeit, er- klärt der Seniorchef. „Wir produzieren nicht den Massenartikel, bei dem nur der Preis entschei- det.“ Bei Tauwerk zählt, was hält und was gefällt: Kunden können ihr Wunschseil kon˜gurieren von der Farbe (passend zum Bootslack) und dem Stil bis hin zur Tragfähigkeit. Menschen und Maschinen So entstehen jeden Tag etwa 30 Kilometer Seil in Stockach: Maschinen œechten, Menschen vollenden. Sie verschweißen Enden, knüpfen Anfänge und verpacken die Produkte. Für spe- zialgefertigte Narrenpeitschen setzt man aus- schließlich auf Handarbeit – die Käufer warten dafür gern einige Tage länger. Dafür können sie im Ladengeschäft ihre Seile vor dem Kauf anfassen, prüfen und sich persönlich beraten lassen. „Der Service ist gefragt“, sagt Muer. Nachfolge schon geregelt Das Konzept des Familienunternehmens funk- tioniert. Die Seilerei Tauwerk steht auch nach einigen Jahrzehnten noch stabil, während an- dere Firmen längst den Faden verloren haben. „Wir sind stolz darauf“, sagt Muer – und man sieht es ihm an. Bald will er das Ruder – oder besser: das Seil – an die fünfte Generation Muer übergeben. Seine Töchter Sophie, 26, und Helena, 30, sind schon in die Firma ein- gestiegen. Sophie als gelernte Seilerin, Helena als Wirtschaftsingenieurin. „Wir wurden nie ge- drängt“, betonen sie. Sie wollen einfach weiter- machen, was seit fast 150 Jahren hält: echte Handarbeit mit Seele. Oder kurz gesagt: Es ist die Tradition, die zieht. Carolin Johannsen Stockachs Reeperbahn Hinterm Haus der Firma Tauwerk werden noch immer Seile nach alter Väter Sitte gedreht. Foto: Tauwerk Wirtschaft im Südwesten 12/2025 74

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