Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Dezember'25 - Hochrhein-Bodensee
Wirtschaft im Südwesten 12/2025 64 S o ganz revolutionär neu ist die Idee mit fahrerlosen Transportsystemen nicht: Schon in der 1960er-Jahren stellte der Reutlinger Pionier Wagner Fördertechnik die ersten selbstfahrenden Hubwagen und Elekt- rostapler Deutschlands vor. Über Leitspuren im Boden fuhren sie durch die Halle – damals eine Messesensation. Doch erst Jahrzehnte später sollten FTS – oder Englisch Automated Guided Vehicles (AGV) – zur Erfolgsgeschichte werden. Moderne Sen- sorik, KI und Softwaresteuerung erlauben es den autonomen Fahrzeugen, nicht nur über Induktionsspuren, sondern völlig frei über Fir- mengelände zu fahren, autark Aufträge abzu- arbeiten, untereinander zu kommunizieren und dabei nicht ständig Unfälle zu bauen. In der Fachwelt spricht man ohne Induktionsspuren und Co dann auch nicht mehr von Fahrerlosen Transportsystemen, sondern von der nächsten Entwicklungsstufe, den Autonomen Mobilen Robotern (AMR). Per AGV mit 10 000 Tonnen nach Australien Im Einsatz sind AGV und AMR zum Beispiel beim Lörracher Automobilzulieferer ARaymond: In den weitläugen Produktionshallen sind seit 2019 fahrerlose Hubwagen des österreichi- schen Anbieters Agilox unterwegs. Sie brin- gen Paletten zu Maschinen und Fertigteile zur Rampe. Wie selbstverständlich fahren sie dabei über den Lift in die zweite Etage. Allein 2024 haben die Roboter mit 93000 Pickups rund 10000 Tonnen Material über 15000 Kilometer transportiert – das entspricht grob der Strecke nach Australien, nur eben in vielen tausend kleinen Etappen. Eine enorme Entlastung für die Mitarbeiter. In den Werken des Sanitärherstellers Hansgro- he in Willstätt und O¢enburg-Elgersweier sind mittlerweile 13 Agilox-Roboter unterwegs. Sie bringen Einzelteile aus dem Logistikzentrum in die Produktion und die fertigen Produkte wie- der zurück – auf Paletten oder in Boxen. „Das garantiert eine präzise Versorgung unserer Montagelinien“, sagt Stefan Jäger, technischer Projektleiter bei Hansgrohe. Ihn fasziniert vor allem die Schwarmintelligenz: „Unsere FTS stimmen sich ohne zentrale Steuerung unter- einander ab.“ Bei Hansgrohe fangen sie Aus- lastungsspitzen ab und erhöhen die Produkti- vität – nicht zuletzt, weil sieweder Mittagspause noch Feierabend oder gar Urlaubstage kennen. Bei der FTS-Entwicklung vorne dabei ist der Waldkircher Sensorhersteller Sick. Mit immer feinerer Sensorik und Software, laser- wie ka- merabasiert, arbeitet Sick daran, die Roboter sicher durchs Gelände zu steuern. Eine der größten Herausforderungen ist dabei laut Mi- chael Repplinger, Head of Business Unit Mobile Robot Solutions bei Sick, „dass das System in jeder Situation exakt weiß, wo es sich bendet.“ Im Mobile Robot Test Center in Kollnau wird dies unter realen Bedingungen getestet. Und natürlich nutzt Sick die Technik auch in der eigenen Produktion, etwa in Hochdorf. Die Ameisen mit Eigenleben Aus modernen Lagern und Produktionshallen sind sie nicht mehr wegzudenken: Fahrerlose Transportsysteme (FTS), die Paletten verräumen und Produktionslinien mit Material ver- sorgen. Mit KI werden diese Systeme jetzt noch interessanter. Intralogistik Fotos: Hansgrohe; Sick
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