Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Dezember'25 - Hochrhein-Bodensee

Wirtschaft im Südwesten 12/2025 24 O b Vinylplatten, Filterka ee oder hand- geschriebene Briefe – das Analoge erlebt eine Renaissance. Warum das so ist, welche psychologischen Bedürfnisse dahinterstehen und was Unternehmen daraus lernen können, erklärt Uwe Schirmer, BWL-Pro- fessor an der Hochschule in Lörrach. Weihnachten steht vor der Tür – eine Zeit voller Rituale, Düfte und Handarbeit. Passt das noch in unsere zunehmend digitale Welt? Ja, auf jeden Fall. Weihnachten ist ein wunder- bares Beispiel dafür, wie sehr wir Menschen das Analoge brauchen. Wir verbinden es mit Sinnlichkeit, mit Dingen, die wir riechen oder anfassen können. Gerade weil unser Alltag so stark von Computerarbeit geprägt ist, wächst das Bedürfnis nach echten, haptischen Erleb- nissen – eine Art Gegenbewegung zur immer schnelleren, digitalen Welt. Also eine Reaktion auf zu viel Tempo und Technologie? Genau. Digitalisierung und KI beschleunigen unser Arbeiten enorm, manches können wir gar nicht mehr überblicken. Es entsteht ein Un- gleichgewicht und das wollen wir ausgleichen. Wir suchen nach Dingen, die langsamer, realer, fassbarer sind. Deshalb hören wir wieder Schall- platten oder p–egen den Garten. Das sind klei- ne Ausgleiche zur abstrakten, digitalen Welt. Ist Gleichgewicht eine Art psychologisches Grundbedürfnis? Der Mensch strebt immer nach Balance. Wenn wir Hunger haben, gehen wir an den Kühl- schrank, um das physiologische Gleichge- wicht wieder herzustellen. Hinzu kommt die sogenannte Selbstbestimmungstheorie: Wir fühlen uns dann am wohlsten, wenn wir selbst- bestimmt handeln können, also eigenmotiviert Entscheidungen tre en und uns als wirksam erleben. In der digitalen Arbeitswelt, in der vieles von außen gesteuert wird, geht dieses Gefühl oft verloren. Deshalb tut es uns so gut, etwas mit den eigenen Händen zu scha en. Denn dort sehen wir sofort das Ergebnis unse- rer Arbeit. Das klingt fast nach einer Sehnsucht nach Kontrolle. Das ist es auch. Digitalisierung bedeutet oft Kontrollverlust: Systeme arbeiten für uns, Pro- zesse laufen automatisch, KI tri t Entscheidun- gen. Diese Fremdsteuerung emp™nden viele als Belastung. Das Analoge gibt uns dagegen ein Gefühl von Kontrolle zurück. Wie reagieren Unternehmen auf diesen Wunsch nach Entschleunigung? Viele noch gar nicht, aber das wird kommen. Entscheidend ist, dass Führungskräfte selbst ein Bewusstsein dafür entwickeln, Stichwort Health Oriented Leadership, also gesundheits- orientierte Führung. Ein Chef, der rund um die Uhr erreichbar ist und Mails verschickt, sendet ein fatales Signal. Wer dagegen sagt: „Nach Fei- erabend bin ich ožine“, scha t eine Kultur, in der Erholung möglich ist – die Voraussetzung für langfristige Leistungsfähigkeit. Wie kann man Arbeit so gestalten, dass sie gesünder wird – trotz Digitalisierung? Ein spannender Ansatz ist das sogenannte Job Crafting. Dabei gestalten Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz aktiv mit – im Rahmen der Möglich- keiten natürlich. Sie entscheiden etwa, wie sie Aufgaben organisieren, mit welchen Kollegen sie zusammenarbeiten oder welche Software sie nutzen. Das stärkt das Gefühl der Selbst- bestimmung und führt zu mehr Sinnhaftigkeit. Erste Unternehmen probieren das bereits aus. Dabei geht es nicht um Entschleunigung, son- dern darum, Arbeitsbedingungen zu scha en, die motivieren statt überfordern. Lässt sich ein digitaler Arbeitsplatz über- haupt noch analog gestalten? Ganz zurück ins Analoge werden wir nicht kön- nen – das wäre auch nicht erstrebenswert. Aber wir können bewussteGegenpole scha en. Zum Beispiel: Nicht jedes Gespräch muss online statt™nden. Manchmal reicht es, einfach ein paar Stockwerke hinunterzugehen. Präsenz- tre en und gemeinsame Workshops mit Ho- telaufenthalt stärken den Zusammenhalt und das Vertrauen im Team. Ich spreche da von So- zialinvestitionen. Sie kosten zwar Zeit und Geld, zahlen sich aber durch Motivation und Verbun- denheit zumUnternehmen aus. Sind Entschleunigung und Cosyness ein Geschäftsmodell? Absolut. Wir sehen das zum Beispiel im boo- menden Seminarmarkt mit Angeboten zu Stressmanagement, Achtsamkeit oder MBSR, also Mindfulness-Based Stress Reduction, aber auch Yoga- oder Zeitmanagementkursen. Das Thema Runterkommen lässt sich sehr gut vermarkten. Ähnliches gilt für den Tourismus: Tempo braucht Pause Im digitalen Dauerrauschen wächst die Sehnsucht nach Stille, Sinn und Selbstbestimmung. Uwe Schirmer, Experte für Organisationspsychologie, erklärt, warum „langsamer“ nicht rückwärts bedeutet. Vom neuen Luxus unserer Zeit Foto: DHBW Lörrach

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