Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Dezember'25 - Hochrhein-Bodensee
im Blumenanbau, bei Ernte und Verkauf ist – und wann das wieder vorbei ist. Lüths Blumen sind sogenannte Slow owers, sie wachsen zu ihrer Zeit, in ihrem natürlichen Rhythmus und ganz ohne chemischen Booster. Es sei für sie von Anfang an der Reiz gewesen, „mit dem Lebendigen zu tun zu haben“, erklärt die Blu- mengärtnerin ihren Weg in die Landwirtschaft. „Auch mich und meinen Körper zu spüren, im Wind, in der Sonne, im Regen, die Kälte, die Wärme und was das dann so mit einem macht.“ Das bewusste Erleben und sich lebendig füh- len, mittendrin sein – „das berührt mich sehr“. Faszinierende Schönheit Dass sie sich draußen wohler fühlt als am Schreibtisch, merkt Lüth schon während ihrer Schulzeit in der Nähe von Kiel, wo sie aufge- wachsen ist. Sie fühlt sich unwohl, wenn sie bei schönem Wetter nicht raus kann. Nach dem Abitur erinnert sie sich an ihrenWunsch aus der Kindheit: Bäuerin werden. Bei der freiwilligen Arbeit auf einer Farm nahe Stockholmmacht es dann endgültig Klick. „Ich hab’ gemerkt, wow, das ist so sinnvoll! Direkt das Ergebnis zu sehen, von dem, was man tut, und sich mit den Jahres- läufen zu verbinden.“ Beim Demeterverband absolviert sie die Ausbildung zur Biobäuerin, der Gemüseanbau wird ihr Alltag. Und doch sind es die Blumen, die Malin Lüth letztlich am meisten faszinieren. Die „Blumen und ihre Schönheit berühren noch mal ganz anders“, sagt sie. „Das geht für mich immer mit der Frage einher, warum gibt es diese Schön- heit in der Welt und was macht das mit uns?“ Sie sagt: Blumen haben Power, geben Kraft. Und eigentlich würde sie die Blumen am liebs- ten verschenken, weil die herrlich farbenfrohen Gewächse ein Geschenk sind, aber sie muss ja auch von etwas leben. Lüth träumt von der Selbstständigkeit mit eige- nem Blumenfeld. Während ihrer Weiterbildung zur Landwirtschaftsmeisterin 2019 kalkuliert die Gärtnerin ihre Idee und gründet 2020Wildling- Blumen. Da ist Lüth der Liebe wegen längst im Markgrä erland gelandet. Heute baut die Slow- ower-Gärtnerin auf 0,8 Hektar Land bei Müll- heim Narzissen, Anemonen, Ranunkeln, Dah- lien, Löwenmäulchen, P¢ngstrosen und mehr D ie Blumenfelder sind auf dem Weg in den Winterschlaf, Malin Lüth hat daher Zeit für ein Gespräch. Statt Dahlien für den Schnitt wächst imMoment auf den Beeten Senf für den Bodenaufbau. Der Himmel strahlt an diesem Novembermorgen blau, beim Erzäh- len hat die Gärtnerin und Gründerin von Wild- ling-Blumen die Sonne im Gesicht und neben sich gackernde Hühner. Das alles wirkt wie eine Insel im Weiter-Höher-Schneller dieser Tage. Die Natur bestimmt Malin Lüths Arbeitsalltag, sie entscheidet, wann genau die heiße Phase an. Seit eineinhalb Jahren trägt sich ihr Unter- nehmen mit drei Teilzeit-Mitarbeiterinnen. Dass kurz nach der Gründung auch ihr Online- Blumen-Versand entsteht, ist Corona und den geschlossenen Floristen geschuldet, die sie beliefert. Seitdem ist Lüths eigentlich durch und durch analoge Tätigkeit mit der digitalen Welt verbunden. Und nicht nur das. Über die Jahre kam zu den Blumenfeldern noch ein Glashaus dazu, um den wunderschönen Ort mit anderen teilen zu können. Hier ¢ndenWork- shops statt und innerhalb der Saison von April bis Oktober kommen freitags Menschen, zum Blumen p ücken und Ka§ee trinken. Für ein bisschen Analoges im Digitalen. Und weil der Blumenanbau, bei allen Vorteilen, Malin Lüth die Saison über ordentlich auf Trab hält, (rechtzeitig p anzen, Unkraut managen, ernten, binden, verkaufen), sind Herbst und Winter dazu da, sich noch mal zu besinnen. „Ist es das, was ich machen will? Wo kann ich noch anpassen?“ Lüth sagt: Ihr Blumenfeld sei für sie eine perfekte Spielwiese, um ihre Kreativi- tät auszuleben. „Und gleichzeitig wirtschaftlich tragend, also das ist schon spannend und cool.“ Die Natur lehrt Geduld Malin Lüth hat viel gelernt, seit sie ihreWildling- Blumen hat. Geduld zum Beispiel. „Ich bin kein sehr geduldiger Mensch, aber das Gärtnern übt einen darin“, sagt die Gärtnerin amüsiert. Und Demut. Dass sich vermeintliche Fehler auch als Geschenk entpuppen können. Weil Unkraut auch Artenvielfalt bedeutet beispiels- weise und Ungeziefer Nahrung für Vögel. Für Lüth bedeutet das wiederum, der Natur etwas zurückzugeben für das, was sie von ihr nimmt. Auch den Klimawandel lernt Lüth kennen. Sehr trockene und sehr nasse Jahre hat Wild- ling-Blumen schon hinter sich. Das Wetter ist unberechenbarer geworden und das fordert ordentlich Flexibilität. Doch Lüth blickt positiv in die Zukunft. Sie hat Pläne, möchte sich einen festen Kundenstamm aufbauen, der von exklusiven Events, Infos und Blumenangeboten pro¢tiert. Eine Art Abo, wo- durch sie selbst besser kalkulieren kann. Und eine Gemeinschaft, ein Geben und Nehmen. Wie in der Natur. Susanne Ehmann Geschenke der Natur: Überschüssige Blumen, die Malin Lüth nicht verkaufen kann, verschenkt sie an Altenheime in der Region. Wirtschaft im Südwesten 12/2025 19
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