Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Dezember'25 - Hochrhein-Bodensee

Wirtschaft im Südwesten 12/2025 13 E s gibt sie, diese besonderen Buchläden, dieweit mehr sind als reine Verkaufsräu- me. Sie sind Rückzugsorte, kleine Inseln der Ruhe in einer lauten, schnellen Welt. Orte, wo man bewusst die Tür ö”net, um einzutreten in eine andere Atmosphäre - leiser, konzentrier- ter, wärmer. Wo jedes Buch sorgfältig ausge- wählt scheint. Zwischen den schmalen Regalen liegt die Liebe zur Literatur in der Luft, und statt auf Bestsellerstapel voller Mainstream-Titel stößt man hier auf Geschichten, die berühren, überraschen und bleiben. Genau so ein Ort ist Akzente – Bücher und Wein in O”enburg. Kaum größer als ein Wohn- zimmer, aber voller Charakter, Charme und Persönlichkeit. Wer den Laden betritt, merkt sofort: Hier geht es nicht um Trends, sondern um Leidenschaft – für Literatur, für das Echte, für Begegnungen zwischen Menschen, die das Lesen noch als Abenteuer sehen. Vor gut drei Jahren hat Kirsten Pieper die traditionsreiche Buchhandlung vor dem Aus bewahrt, das ur- sprüngliche Konzept behutsam weitergeführt und mit etwas kombiniert, das ebenso für Ge- nuss steht wie ein gutes Buch: Wein. Genauer gesagt: die Weine vom familieneigenen Wein- gut Pieper Basler in Zell-Weierbach. Worte und Aromen Hier tre”en zwei Leidenschaften aufeinander, die harmonieren: Bücher und Wein, Worte und Aromen. Und so wie beides zusammenpasst, tun es auch die Menschen dahinter – Kirsten Pieper und ihr Mann Jochen Basler. Er, Win- zer mit Herzblut, hilft an diesem Tag im Laden aus, kassiert freundlich, während seine Frau berät, empžehlt, telefoniert. Im kleinen Laden herrscht vorweihnachtliches Gewusel, zeitwei- se ist kaum ein Durchkommen möglich. doch niemanden stört es. „Es sind Gleichgesinnte, die sich hier tre”en“, erzählen Pieper und Bas- ler. Ihre Kunden – zunehmend auch jüngere – kommen nicht, um schnell etwas zu kaufen, sondern um zu stöbern, zu entdecken, zu blät- tern. Ganz analog statt online. Dass sich ihre Kundschaft so wohlfühlt, macht die beiden stolz. „99 Prozent der Menschen sind gut gelaunt, wenn sie zu uns kommen.“ Und manche bleiben einfach länger – „zum Schwät- zen“. Dieses Gefühl von Nähe und Vertrautheit macht Akzente aus. Natürlich bedeutet es viel Arbeit und manchmal auch Stress, eine Buch- handlung, ein Weingut und die dazugehörigen Ferienwohnungen fast allein zu managen – unterstützt nur von wenigen Mitarbeitern und der Familie. Aber das Leuchten in ihren Augen verrät: Für sie passt es so. Auch wenn das alles ursprünglich gar nicht so geplant war. Vom Artikel zur eigenen Buchhandlung Als 2021 ein Nachfolger für Akzente gesucht wurde, schrieb Kirsten Pieper damals als Lokal- redakteurin darüber – ohne im Traum daran zu denken, selbst die Nachfolgerin zu werden. „Als ich später das Schild ‚Geschäftsaufgabe‘ sah, habe ich Jochen gefragt, ob er sich vorstel- len könnte, dass ich den Laden übernehme.“ Zwei Wochen blieben zur Entscheidung. Doch schnell stand fest: Mit Büchern allein lässt sich kaum Geld verdienen. „Da wir auf dem Wein- gut keine Vinothek haben, war das Zusatzsor- timent schnell gefunden“, ergänzt Basler. Er selbst hatte sich 2015 als Geschäftsführer von den Gengenbacher Winzern verabschiedet, um im familieneigenen Weinberg ein Sabbat- jahr einzulegen – damals noch ein Experiment. „Aus dem Sabbatical wurde dann das Weingut Pieper Basler“, sagt er. 2016 kamen die ersten vier Weine auf den Markt. Heute umfasst das Weingut 5,5 Hektar, produziert rund 35000 Fla- schen im Jahr, gilt regional als Vorreiter beim Anbau französischer Rebsorten und hat erst- mals auch einen Naturwein herausgebracht. Bücher undWein – diese Kombination ist längst mehr als eine charmante Idee. Sie ist Herzstück des Konzepts. Neben dem Verkauf setzen Pie- per und Basler auf Veranstaltungen, die beides verbinden. „Unsere Lesungen auf demWeingut machen Literatur erlebbar“, sagt Pieper. Gleich die erste, mit dem preisgekrönten Autor Hanns- Josef Ortheil – „ein echter Genussmensch“ –, wurde 2023 zum großen Erfolg: 300 Besucher kamen. In diesemSommer las Jean-Luc Banna- lec – alias Jörg Bong, der frühere Fischer-Ver- lagsleiter – aus seinem neuen Bretagne-Krimi. „Die Stimmung war fantastisch - es gabCrêpes, Galettes und unser Muscadet feierte Premiere.“ Fast, so sagen die beiden lachend, wähnte man sich da in der Bretagne. Daniela Santo Auserlesene Tröpfchen: Da auf dem familieneigenen Weingut Pieper Basler in Zell-Weierbach kein Wein verkauft wird, dient die Buchhandlung als Vinothek – ein willkommenes Zusatzsortiment.

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