Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe November'25 - Hochrhein-Bodensee
Wirtschaft im Südwesten 11/2025 33 D igitalisierung, Arbeitskosten, Energiekrise: Die Liste der Herausforderungen für Unter- nehmen ist lang. Veränderungen in der Wirt- schaft passieren gefühlt immer schneller, der Druck steigt, vieles wird unsicherer und komplexer. Was für die meisten Unternehmen inzwischen Realität ist, heißt in der Arbeitspsychologie VUCA: Volatilität, Un- sicherheit, Komplexität und Ambiguität. „Gerade hier im Südwesten spüren Unternehmen diese Dynamik sehr“, sagt Florian Kunze, Professor für Organizational Behavior an der Universität Konstanz und bundesweit bekannt durch die Konstanzer Homeoffice-Studie, die Vermutungen bezüglich der Auswirkungen von Home Office durch empirische Daten ersetzt. Kunze erforscht im Future of Work Lab, wie sich Arbeit verändert und wie Unternehmen darauf reagieren können. Doch was genau ist anders? „Veränderun- gen gab es schon immer, aber die Geschwindigkeit hat in den vergangenen 10 bis 15 Jahren stark zuge- nommen“, sagt Kunze. Zum demografischen Wandel und dem Fachkräftemangel kommen Unsicherheiten durch Kriege und Konflikte sowie die Expansion von KI. Besonders kleinere Betriebe ohne professionelle Personalabteilung stünden daher vor Herausforde- rungen, so Kunze. „Viele Firmen haben Personalthe- men lange eher operativ behandelt, jetzt braucht es aber eine strategische Perspektive.“ Der beste Hebel: Kommunikation Der zentrale Punkt: Führung. „Wenn Menschen kündi- gen, dann oft nicht wegen der Organisation, sondern wegen der Beziehung mit ihrer Führungskraft“, sagt Kunze. Druck von oben, schlechtes Arbeitsklima, kei- ne Sinnhaftigkeit – all das setzt Unternehmen unter Druck. Ein möglicher Hebel: „SystematischeMitarbei- terbefragungen sind ein starkes Tool, umÜberlastung und Prioritäten sichtbar zu machen“, empfiehlt Kunze. Wer seine Mitarbeiter und deren Wohlbefinden im Blick habe, könne früher reagieren und „ein organi- sationales Burnout vermeiden“. Wie aber macht man Mitarbeiter veränderungsbereit? „Durch Kommuni- kation“, sagt Kunze. Wer den Blick nicht nur auf Pro- bleme richte, sondern die Zukunft Schritt für Schritt gemeinsamund positiv angehe, stifte Sinn – und stei- gere die Bereitschaft, Veränderungen mitzutragen. „Veränderung darf nicht nur erzwungen werden“ „Ob Menschen Veränderungen begrüßen oder ab- lehnen, hängt stark von Resilienz und Selbstwirksam- keit ab“, sagt Richard Uth, Arbeitspsychologe in der Abteilung der Arbeits- und Organisationspsycho- logie der Universität Freiburg. „Veränderung darf nicht nur von außen erzwungen werden“, sagt Uth. „Mitarbeiter bleiben nur dann langfristig moti- viert, wenn ihre Grundbedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit erfüllt sind.“ Dafür zu sorgen, sei wiederum Aufgabe der Führungskraft. Die gute Nach- richt: „Wir Menschen sind dafür gemacht, uns zu verändern“, betont Uth und ergänzt: „Wandel muss keine Bedrohung sein.“ Wie Veränderungen in Unternehmen im Südwesten aussehen können, zeigt die Freiburger Badenova. Energiekrise, Corona und Fachkräftemangel dräng- ten zu Veränderungen. Eine Umfrage unter den Mit- arbeitern zeigte: Es ist Handlungsbedarf da. Deshalb wurden 2020 sogenannte „Change Companions“ eingeführt: Kollegen, die Veränderungsprozesse be- gleiten. Das Projekt lief so gut an, dass es ausgezeich- net wurde und sich mit der Freibaden Transformation Consulting eine Ausgründung formierte. Anne Hegemann ist heute eine von zwei Geschäfts- führerinnen dieses Spin-Offs. Sie erzählt, man habe sich an den Bedürfnissen von Mitarbeitern und Un- ternehmen orientiert und die Angebote entwickelt, die nötig waren: Coaching, Workshops, Informations- veranstaltungen. Sie sagt: „Widerstände sehen wir nicht als störend, sondern als wertvolle Information.“ Erst durchWiderstand lasse sich ableiten, wo es hake Florian Kunze, Future of Work Lab, Konstanz „Veränderungen gab es schon immer – aber das Tempo hat stark zugenommen.“ „Wir Menschen sind dafür gemacht, uns zu verändern. Aber: Mitarbeiter bleiben nur dann motiviert, wenn ihre Grundbedürfnisse nach Autonomie, Kom- petenz und Verbun- denheit erfüllt sind.“ „Systematische Mit- arbeiterbefragungen sind ein starkes Tool, um Überlastung und Prioritäten sicht- bar zu machen, um darauf gegebenenfalls reagieren zu können.“ Richard Uth Uni Freiburg Florian Kunze Future of Work Lab Fotos: Ines Janas, Christian Borchert, adobestock.com/dilok
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