Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Oktober'25 -Südlicher Oberrhein

D er Schritt in die technologische Zukunft begann für Koch Freiburg an einer Kaffeemaschine im Steinbeis-Institut. Peter Meißner, einer der Geschäftsführer des Großhändlers für Bau- und Handwerksbedarf war mit einem seiner Softwareentwickler in dem Forschungsinstitut, um sich in Sachen künstli- cher Intelligenz (KI) auf den neuesten Stand zu bringen. „Am Kaffeeautomaten entspann sich die Diskussion, wie KI helfen könnte, ein solches Gerät bei einem Defekt effizient wieder flott zu kriegen.“ Denn: Der Freiburger Mittelständler hat im Kinzigtal mit TSB Türsysteme eine Toch- ter, die automatische Türen in Supermärkten, Kitas oder Krankenhäusern installiert und re- pariert. „Ein hochspezialisiertes Feld, in dem Fachkräfte rar sind“, sagt Meißner. Aber was wäre, wenn die knappe Ressource Servicetech- niker nur noch zu den wirklich kniffligen Fällen ausrücken müsste und der Kunde die einfache- ren Aussetzer – von der KI individuell angeleitet – schnell selbst in den Griff bekommt? Gedacht, getan: EinigeMonate Tüftel- und Pro- grammierarbeit später hat Koch Freiburg über sein Start-up helpcode.ai einen branchenüber- greifend einsetzbaren Troubleshooter am Start, der 24/7 Kunden, Fachleute und neue Kollegen unterstützt und dabei permanent dazulernt. Für das Familienunternehmen mit seinen 130 Mitarbeitern ist es die zweite große KI-Anwen- dung. Im Frühjahr erhielt Koch den Innova- tionspreis der IHK Südlicher Oberrhein für die inhouse entwickelte Koch-GPT, eine KI-Anwen- dung, die bei Produktsuche, Beratung und Be- stellung unter die Arme greift. Die Belegschaft hat somehr Zeit für diffizilereAnliegen und Koch beweist: Künstliche Intelligenz ist nicht ein Job- killer, sondern ermöglicht echten Mehrwert. „Beide Innovationen sind aus der Frage ent- standen, wie wir in einer Branche, die stark un- ter Druck steht, weiter wachsen und uns breiter aufstellen können. Bei bestehender Personal- decke und wohl wissend, dass so mancher Kollege bald in Rente geht und wir neue Mit- arbeiter schnell zu Fachleuten machen müs- sen“, erklärt Geschäftsführer Meißner. In diesen Überlegungen spiegeln sich Megatrends wider, die laut Zukunftsforschern die Arbeitswelt in- nerhalb der nächsten fünf Jahre entscheidend und dauerhaft verändern: · der technologischeWandel · der demografischeWandel und · die Flexibilisierung der Arbeitswelt in einem weltwirtschaftlich sehr herausfordernden Um- feld mit sich weiter verschärfenden Handels- konflikten. Megatrend 1: der technologischeWandel So atemberaubend die Einsatzmöglichkeiten von KI, Robotern und Co. schon jetzt sind – die Unternehmen in der Region sind beim KI-Ein- satz noch recht zögerlich, sagt Sunita Patel, bei der IHK Hochrhein-Bodensee für den Techno- logietransfer verantwortlich. Gründe dafür hat das Institut der Deutschen Wirtschaft jüngst erfragt: 63 Prozent der Unternehmen tun sich demnach schwer, den Nutzen von KI für sich einzuschätzen. Insbesondere kleineren Firmen fehle es an Erfahrung mit neuen Technologien. Fast ebenso oft wird der Schulungsbedarf fürs Personal als Hemmschuh angeführt. Ein bisschen ist das, als gäbe man einemWan- derer ein Fahrrad – und der beschwert sich, jetzt auch noch das Rad schieben zu müssen, anstatt einfach aufzusteigen und schneller voranzukommen. „Naja, Technologie gibt den Unternehmen die Möglichkeit, Arbeitsschritte auch ohne das Personal zu lösen, das wegen des demografischen Wandels schon heute immer knapp wird,“ sagt dazu Marvin Lehmann, Referent für Innovationsmarketing bei der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg. Tatsächlich geht das Statistische Bundesamt in seiner aktuell vorgelegten Bevölkerungsvorausberechnung davon aus, dass die Zahl der Menschen im Er- werbsalter bis 2035 (je nach Szenario) um 1,6 bis 4,8 Millionen Menschen sinkt. Ob viel oder wenig Zuwanderung, weiter sinkende Gebur- tenzahlen oder mehr Nachwuchs: In allen Sze- narien gibt es große regionale Unterschiede. Während in Stadtstaaten und Metropolen die Wenn die KI Türen öffnet Wie arbeiten wir morgen? Und was genau? Ganz unterschiedliche Antworten auf diese Fragen hat unsere Autorin bei den Unternehmen im Südwesten gefunden und dabei mit Freunden der Vier-Tage-Woche gesprochen, Firmen in Schockstarre gefunden und erfahren, warum manchmal Kaffee ein Gamechanger ist. Die Zukunft der Arbeit „Sechs von zehn Firmen tun sich noch sehr schwer, den Nutzen von KI für sich einzuschätzen.“ Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft Wirtschaft im Südwesten 10/2025 06

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