Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Oktober'25 -Südlicher Oberrhein
Foto: Torsten Kleint Wirtschaft im Südwesten 10/2025 25 D rei Jahre Rezession sind fürs Geschäft gar nicht so schlecht. Zumindest nicht für einen Coach wie Torsten Kleint, der Unternehmern neuen Mut macht und sie dar- an erinnert, was wirklich in ihnen steckt. „Viele vergessen das im Lauf der Jahre“, sagt Torsten Kleint. „Diewenigsten haben noch eine klare Vi- sion, stattdessen sind sie oftmals umgeben von Nein-Sagern und ihr Selbstwertgefühl ist nicht mehr bei neun oder zehn, sondern runter auf drei oder vier.“ Das ist dann der Punkt, an dem Kleint als Deutschlands toughester Mental- Coach diese Menschen mit dem Gesicht vor- aus eine Hauswand herunterscheucht, in Eis- wasser springen oder auf Gipfel klettern lässt… Ein Junge vom Dorf Aber der Reihe nach. Torsten Kleint ist ein Junge vom Dorf. ’76 geboren, sozialisiert mit Helden wie Colt Seavers, Jody Banks und der großen Freiheit, die es früher in den Dörfern gab. Der Papa, der Onkel, der Opa mit dem Ackerbaubetrieb: alles schaffige Typen, die dem kleinen Torsten früh viel zutrauten. Ob beim Klettern in den richtig steilen Passagen am Gardasee oder bei der Kartoffelernte. Tre- cker gefahren ist Torsten in der Grundschule und den Klettergurt hatte er mit sechs auch schon an, um in die Felswand zu gehen oder bis zu 1000 Höhenmeter bergan zu laufen und seinen Idolen nachzueifern: den Bergführern mit dem blauen Abzeichen am Ärmel. Das alles mag klingen wie ein Albtraum für Helikopter-El- tern – aber ist vielleicht genau die Sozialisation, die es braucht, um später Polizist mit besonde- ren Aufgaben, Bergführer, Extremsportler und Gleitschirmflieger zu werden. Nur kann man eben abstürzen, wenn man die Bodenhaftung verliert. Und genau dieses Ge- fühl kennt Torsten Kleint aus eigener Erfahrung. 2001 war Kleint mit seinem Gleitschirm in den französischen Alpen unterwegs, hatte mehrere heftige Aufstiege hinter sich und wollte eigent- lich nur schnell zurück ins Tal. Ein Routineflug. Nichts Besonderes für einen, der es gerade als jüngster Bewerber aller Zeiten zum SEK ge- schafft hatte. Gegen Geiselnehmer kämpfen, Terroristen ausschalten, bewaffnete Gewalttä- ter verhaften: einer von den ganz harten Jungs. „Aber eben doch kein James Bond“, sagt Kleint und lächelt ein bisschen gequält. Denn James Bond hätte es sicher geschafft, auf jenem Flachdach zu landen, das sich Torsten nach einigen heftigen Turbulenzen für seine Not- landung ausgeguckt hatte. Im Film: kein Pro- blem. Im wahren Leben aber donnerte Kleint ungebremst einen Meter unterhalb vom Dach gegen die Betonwand einer Halle und stürzte 17 Meter in die Tiefe. Diverse Knochenbrüche. Beine, Schulter, alles kaputt. Der ganz große Absturz Jemals wieder laufen können? Schwer zu sa- gen, meinten die Ärzte und aus dem Kraftpa- ket von einst wurde ein Jammerlappen mit nur noch 48 Kilo, der sich selbst nicht mehr mochte. Neun Monate Klinik. Zu sechst in einemZimmer. Die Freundin weggelaufen, das rechte Bein ge- lähmt: der absolute Tiefpunkt. Weitermachen? Aufgeben? Suizid war damals ein Thema, sagt Kleint im Nachhinein. Zum Glück aber fand er seinen Weg aus der Krise. Zuerst in Form eines Buches. Tour des Lebens. Lance Armstrong und dessen Kampf gegen den Krebs. „Mein Onkel hat mir das geschenkt – und ich hab’ das Buch gleich in der ersten Nacht verschlungen“, erinnert sich Kleint. Die Geschichte von einem, der nicht aufgibt und dann Großes erreicht – wenn der das kann, warum nicht auch ich? Tage später der nächste Impuls: Vitali Klitsch- ko kam für eine Keynote in die Uni-Klinik und Torsten Kleint durfte dabei sein. Im Rollstuhl damals noch, aber Klitschkos Kampfgeist wirk- te auf ihn so ansteckend, dass er danach die Reha schaffte. „Der Klitschko hat damals einen Satz gesagt,, der hängengeblieben ist: ,Jeder von euch hat seine besonderen Fähigkeiten. Aber wisst ihr darüber Bescheid und nutzt ihr sie auch im Ring des Lebens, wenn ihr für eure Ziele kämpft?“ Man kann sich denken, was danach passierte. Kleint kam tatsächlich wieder auf die Beine. Keine Amputationen, kein Rollstuhl. Ein biss- chen steif ist das Bein noch – aber nicht so, dass man damit nicht über Jahrzehnte Polizist sein könnte. Und Bergführer. „Das war schon als Kind meine Vision“, sagt Kleint und streicht mit der Hand über den großen Aufnäher am Ärmel. Dazu muss man wissen: Wir sitzen hier am Früh- stückstisch zwischen Nutella und Marmelade in Kleints Haus in March – weiter weg vom Mat- terhorn kann man kaum sein, aber man merkt eben, wie wichtig demCoach seine Vision ist. „Fang an, deine Grenzen zu sprengen“ Das wirkt ansteckend. Schon beim Interview, aber erst recht auf Bergtouren oder in der Jo- chen-Schweizer-Arena, wo Kleint seine Klien- ten dazu bringt, über sich hinauszuwachsen. Senkrecht eine Hauswand herunterlaufen – das muss ein großartiges Gefühl sein! Da- nach sind die Geschäftsführer und Vertriebs- leiter, die Personalchefs und Finanzvorstände so adrenalingeladen, dass sie sich alles zu- trauen. Eisbaden? Why not! Bergtour? Aber gern! Harte Preisverhandlungen mit Kunden? Easy! Schwierige Gespräche mit Mitarbeitern? Nichts, wovor man Angst haben müsste… „Ich bin eben doch kein James Bond. Und so knallte ich voll gegen die Wand und stürzte ab.“ Torsten Kleint über seinen Absturz mit Gleitschirm
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