Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Oktober'25 -Südlicher Oberrhein
Personal-Experte Manuel Fink Wer als Arbeitgeber die Fehlzeiten seiner Mitarbeiter senken will, muss zunächst deren Gründe kennen – und dann das Gespräch suchen. natürlich auch einige, die zu Hause bleiben, ob- wohl sie fit genug wären, zur Arbeit zu gehen. Also gehen Sie nicht mit, wenn ich sage: Wer krank ist, ist krank? Nein, dies ist ein unbegründeter Glaubenssatz. Den Satz hören wir oft von Führungskräften, wenn sie auf ihre hohen Fehlzeiten angespro- chen werden – oder von Mitarbeitern mit auf- fällig hohen und unterschiedlichen Fehlzeiten. Diese auffällig hohen und zunehmenden Fehlzeiten – was steckt dahinter? Es sind ganz viele Ursachen, die hier zusam- menkommen. Erstens: Seit der Covid-Pan- demie gibt es ein anderes Bewusstsein für Atemwegserkrankungen. Wo man früher noch mit einem Schnupfen zur Arbeit ging, wird man heute wegen möglicher Ansteckungsgefahren nach Hause geschickt. Ohne Homeoffice-Mög- lichkeit führt dies zu höheren Abwesenheiten. Zweitens: In einer alternden Gesellschaft steigen die Ausfälle aufgrund von Verschleiß- erscheinungen. Jenseits der 55 dauert die Zeit bis zur Genesung fast doppelt so lange wie bei den unter 25-Jährigen. Hinzu kommt, dass die jüngeren Generationen ein anderes Verständ- nis von (ihrer) Gesundheit und ihrer Loyalität zu ihrem Arbeitgeber haben und sich früher krankschreiben lassen als ältere Mitarbeiter. Drittens: Im Zehnjahresvergleich haben wir einen Anstieg der Arbeitsausfälle wegen psy- chischer Erkrankungen um 48 Prozent. Das Gesundheitswesen liegt hier auf dem trauri- gen ersten Platz, steht im Psychreport der DAK 2023. Viele Krankschreibungen sind aufgrund von Depressionen oder Ängsten bei jüngeren Generationen festzustellen. Viertens: Wir mes- sen besser als früher. Seit Januar 2023 erfolgt eine automatisierte, elektronische Übermitt- lung der Krankmeldung vom Arzt zur Kranken- kasse – das führt zu einer gesteigerten Erfas- sungsquote. Fünftens: Seit Dezember 2023 sind telefonische Krankschreibungen dauer- haft möglich. Hier streiten sich die Wirtschaft, Politik und die Ärztekammern darüber, ob dies wieder rückgängig gemacht werden soll. Die Wirtschaft sagt, es ist zu einfach, sich krank- zumelden. Die Ärzte sagen, es beuge einem Kollaps der Arztpraxen vor und vermeide An- steckungen imWartezimmer. Das sind überwiegend Dinge, die man als Arbeitgeber nicht beeinflussen kann. Es kommt noch etwas dazu: Mitarbeitende fühlen sich aufgrund des Fachkräftemangels – der trotz Wirtschaftskrise anhält – unersetz- bar und melden sich eher krank, da sie davon ausgehen, auf der Arbeit nicht mit Nachteilen rechnen zu müssen. Denn der Krankenstand steht eindeutig mit der wirtschaftlichen Situa- tion in Verbindung. In den 1990er- und frühen 2000er-Jahren, als Deutschland als „der kran- ke Mann Europas“ galt, ging der Krankenstand kontinuierlich zurück – auch aus Angst um den Job. Mit den Reformen der Agenda 2010 und dem Aufschwung nach der Finanzkrise 2008/2009 wurde die wirtschaftliche Situation besser – und der Krankenstand stieg an. 18 Tage ist der Durchschnittsdeutsche krankgeschrieben – wie hoch ist der echte Arbeitsunfähigkeits-Anteil, sozusagen der medizinischeWirklich-krank-Sockel? Hierzu gibt es Forschungen von Peter Nieder, demzufolge das Ausmaß der beeinflussbaren Fehlzeiten bei etwa 40 Prozent liegt. Dann wäre der Medizinisch-wirklich-krank-Sockel bei elf Tagen. Eine amerikanische Studie aus 2012 geht sogar von nur 1,5 Prozent – also etwa vier Tagen – als Sockelbetrag aus. Also sind wir ein Land mit immer mehr Blau- machern geworden? Unbestritten, es gibt Blaumacher in unserem Land. Aber die Situation ist nicht neu, hat sich nicht verändert und ist auch kein rein deut- sches Phänomen. Wir können festhalten, dass fünf bis zehn Prozent der Mitarbeitenden sich öfter krankmelden, obwohl sie fit genug wären. Einen dokumentierten Hinweis darauf liefert das Ergebnis der Umfrage „Arbeiten 2023“ von der Pronova BKK: Die Bettkantenentscheidung, bei der die Betroffenen sinnbildlich beim Auf- stehen entscheiden, ob sie zur Arbeit gehen oder nicht, fällt bei 59 Prozent der Beschäftig- ten in Deutschland zugunsten der Krankmel- dung aus, obwohl sie arbeitsfähig wären: Jeder Zehnte tut dies laut der Befragung häufig, 23 Prozent manchmal und 26 Prozent selten. Gibt es Unterschiede von Firma zu Firma? Bei einem Start-up, wo jeder jeden kennt und Foto: Jigal Fichtner Wirtschaft im Südwesten 10/2025 19
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