Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Oktober'25 -Südlicher Oberrhein

M ehrere Männer in Anzügen, da- zwischen eine Frau: So sehen viele Gruppenbilder aus den Chefetagen deutscher Unternehmen aus. Man muss also nicht unbedingt das Statistische Bundesamt hinzuziehen, um festzustellen, dass Frauen an der Spitze deutscher Unternehmen unterre- präsentiert sind. Tut man es doch, sagen die Zahlen: In deutschen Führungsetagen arbei- teten 2024 rund 29 Prozent Frauen. Damit liegt Deutschland im EU-weiten Ranking auf Platz 22, weit hinter Spitzenreiter Schweden, wo 44 Prozent aller Führungspositionen von Frau- en eingenommen wurden. Woran liegt das? An der Kompetenz sicherlich nicht. In Sachen schulischer und beruflicher Bildung schneiden junge Frauen oft besser ab als junge Männer und machen außerdem im Berufsleben fast die Hälfte der Erwerbstätigen aus (Quelle: Destatis). „Frauen haben oft eine bessere Auffassungsgabe und schreiben meist die besseren Noten. Das sind meine konkreten Erfahrungen aus dem unternehmerischen All- tag“, bestätigt Birgit Hakenjos, Präsidentin der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg. „Verfügen sie dann noch über technisches Talent, sind ihre Chancen eigentlich unbegrenzt.“ Tatsächlich bleibt Frauen und Mädchen manche Aufstiegs- chance aber noch immer verwehrt. Dabei ist formal vieles möglich. Wollen Frauen also Führungspositionen nicht oder zeigen sie schlicht zu wenig Ellenbogen? Weder noch, sagen Fachleute. Das Problem ist strukturel- ler Natur. Und vielfältig. Chancen werden in der Realität nicht gleich ausgeschöpft, sagt Nina Hartmann, Vorsitzende der hiesigen Sek- tion des Verbands der Unternehmerinnen in Deutschland (VdU) und Prokuristin bei Südvers in Au. „Das deutsche Grundmodell orientiert sich historisch am Hauptverdiener-Mann mit ‚dazuverdienender‘ Ehefrau. Diese Grundidee prägt bis heute unsere Infrastruktur, etwa bei Kinderbetreuung oder Pflege älterer Angehöri- ger. Frauen sind dadurch überproportional mit Care-Arbeit und Mental Load belastet.“ Ähn- lich sieht es auch Anja Keller, Teil des Teams von Futur F aus Freiburg, Trägerin des Wo- men*-for-Impact-Programms für feministische Führungskultur: Durch unbewusste Biases, also Vorurteile, stereotype Rollenerwartungen, fehlende Vereinbarkeit von Care-Arbeit und Karriere sowie männerdominierte Netzwerke würden Frauen an eine gläserne Decke stoßen, die „weniger mit Können, sondern mit Macht- strukturen und tradierten Organisationskultu- ren zu tun hat“. Karriere – aber nicht um jeden Preis In einer Studie ist die Bertelsmann-Stiftung der Frage nachgegangen, welchen Einfluss gerade die Rollen von Frauen im Beruflichen wie im Pri- vaten – Kollegin, Mentorin oder Führungskraft; Mutter, Tochter, Lebensgefährtin –, ebenso wie die Rollenzuweisungen von außen auf Frauen und ihre berufliche Entwicklung haben. Dabei zeigte sich: Frauen wollen Karriere ma- chen – aber sie wollen noch vieles mehr. „Frau- en haben in der Tendenz andere Lebensprio- ritäten als Männer“, erklärt Armin Trost, Dekan der Business School der Hochschule Furtwan- gen. Seine Schwerpunkte: Human Resources Management und angewandte Psychologie. Trost sagt: Männer seien tendenziell eher be- reit, für Status, Macht und Geld alles andere unterzuordnen. Frauen sei dagegen Zwischen- menschliches, Soziales, Familie, Freunde min- destens ebenso wichtig wie Karriere, das zeige die Forschung. Eine Tendenz, die sich durch alle Kulturen ziehe, also weniger gesellschaft- lich zu begründen sei, sagt Trost. „Wir müssen akzeptieren – und das kommt mir in der Gen- derdiskussion oft zu kurz: Diese Rollenvertei- lung stecke tiefer in uns drin, als wir denken.“ Doch das ist es nicht allein. Die Bertelsmann- Studie zeigt auch auf, wie sehr Führungsfrauen mit widersprüchlichen Erwartungen zu kämp- fen haben. Sie geraten häufig in ein Dilemma: „Wenn Frauen zurückhaltend auftreten, gelten Chancen für Chefinnen Frauen sind in deutschen Chefetagen nach wie vor unterrepräsentiert – trotz Top-Qualifikationen. Formal scheinen ihnen alle Türen offen zu stehen. Sind Frauen also einfach zu zurückhaltend? Was stereotype Rollenbilder damit zu tun haben und wie neue Führungsmodelle helfen... Unternehmensführung „Frauen haben oft eine bessere Auffassungsgabe und schreiben die besseren Noten.“ Birgit Hakenjos, IHK-Präsidentin Wirtschaft im Südwesten 10/2025 12

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